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Christus im Haus des Pharisäers Simon

Ident. Nr.: 533A

ObjID: obj:868627

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Dierick Bouts (1410 - 6.5.1475),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1465/70
Weitere Titel
Sammlungstitel: Christus im Haus des Pharisäers Simon
Übersetzung: Christ in the House of the Pharisee Simon
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Tafelmaß: 42,2 x 62,5 cm

Objektbeschreibung

Der von Dieric Bouts geschilderten Begebenheit liegt der Bericht des Lukas-Evangeliums (7, 36-50) zugrunde. Dort wird erzählt, daß der Pharisäer Simon Christus einst zu sich bat, um ihn in seinem Haus zu bewirten. Während des Mahles erschien eine in der Stadt wohlbekannte Sünderin, die der Evangelist nicht mit Namen nennt, die jedoch später stets mit Maria Magdalena, der Schwester des Lazarus, gleichgesetzt worden ist. Zum Befremden des Gastgebers kniete sie vor Christus nieder und weinte, netzte seine Füße mit ihren Tränen, trocknete sie mit ihrem Haar, küßte und salbte sie. Als dies der Pharisäer sah, tadelte er Christus, indem er zu sich selbst sprach: »Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrührt, denn sie ist eine Sünderin.« Christus antwortete dem Pharisäer darauf mit einem Gleichnis, um diesem sein Verhalten in verständlicher Form begreiflich zu machen. Es handelt von einem Wucherer, der zwei Schuldner hatte, von denen ihm einer 500, der andere jedoch nur 50 Groschen schuldete, und denen er beiden ihre Schuld erließ. Auf die Frage Christi, welcher der Schuldner seinen Gläubiger nun am meisten lieben müsse, antwortete ihm der Pharisäer sogleich, daß dies nur jener sein könne, dem die größere Schuldenlast erlassen und dem deshalb mehr geschenkt worden sei. Da wies Christus den Pharisäer darauf hin, daß er ihn bei seinem Eintritt in sein Haus weder geküßt noch gesalbt habe, und er von ihm nicht so reich beschenkt worden sei wie von dem mißachteten Weib zu seinen Füßen. Aus diesem Grunde seien ihr viele Sünden vergeben, »denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig«. Und zu der Sünderin sprach Christus: »Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin in Frieden.« So war Maria Magdalena, wie es in der Legenda aurea des Jacobus de Voragine (1230-1298/99) heißt, diejenige, »die in der Zeit der Gnade als erste Buße tat; die das beste Teil erwählte; die zu den Füßen des Herrn sein Wort hörte und sein Haupt salbte; die neben dem Kreuze stand beim Tode des Herrn; die da Salbe bereitete, seinen Leichnam zu salben; die sich nicht von dem Grabe kehrte, da die Jünger davongingen; der Christus bei seiner Auferstehung zuerst erschien; und die er machte zur Apostelin der Apostel«. Den Ort der Handlung bildet ein schmaler Raum mit hölzerner tonnengewölbter Decke. In der Mitte steht der gedeckte Tisch. Zwei Teller mit geräucherten Fischen, irdene Krüge, Gläser, Messer und Brote bilden ein kunstvoll arrangiertes Stilleben. Hinter dem Tisch sitzt Simon, der Pharisäer, der sich unwillig über die Unterbrechung des Mahles vorbeugt. Sein Mund ist leicht geöffnet, ganz so als würde er soeben sein Mißfallen an der vor seinen Augen sich abspielenden Szene bekunden. Christus, der als Gast des Hauses zur Rechten des Pharisäers sitzt, blickt still zu der vor ihm knienden Frau herab, die er mit der rechten Hand segnet. Erstaunen und Unwillen kennzeichnen auch die Haltung Petri, der zur Linken des Pharisäers sitzt, während sich Johannes, als wolle er den Vorgang erläutern, zu dem neben ihm knienden Geistlichen umwendet. Dieser ist der Auftraggeber des von Bouts geschaffenen Bildes, dessen weißes Gewand ihn als Angehörigen des Ordens der Kartäuser ausweist. Andachtsvoll kniet er mit gefalteten Händen neben der Tafel, den Blick des einprägsamen Gesichtes unbestimmt in die Ferne gerichtet. Dieric Bouts stammte aus Haarlem, hatte in seiner Vaterstadt seine erste künstlerische Ausbildung erhalten und war dann in die südlichen Niederlande ausgewandert.Um 1445 ließ er sich in Löwen nieder. 1468 wurde ihm das ehrenvolle Amt eines Stadtmalers übertragen. Im Auftrage des Magistrats und der geistlichen Bruderschaften der berühmten Universitätsstadt entstanden die Hauptwerke des Künstlers. Noch heute bewahrt die Sint-Pieterskerk in Löwen sein berühmtes Triptychon mit der Einsetzung des Abendmahls, das Bouts von 1464 bis 1467 im Auftrag der Bruderschaft des Heiligen Sakraments geschaffen hat. In die Zeit vor der Entstehung dieser großen Werke fällt die Vollendung unseres Bildes, das hinsichtlich der liebevollen Schilderung des Innenraumes, der differenzierten Lichtführung, der tiefleuchtenden Farben sowie der still und in sich gekehrt erscheinenden Bildfiguren alle wesentlichen Charakterzüge seiner Kunst in sich einschließt. Die Eindringlichkeit und einprägsame Schlichtheit des Bildes sind auch später empfunden worden. So ist die Komposition nicht nur von Aelbrecht Bouts, einem Sohn des Künstlers, sondern auch von anderen Meistern immer wieder als Ausgangspunkt und Vorbild für die Gestaltung dieses Bildthemas herangezogen worden. Die Faszination, die von den Werken des Dieric Bouts ausgeht, beruht auf dem ausgeprägten Sinn für die Schilderung des Raumes, zu der ihn seine Ausbildung in den nördlichen Niederlanden und die eingehende Beschäftigung mit dem Schaffen von Petrus Christus und Rogier van der Weyden befähigten. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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The incident narrated by Dierick Bouts in this image is based on the Gospel of Saint Luke (7:36–50). There, we read how the Pharisee Simon invites Christ to dine at his home. Appearing during the meal is a female sinner who is well-known in the town, and who is not named by the evangelist, but is later identified as Mary
Magdalen, the sister of Lazarus. To the dismay of his host, she kneels down before Christ and weeps, moistening his feet with her tears, drying them with her hair and anointing them.

