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Der heilige Michael

Ident. Nr.: KFMV.261

ObjID: obj:865361

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Luca Giordano (1634 - 1705),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1663
Weitere Titel
Sammlungstitel: Der heilige Michael
Übersetzung: Saint Michael
Geografische Bezüge
Italien,
Land
Material / Technik
Leinwand
Abmessungen
Bildmaß: 196,2 x 146,9 cm

Objektbeschreibung

Der über Satan und die rebellischen Engel triumphierende heilige Michael war ursprünglich offenbar ein Altarbild, und zwar, nach den Maßen zu urteilen, das Altarbild einer Seitenkapelle. Wir wissen aber nicht, für welche Kirche das Bild be - stimmt war. Es entstand um 1663, in einer Stilphase, in der Giordano den Einfluß des von 1656 bis 1660 in Neapel tätigen Mattia Preti und der venezianischen Komponente in Pretis Stil (Veronese) überwunden hatte und nun zeitweilig von dem großen Bolognesen Guido Reni Anregungen empfing. Dessen Einfluß äußert sich in der besonders flüssigen Pinselschrift, in der Leichtigkeit des Vortrags, der luftig-transparenten Erscheinung vor allem der gemalten Gewandpartien und in dem hellen, leuchtenden Kolorit. Renis bedeutendes Spätwerk, die Anbetung der Hirten im Chor der Neapler Kartäuserkirche S. Martino, übte in Neapel großen Einfluß aus. Hier findet sich ein ähnlicher Farbdreiklang aus Blau, Weiß und Rot, wie er Giordanos Bild beherrscht. Giordano hat sich aber auch noch direkter von Guido Reni anregen lassen, nämlich zum einen von dem berühmten Altarbild des heiligen Michael, das Reni kurz vor 1636 für die Kapuzinerkirche in Rom gemalt hatte, und zum anderen von einer anonymen Radierung des heiligen Michael nach Reni. Giordano verschmolz in seinem Bild Elemente aus diesen Kompositionen Renis mit einem anderen berühmten Prototypus: Raffaels 1518 datiertem heiligen Michael, den Lorenzo de’ Medici König Franz I. von Frankreich geschenkt hatte. Giordano kannte die Komposition aus dem Nachstich von Beatrizet. Das Motiv der Lanze, die der Erzengel mit beiden Händen umfaßt, um zuzustechen, und die fast tänzerische Haltung mit dem abgespreizten linken Bein hat Giordano von Raffael oder von der Radierung nach Reni übernommen. Die Diagonalkomposition, die entsprechende Neigung des Kopfes, den Giordano aus der Dreiviertelansicht ins reine Profil wendete, den Gesichtstypus mit dem welligen, blonden Haar und vor allem die leuchtend- helle Farbigkeit des blauen Panzerhemdes und der hellrosafarbenen flatternden Draperie entlehnte Giordano von Reni. In der Satansfigur ist schließlich deutlich der Einfluß von Giordanos vermutlichem Lehrer Ribera spürbar, in der kontrastreichen Modellierung des Leibes, in den drastischen Gebärden und dem fratzenhaften Gesicht mit dem weit aufgerissenen, zähnebleckenden Mund. Als direktes Vorbild diente eine Radierung Riberas von 1622. In dem sehr viel größeren und in dunkleren Farben gehaltenen Altarbild des heiligen Michael in Wien (Kunsthistorisches Museum), das ungefähr fünf bis sechs Jahre vor dem Berliner Bild entstand, ist die Nähe zu Ribera noch sehr viel stärker, ein Einfluß Renis dagegen noch nicht spürbar. Giordano hat das Thema noch in weiteren Altarbildern aufgenommen; überhaupt sind derartige Darstellungen im 16. und 17. Jahrhundert sehr häufig. Der heilige Michael als »miles christianus« galt als Symbol der triumphierenden katholischen Kirche im Kampf sowohl gegen den Protestantismus wie gegen die Türkengefahr. Das Thema hatte besondere Aktualität in der Zeit der Türkenkriege, die in den siebziger und achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts mit dem Sieg Johann Sobieskis 1672 bei Chozim, mit der Entsetzung Wiens 1683 und der Befreiung Budapests 1686 zu enthusiastisch gefeierten Erfolgen führten. Der triumphale Charakter von Giordanos Bild, in dem sich das optimistische Selbstgefühl der römischen Kirche dieser Epoche ausdrückt, wird durch die festliche, lichte Farbigkeit unterstrichen. Die Anregungen von Raffael, Reni und Ribera hat Giordano in die Sprache des Hochbarocks übersetzt. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019

SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: Giordano. / •F•
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This picture of Saint Michael triumphing over Satan and the Rebel Angels must have originally served as an altarpiece, and judging by its dimensions, was intended for a side chapel. It is not known for which church it was executed. It dates from circa 1663, during a stylistic phase when Giordano had overcome the influence of Mattia Preti, who was active in Naples from 1656 until 1660, and the Venetian component of Preti’s style (Veronese), and was now occasionally receptive to stimulus from the great Bolognese painter Guido Reni. The latter’s influence is reflected in the conspicuously fluid brushwork, in the lightness of the paint application, in the airy, transparent appearance of the garments in particular, and in the bright, luminous palette.