When the Pharisee sees all of this, he rebukes Christ, saying to himself: “If this man were a prophet, he would know who is touching him and what kind of woman she is – that she is a sinner”. In order to make his behaviour comprehensible, Christ replies to the Pharisee with a simile. He tells the story of a usurer who has two
debtors, one of whom owes him 500 groschen, and the other only 50, and both of whose debs he forgives. To Christ’s question: Which of the two debtors should love his creditor the most?, the Pharisee answers that it can only be the one who has been forgiven the larger debt, and has been hence had more bestowed upon him.
Christ says to the Pharisee that when he entered his house, the Pharisee neither kissed nor anointed his feet, that the Pharisee had hence not been as generous towards him as the scorned woman at his feet. For this reason, her many sins have been forgiven, for “she has shown great love. But the one to whom little is forgiven, loves little”. And Christ spoke to the sinning woman, saying: “Your faith has saved you; go in peace.”

Mary Magdalen is the personality of whom Jacobus de Voragine (1230–98/99) writes in his Legenda aurea: “In the time of grace she did her first penitence. She elected the best part, she sat at the feet of the Lord to hear His word, she anointed His head, she stood near the cross when He died, she prepared the ointment for
His corpse, she did not leave the grave when the disciples did leave the grave. She was the one to whom the Lord appeared first when He was resurrected and she was the woman whom the Lord made the Apostle of the Apostles”.

The setting for these events is a narrow room with a wooden, barrel vaulted ceiling at whose centre stands a laid table. Two plates with smoked fish, earthenware jugs, glasses, knives and bread have been arranged into an artful still-life. Seated behind the table is Simon, the Pharisee, who leans forward, indignant over the interruption of the meal. His mouth is opened slightly, as though he wishes to articulate his displeasure at the scene that plays itself out before him. Christ, who is the guest of the house, sits to the right of the Pharisee, gazing silently at the
kneeling woman, blessing her with his right hand. Astonishment and indignation also characterise the attitude of Peter, who sits to the left of the Pharisee, while John turns towards the kneeling ecclesiastical as though wishing to explain the goings-on to him. This figure is the donor of Bouts’ picture, his white garments identifying him as a member of the Carthusian Order. He kneels devoutly with folded hands next to the table, the gaze of his memorable face directed into an indeterminate distance.