Reni’s major late work, the Adoration of the Shepherds in the choir of the Carthusian church of San Martino in Naples, exercised a powerful influence. There, we encounter a colour triad, consisting of blue, white, and red, which resembles the one, which dominates Giordano’s picture. In it, Giordano drew on Guido Reni in an even more direct fashion, first from the latter’s celebrated Saint Michael altarpiece, produced shortly before 1636 for the Capuchin church in Rome, and secondly from an anonymous etching of Saint Michael after Reni. In this picture, Giordano fuses elements from these works by Reni with another famous prototype: Raphael’s Saint Michael, dated 1518, which Lorenzo de’ Medici gave as a gift to King François I of France. Giordano knew that composition from an engraving by Beatrizet. Giordano borrowed the motif of the lance, which the archangel holds in both hands and plunges downward, and the almost dancelike pose of the splayed legs, either from Raphael or from the etching after Reni. The diagonal composition, the corresponding inclination of the head, which Giordano rotates from a three-quarters view into a pure profile, the facial type with the curly blonde hair, and in particular the brilliant colouration of the blue mail shirt and the pale pink of the fluttering drapery too are borrowed from Reni. Readily noticeable in the figure of Satan, finally, is the influence of Giordano’s presumed teacher Ribera, namely in the richly contrasting modelling of the figure, and in the savage gestures and the grotesque face with its wide-opened, snarling mouth. Serving as a direct model here is an etching by Ribera that dates from 1622.

The proximity to Ribera is far stronger in the much larger, darker altarpiece of Saint Michael in Vienna (Kunsthistorisches Museum), produced five or six years after the Berlin picture, while the influence of Reni is not yet perceptible. Giordano took up this theme – a fairly common one in the 16th and 17th century generally – in additional altarpieces. Saint Michael, as a “miles christianus”, was a symbol of the triumphant Catholic Church in the struggle against both Protestantism as well as the Turkish menace. The theme was particularly current during the Great Turkish War, which led to enthusiastically celebrated successes during the 1670s and 80s, with the victory of Johann Sobieski in the battle of Khotyn in 1672, with the defence of Vienna in 1683, and the liberation of Budapest in 1686. The triumphant character of Giordano’s picture, which expresses the self-assured optimism of the Roman church during this period, is underscored by the bright, festive colour scheme. Here, Giordano has translated impulses derived from Raphael, Reni, and Ribera into the language of the High Baroque. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Im Vordergrund einer baumreichen Landschaft weidet eine Viehherde am Ufer eines Flußlaufes. Frauen melken die Kühe und füllen die Milch zum Transport und Verkauf in kupferne Kannen. Durch das Grün des Laubwerks dringen die Strahlen der Abendsonne. Die Schatten vertiefen sich zu warmbräunlichen Werten. Im milden Halblicht erlangen die Inkarnattöne, das Rot einer Bluse, das tiefe Blau eines Kleides oder die ockerfarbenen und rostbraunen Valeurs im Fell der Tiere kostbare Leuchtkraft. Beleuchtung und Kolorit verleihen der Landschaft den Charakter erstrebenswerter Idylle, die im nächsten Moment jedoch jäh unterbrochen wird durch den Büchsenschuß des Entenjägers rechts jenseits des Wassers. Gerade diese Störung lässt die friedvolle Stimmung der Landschaftsnatur umso eindringlicher bewusst werden. Obschon Rubens in erster Linie Historienmaler war und nur vergleichsweise wenige Landschaften schuf, bezeichnen seine Werke dieses Gegenstandes den Höhepunkt der flämischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert. Dabei beeindruckt die Spannweite seiner Naturdeutungen. Im Berliner Gemälde spiegelt sich Rubens Interesse an der ländlichen Umgebung Antwerpens wieder, wobei wesentliche Elemente von Figurenerzählung und