Dierick Bouts was a native of Haarlem, and received his initial artistic training in his hometown before migrating to the southern Netherlands. He settled in Leuven around 1445. In 1468, he was entrusted with the honourable office of city painter. His principal masterwork was produced on commission from the municipal authorities
and the spiritual fraternity of this celebrated university town. Today, the Sint Pieterskerk in Leuven still preserves this celebrated triptych, centred around the Last Supper, which Bouts executed between 1464 and 1467 on a commission from the Fraternity of the Blessed Sacrament.

Occurring somewhat earlier than the execution of this monumental work was the production of the present picture, which itself exemplifies all of the essential traits of Bouts’ art: the loving rendering of an interior, the differentiated illumination, the deep, luminous colours, as well as the silent, seemingly self-absorbed figures.
Later, as well, the poignancy and unforgettable simplicity of this picture made a strong impression. Repeatedly, this composition served as a point of departure and model for later versions of this scene – and not just for Aelbrecht Bouts, one of the artist’s sons, but for other masters as well. The fascination that emanates from the works of Dierick Bouts is attributable to his pronounced sensibility for the shaping of space, a capacity that is attributable to his training in the northern Netherlands, and to his extensive preoccupation with the achievement of Petrus Christus and Rogier van der Weyden. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Im Vordergrund einer baumreichen Landschaft weidet eine Viehherde am Ufer eines Flußlaufes. Frauen melken die Kühe und füllen die Milch zum Transport und Verkauf in kupferne Kannen. Durch das Grün des Laubwerks dringen die Strahlen der Abendsonne. Die Schatten vertiefen sich zu warmbräunlichen Werten. Im milden Halblicht erlangen die Inkarnattöne, das Rot einer Bluse, das tiefe Blau eines Kleides oder die ockerfarbenen und rostbraunen Valeurs im Fell der Tiere kostbare Leuchtkraft. Beleuchtung und Kolorit verleihen der Landschaft den Charakter erstrebenswerter Idylle, die im nächsten Moment jedoch jäh unterbrochen wird durch den Büchsenschuß des Entenjägers rechts jenseits des Wassers. Gerade diese Störung lässt die friedvolle Stimmung der Landschaftsnatur umso eindringlicher bewusst werden. Obschon Rubens in erster Linie Historienmaler war und nur vergleichsweise wenige Landschaften schuf, bezeichnen seine Werke dieses Gegenstandes den Höhepunkt der flämischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert. Dabei beeindruckt die Spannweite seiner Naturdeutungen. Im Berliner Gemälde spiegelt sich Rubens Interesse an der ländlichen Umgebung Antwerpens wieder, wobei wesentliche Elemente von Figurenerzählung und Bildaufbau auf zwei frühere Gemälde zurückgehen. Zum einen ist dies die Wiese von Laeken (London, Buckingham Palace) und auf die Polderlandschaft (München, Alte Pinakothek). Dem Münchener Bild ist die aus drei Kühen und den beiden sitzenden Frauen zusammengestellte Mittelgruppe entlehnt. Darüber hinaus sind Eigenzitate im Motiv der pissenden Kuh am Rande des Wassers und im Tier links am Bildrand nachzuweisen. Vergleichbar ist auch der Schauplatz der Weide- bzw. Melkszene mit dem zur vorderen Bildebene absinkenden Terrain und dem Tiefenausblick links. Neben den sichtbaren Analogien lassen sich gewissermaßen auch unsichtbare aufzeigen. Die knorrigen Weidenstämme im rechten Vordergrund der Münchener Arbeit wie auch die dunkelfarbene, im Profil nach links ausgerichtete Kuh im Zentrum der Komposition oder der Hirte mit dem Melkgefäß lassen sich in der Röntgenaufnahme unseres Bildes an entsprechender Stelle nachweisen. Diesen Befunden ist zu entnehmen, dass am Beginn der Genese der Berliner Landschaft eine eigenhändige Zweitfassung des Münchener Bildes gestanden haben dürfte. Es kennzeichnet Rubens’ Arbeitsmethode, einmal erprobte und für gültig befundene Bildlösungen immer wieder verwendet zu haben. Durch Fortlassen oder Hinzufügen und kompositionelles Verschieben, vor allem aber durch Veränderungen des Bildformats, das gegenüber der Münchener Fassung während des Malprozesses nach rechts zur Breite sowie auch zur gesamten Höhe hin