Bildaufbau auf zwei frühere Gemälde zurückgehen. Zum einen ist dies die Wiese von Laeken (London, Buckingham Palace) und auf die Polderlandschaft (München, Alte Pinakothek). Dem Münchener Bild ist die aus drei Kühen und den beiden sitzenden Frauen zusammengestellte Mittelgruppe entlehnt. Darüber hinaus sind Eigenzitate im Motiv der pissenden Kuh am Rande des Wassers und im Tier links am Bildrand nachzuweisen. Vergleichbar ist auch der Schauplatz der Weide- bzw. Melkszene mit dem zur vorderen Bildebene absinkenden Terrain und dem Tiefenausblick links. Neben den sichtbaren Analogien lassen sich gewissermaßen auch unsichtbare aufzeigen. Die knorrigen Weidenstämme im rechten Vordergrund der Münchener Arbeit wie auch die dunkelfarbene, im Profil nach links ausgerichtete Kuh im Zentrum der Komposition oder der Hirte mit dem Melkgefäß lassen sich in der Röntgenaufnahme unseres Bildes an entsprechender Stelle nachweisen. Diesen Befunden ist zu entnehmen, dass am Beginn der Genese der Berliner Landschaft eine eigenhändige Zweitfassung des Münchener Bildes gestanden haben dürfte. Es kennzeichnet Rubens’ Arbeitsmethode, einmal erprobte und für gültig befundene Bildlösungen immer wieder verwendet zu haben. Durch Fortlassen oder Hinzufügen und kompositionelles Verschieben, vor allem aber durch Veränderungen des Bildformats, das gegenüber der Münchener Fassung während des Malprozesses nach rechts zur Breite sowie auch zur gesamten Höhe hin erheblich erweitert wurde, entwickelte Rubens eine neue Landschaftsansicht. Fern von der schlichten Auffassung des Münchener Bildes gelangt er in dem Berliner Bild zu einer reicheren Zusammenstellung der Dinge, einer lebhafteren Palette bzw. zu einer Form des Helldunkels, die nicht monochrom ist, sondern mittels farbig differenzierter Nuancen in harmonischer Ausgewogenheit das gegenständliche wie auch das atmosphärische Wesen der Landschaft erfasst. Die bildfüllende Vielfalt der Motive bleibt gewahrt, ohne dass die Kontinuität des Ganzen beeinträchtigt erschiene. Neben der auf repräsentative Wirkung zielenden Gestaltgebung ist es vor allem die bildnerische Deutung der Natur als Träger menschlicher Vorstellungen bzw. Empfindungen, die das Berliner Werk im Einklang mit Rubens’ späten Landschaftsdarstellungen auszeichnet. Jan Kelch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________In the foreground of a densely wooded landscape, a herd of cows is grazing along the banks of a river. Women are milking the cows and filling the milk into copper jugs to transport and sell it. The rays of the evening sun pierce the green foliage of the trees; the shadows are getting deeper, taking on warm brown hues. In the soft half-light, the incarnate shades – the red of a blouse, the deep blue of a dress, the ochre-yellow and rust-red tones in the hides of the animals – acquires a rich luminosity. The lighting and the colouring give the landscape an idyllic and very inviting character, which is, however, abruptly disturbed by the shot of the gun of the wildfowler who is crouched on the other bank of the river in the bottom right corner of the painting. This loud interruption serves to underscore the deeply peaceful atmosphere of the scene and the landscape.Although Rubens was primarily interested in historic scenes, painting only few landscapes in his career, the works that belong to this genre mark a high point in Flemish landscape painting in the 17th century. The breadth of his interpretations of natural scenery is impressive. The Berlin painting displays Ruben’s interest in the countryside around Antwerp. Key elements of the composition of the figures and the overall composition can be traced back to two earlier paintings, Farm at Laken (London, Buckingham Palace) and Landscape with Cows (Munich, Alte Pinakothek). From the Munich painting, Rubens has borrowed the central group with the three cows and the two seated women. Also, the urinating cow at the edge of the water and the animal on the left side of the painting are both quotes from this earlier work, as is the scene