erheblich erweitert wurde, entwickelte Rubens eine neue Landschaftsansicht. Fern von der schlichten Auffassung des Münchener Bildes gelangt er in dem Berliner Bild zu einer reicheren Zusammenstellung der Dinge, einer lebhafteren Palette bzw. zu einer Form des Helldunkels, die nicht monochrom ist, sondern mittels farbig differenzierter Nuancen in harmonischer Ausgewogenheit das gegenständliche wie auch das atmosphärische Wesen der Landschaft erfasst. Die bildfüllende Vielfalt der Motive bleibt gewahrt, ohne dass die Kontinuität des Ganzen beeinträchtigt erschiene. Neben der auf repräsentative Wirkung zielenden Gestaltgebung ist es vor allem die bildnerische Deutung der Natur als Träger menschlicher Vorstellungen bzw. Empfindungen, die das Berliner Werk im Einklang mit Rubens’ späten Landschaftsdarstellungen auszeichnet. Jan Kelch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________In the foreground of a densely wooded landscape, a herd of cows is grazing along the banks of a river. Women are milking the cows and filling the milk into copper jugs to transport and sell it. The rays of the evening sun pierce the green foliage of the trees; the shadows are getting deeper, taking on warm brown hues. In the soft half-light, the incarnate shades – the red of a blouse, the deep blue of a dress, the ochre-yellow and rust-red tones in the hides of the animals – acquires a rich luminosity. The lighting and the colouring give the landscape an idyllic and very inviting character, which is, however, abruptly disturbed by the shot of the gun of the wildfowler who is crouched on the other bank of the river in the bottom right corner of the painting. This loud interruption serves to underscore the deeply peaceful atmosphere of the scene and the landscape.Although Rubens was primarily interested in historic scenes, painting only few landscapes in his career, the works that belong to this genre mark a high point in Flemish landscape painting in the 17th century. The breadth of his interpretations of natural scenery is impressive. The Berlin painting displays Ruben’s interest in the countryside around Antwerp. Key elements of the composition of the figures and the overall composition can be traced back to two earlier paintings, Farm at Laken (London, Buckingham Palace) and Landscape with Cows (Munich, Alte Pinakothek). From the Munich painting, Rubens has borrowed the central group with the three cows and the two seated women. Also, the urinating cow at the edge of the water and the animal on the left side of the painting are both quotes from this earlier work, as is the scene undulating meadow that sinks towards the front edge of the painting and the view into the distance on the left.As well as the visible analogies, there are also several invisible ones. An X-ray of the Berlin painting reveals the presence in the same place of the knotty trunks of the willow trees in the right foreground of the Munich painting and the dark-coloured cow facing left in profile at the centre of the composition or the cowherd with the milking churn. These findings suggest that the Berlin landscape is likely to have originally started out as a copy or second version of the Munich painting. It is typical of Rubens’ approach to work that he reused compositions that he was happy with. By omitting or adding and by shifting elements in the composition, and especially by altering the format, which was extended considerably during the painting process, both in width and in height, compared to the Munich version, Rubens created a new landscape. Departing from the simple concept of the Munich picture, the Berlin painting has a much richer composition, a more lively palette of colours and a type of light and shade that is not monochrome but which uses carefully nuanced shades to capture both the figurative and the atmospheric essence of the landscape. The variety of the elements, which fill the entire picture, remains without impairing the continuity of the whole. As well as the overall composition, which is intended to have a representational effect, it is above all the pictorial interpretation of nature as the conduit of human ideas and feelings that distinguishes the Berlin work and sets it in the context of Rubens’ late landscape depictions. Jan