undulating meadow that sinks towards the front edge of the painting and the view into the distance on the left.As well as the visible analogies, there are also several invisible ones. An X-ray of the Berlin painting reveals the presence in the same place of the knotty trunks of the willow trees in the right foreground of the Munich painting and the dark-coloured cow facing left in profile at the centre of the composition or the cowherd with the milking churn. These findings suggest that the Berlin landscape is likely to have originally started out as a copy or second version of the Munich painting. It is typical of Rubens’ approach to work that he reused compositions that he was happy with. By omitting or adding and by shifting elements in the composition, and especially by altering the format, which was extended considerably during the painting process, both in width and in height, compared to the Munich version, Rubens created a new landscape. Departing from the simple concept of the Munich picture, the Berlin painting has a much richer composition, a more lively palette of colours and a type of light and shade that is not monochrome but which uses carefully nuanced shades to capture both the figurative and the atmospheric essence of the landscape. The variety of the elements, which fill the entire picture, remains without impairing the continuity of the whole. As well as the overall composition, which is intended to have a representational effect, it is above all the pictorial interpretation of nature as the conduit of human ideas and feelings that distinguishes the Berlin work and sets it in the context of Rubens’ late landscape depictions. Jan Kelch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Poussin, der nach einer lyrisch-romantischen Frühphase in seinen figuralen Kompositionen ein an der Antike orientiertes klassisches Ideal in der Tradition Annibale Carraccis und Raffaels zu verwirklichen suchte, hat sich der Landschaftsmalerei im besonderen Maße erst seit dem Ende der dreißiger Jahre, kurz vor seinem Parisaufenthalt (1640/42), zugewandt, wenn auch das landschaftliche Element als Hintergrund seiner Bilder immer eine bedeutende Rolle spielte, vor allem in seinen lyrisch gestimmten venezianisierenden Frühwerken. Gerade in Rom, wo er seit 1624 arbeitete, hatte ja die Landschaftsmalerei im frühen 17. Jahrhundert eine neue Entwicklung genommen, an der einige der bedeutendsten und fortschrittlichsten Maler teilhatten: die Nordländer Elsheimer und Paul Bril einerseits, deren neue Landschaftskonzeption über Agostino Tassi zur atmosphärisch-romantischen, vom Licht bestimmten Landschaftskunst Claude Lorrains führte, des anderen großen Franzosen und Gegenpols Poussins, und andererseits die Bologneser Figurenmaler Annibale Carracci und Domenichino, deren strenger strukturierte, gebaute Landschaftskunst zur »heroischen« Landschaft Poussins und seines Schwagers Gaspard Dughet führten, deren Stil und Landschaftskonzeption für den größten Teil der späteren römischen Landschaftsmalerei verbindlich wurden. Poussins Landschaften sind überwiegend in den vierziger und frühen fünfziger Jahren entstanden, in einer Zeit, als seine Werke von großer innerer Ruhe, Klarheit und klassischer Ausgewogenheit geprägt waren, einer Phase, die zwischen den großen klassizistischen, oft vielfigurigen Kompositionen der dreißiger Jahre und dem tragisch ge - stimmten Spätwerk liegt. Die Berliner Landschaft mit dem Evangelisten Matthäus ist das früheste Beispiel dieser Phase. Schon immer war bekannt, daß das Berliner Bild und die Landschaft mit Johannes auf Patmos in Chicago zusammengehören. Man vermutete, daß sie vielleicht zu einer möglicherweise nie vollendeten Serie von Landschaften mit den vier Evangelisten gehörten. Da das Berliner Bild seit 1671 in Barberini-Besitz nachweisbar ist, nahm man an, daß es, zusammen mit dem Chicagoer Bild, für den Kardinal Francesco Barberini gemalt worden sei, einen der beiden mächtigen Nepoten des Papstes Urban VIII. Nach den Forschungen von L. Barroero (1979) und S. Corradini (1979) weiß man, daß beide Bilder am 28. Oktober 1640, am Tage der Abreise Poussins nach Paris, vom päpstlichen Hausprälaten Monsignor Gian Maria Roscioli (1609-1644) bezahlt wurden. An diesem Tag jedenfalls trug er die Zahlung von 40 Scudi für die beiden Bilder in sein Ausgabenbuch ein. Er war also offensichtlich der Auftraggeber, nicht der Kardinal. Roscioli hatte eine beachtliche Kunstsammlung und besaß noch mehrere andere Werke Poussins. In seinem Testament, das er einen Tag vor seinem frühen Tod, am 25. September 1644, diktierte, vermachte er das Berliner Bild dem Kardinal Antonio Barberini d. Ä., dem Bruder Urbans VIII., der 1646 starb und das Bild seinem Neffen, dem Kardinal Antonio Barberini d. J., dem jüngeren Bruder des Kardinals Francesco, vermachte, der im Palazzo Barberini ai Giubbonari, der sogenannten Casa Grande, lebte. Dort hing das Gemälde bis zu seinem Tode 1671. Seit spätestens 1692 hing es im Palazzo Barberini alle Quattro Fontane. Das Chicagoer Bild gehörte offenbar zu denjenigen, die Rosciolis Brüder nach seinem Tode veräußerten. Es gelangte bald nach Frankreich, wo es von Louis de Chatillon (1639-1734) gestochen wurde. Als Poussins Berliner Bild im Palazzo Barberini hing, zeichnete es Poussins Schwager, Gaspard Dughet. Diese Kreidenachzeichnung, die nur im hinteren Landschaftsgrund vollendet ist, befindet sich heute im Kunstmuseum Düsseldorf. Das Berliner Bild blieb bis 1812 im Palazzo Barberini und gelangte dann durch Erbgang in den Palazzo Sciarra, aus dem es 1873 für die Gemäldegalerie erworben wurde. Im Gegensatz zu den Kompositionen Claude Lorrains, aber ähnlich wie Dughets spätere, von Poussin beeinflußte Landschaften und wie auch manche von Salvator Rosa hat das Bild einen sehr hohen, hügelig begrenzten Horizont, von dem aus die Gliederung des Bildraums nach vorn ablesbar ist, der Windung des dominierenden Flußlaufes folgend, an dessen vorderem Ufer der Evangelist sitzt, während der stehende Engel ihm die Schrift hält. Die Figurengruppe ist umgeben von antiken Postamenten und Säulenstümpfen. Eine aufragende antike Ruine am Horizont, genau oberhalb der Figurengruppe, akzentuiert diese ganz zurückhaltend. Poussin hat in dieser von feierlicher Ruhe und Klarheit erfüllten Landschaft in unvergleichlicher Weise den Charakter, die Struktur und die Stimmung des Tibertals nördlich von Rom (bei Acqua Acetosa) eingefangen und zugleich ins Zeitlose entrückt.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________The French artist Nicolas Poussin is considered to be the most important exponent of the classical tendency in Roman Baroque painting and to have brought it to perfection. He went to Rome at the age of thirty and spent the rest of his life there, with the exception of a short stay in Paris in 1640/42. He received commissions from the most important collectors and patrons in the papal court circle. The Landscape with Matthew the Evangelist was painted in 1640, for the papal secretary Gian Maria Roscioli, along with a companion piece, Landscape with John the Evangelist on Patmos (now in Chicago). It is very probable that a series of the four Evangelists was originally planned, but that only two were painted. St. Matthew is sitting among massive architectural fragments by the riverbank. Behind him is a spacious landscape with a high, hillbound horizon. At John’s side is an angel, the symbol of the Evangelist, inspiring him to write the Gospel. The principal theme of this picture is the solemn, peaceful landscape, similar in some ways to the Tiber valley north of Rome. The ruins towering up on the horizon—presumably representing the “Mura di Santo Stefano” near Anguillara—emphasise the position of the figures by being placed directly above them. The figure’s concentrated colour-tones of blue, yelloworange and white are repeated and softened in the landscape.| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Selbstbildnis mit seiner Frau

Selbstbildnis mit seiner Frau

Am 18. Juli des Jahres 1755 vermählte sich der Künstler mit Jeanne Barez, der Tochter eines französischen Goldstickers. Sie stammte aus einer in Berlin ansässigen vermögenden Hugenottenfamilie. Die Jungvermählten, so schrieb von Oettingen (1895), »bezogen […] das Rolletsche Haus in der Brüderstraße, das der Barezschen Verwandtschaft gehörte, und führten ihre Haushaltung mit der Genügsamkeit und Stille, die damals in der französischen Kolonie zu herrschen pflegten«. Möglicherweise ist hier, unweit des Berliner Schlosses, die Miniatur entstanden.Gemäß den Anweisungen in Zedlers Universal-Lexicon wurde die Miniatur regelgerecht »angefangen mit Anlegung der Farbe, und der Grund mit grossen und gleichen Strichen untermahlet, doch nicht gleich so starck, wie er zuletzt seyn soll, weil die Farbe durch das punctiren gestaercket wird«.Kurz sieht der Künstler von seiner Tätigkeit auf. Eine schräg vor das Fenster gestellte Milchglasscheibe (?) reflektiert das einfallende Tageslicht auf den Arbeitstisch. So entstehen die notwendigen Voraussetzungen für die auf Präzision beruhende Miniaturmalerei. Unklar bleibt, ob sich Chodowiecki malend oder zeichnend schildert. Jeanne Chodowiecki hält ein Porträt, das die Freundin des Hauses, Louise Erman vorstellt. Es handelt sich dabei um die vergrößerte Detailwiederholung eines Miniaturporträts des Künstlers von etwa 1758 (Kat.Nr. M.627). Eine 1759 datierte Miniatur mit dem Selbstbildnis Chodowieckis sowie die von ihm gemalte Porträtminiatur seiner Frau, vermutlich im selben Jahr entstanden, stützen die angenommene Datierung des Berliner Täfelchens.Chodowiecki suchte vielfach unter Zuhilfenahme einer Lupe seine Bildnisse mit großer Feinheit und Lebendigkeit des Ausdrucks auszuführen. Damit hatte er sich offensichtlich erfolgreich einer großen Konkurrenz entledigt, die auch vom Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, wenigstens im Bereich der Emailminiaturmaler, wahrgenommen wurde, wie ein Brief an Christian Ludwig von Hagedorn von 1758 belegt. Die Elfenbeintafel besitzt einen zugehörigen zeitgenössischen Rokokorahmen. Rainer Michaelis | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________On 18 July, 1755, Chodowiecki married Jeanne Barez, the daughter of a French gold embroiderer. She came from a wealthy Huguenot family in Berlin. As Oettingen wrote in (1895), the newlyweds “moved into […] the Rollet House on Brüderstraße, which belonged to relatives of the Barezs, and ran their household with the modesty and quiet and tranquillity then customary in the French colony”. The present miniature may have been executed here, not far from the Berlin Royal Palace.According to the instructions contained in Zedlers Universal-Lexicon, the miniature was as a rule “begun with by laying out the colours, and the ground underpainted with large, regular strokes, but not so strongly as in the finished picture, since the colours will be strengthened by individual touches”.The artist has just looked up from his activity. A pane of frosted glass (?) placed at an angle in front of the window reflects the daylight onto the work table. This creates the necessary conditions for miniature painting, which relies on precision. It remains uncertain whether he is shown painting or drawing. Jeanne Chodowiecki holds a portrait depicting Louise Erman, a friend of the family. This image is an enlarged detail of a miniature portrait by the artist from circa 1758 (cat. no M.627). A miniature bearing a self-portrait of Chodowiecki, along with his portrait miniature of his wife, is dated 1759, presumably the same year as the present picture.In order to execute his pictures with extreme fineness and lively expressiveness, Chodowiecki often sought the aid of a magnifying glass. At least in the realm of enamel miniature painting, evidently, he was successful in prevailing over the enormous competition, as remarked upon by the author and publisher Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, in a letter to Christian Ludwig von Hagedorn in 1758. This ivory panel possesses its original Rococo frame. Rainer Michaelis | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019