Kelch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Poussin, der nach einer lyrisch-romantischen Frühphase in seinen figuralen Kompositionen ein an der Antike orientiertes klassisches Ideal in der Tradition Annibale Carraccis und Raffaels zu verwirklichen suchte, hat sich der Landschaftsmalerei im besonderen Maße erst seit dem Ende der dreißiger Jahre, kurz vor seinem Parisaufenthalt (1640/42), zugewandt, wenn auch das landschaftliche Element als Hintergrund seiner Bilder immer eine bedeutende Rolle spielte, vor allem in seinen lyrisch gestimmten venezianisierenden Frühwerken. Gerade in Rom, wo er seit 1624 arbeitete, hatte ja die Landschaftsmalerei im frühen 17. Jahrhundert eine neue Entwicklung genommen, an der einige der bedeutendsten und fortschrittlichsten Maler teilhatten: die Nordländer Elsheimer und Paul Bril einerseits, deren neue Landschaftskonzeption über Agostino Tassi zur atmosphärisch-romantischen, vom Licht bestimmten Landschaftskunst Claude Lorrains führte, des anderen großen Franzosen und Gegenpols Poussins, und andererseits die Bologneser Figurenmaler Annibale Carracci und Domenichino, deren strenger strukturierte, gebaute Landschaftskunst zur »heroischen« Landschaft Poussins und seines Schwagers Gaspard Dughet führten, deren Stil und Landschaftskonzeption für den größten Teil der späteren römischen Landschaftsmalerei verbindlich wurden. Poussins Landschaften sind überwiegend in den vierziger und frühen fünfziger Jahren entstanden, in einer Zeit, als seine Werke von großer innerer Ruhe, Klarheit und klassischer Ausgewogenheit geprägt waren, einer Phase, die zwischen den großen klassizistischen, oft vielfigurigen Kompositionen der dreißiger Jahre und dem tragisch ge - stimmten Spätwerk liegt. Die Berliner Landschaft mit dem Evangelisten Matthäus ist das früheste Beispiel dieser Phase. Schon immer war bekannt, daß das Berliner Bild und die Landschaft mit Johannes auf Patmos in Chicago zusammengehören. Man vermutete, daß sie vielleicht zu einer möglicherweise nie vollendeten Serie von Landschaften mit den vier Evangelisten gehörten. Da das Berliner Bild seit 1671 in Barberini-Besitz nachweisbar ist, nahm man an, daß es, zusammen mit dem Chicagoer Bild, für den Kardinal Francesco Barberini gemalt worden sei, einen der beiden mächtigen Nepoten des Papstes Urban VIII. Nach den Forschungen von L. Barroero (1979) und S. Corradini (1979) weiß man, daß beide Bilder am 28. Oktober 1640, am Tage der Abreise Poussins nach Paris, vom päpstlichen Hausprälaten Monsignor Gian Maria Roscioli (1609-1644) bezahlt wurden. An diesem Tag jedenfalls trug er die Zahlung von 40 Scudi für die beiden Bilder in sein Ausgabenbuch ein. Er war also offensichtlich der Auftraggeber, nicht der Kardinal. Roscioli hatte eine beachtliche Kunstsammlung und besaß noch mehrere andere Werke Poussins. In seinem Testament, das er einen Tag vor seinem frühen Tod, am 25. September 1644, diktierte, vermachte er das Berliner Bild dem Kardinal Antonio Barberini d. Ä., dem Bruder Urbans VIII., der 1646 starb und das Bild seinem Neffen, dem Kardinal Antonio Barberini d. J., dem jüngeren Bruder des Kardinals Francesco, vermachte, der im Palazzo Barberini ai Giubbonari, der sogenannten Casa Grande, lebte. Dort hing das Gemälde bis zu seinem Tode 1671. Seit spätestens 1692 hing es im Palazzo Barberini alle Quattro Fontane. Das Chicagoer Bild gehörte offenbar zu denjenigen, die Rosciolis Brüder nach seinem Tode veräußerten. Es gelangte bald nach Frankreich, wo es von Louis de Chatillon (1639-1734) gestochen wurde. Als Poussins Berliner Bild im Palazzo Barberini hing, zeichnete es Poussins Schwager, Gaspard Dughet. Diese Kreidenachzeichnung, die nur im hinteren Landschaftsgrund vollendet ist, befindet sich heute im Kunstmuseum Düsseldorf. Das Berliner Bild blieb bis 1812 im Palazzo Barberini und gelangte dann durch Erbgang in den Palazzo Sciarra, aus dem es 1873 für die Gemäldegalerie erworben wurde. Im Gegensatz zu den Kompositionen Claude Lorrains, aber ähnlich wie Dughets spätere, von Poussin beeinflußte Landschaften und wie auch manche von Salvator Rosa hat das Bild einen sehr hohen, hügelig begrenzten Horizont, von dem aus die Gliederung des Bildraums nach vorn ablesbar ist, der Windung des dominierenden Flußlaufes folgend, an dessen vorderem Ufer der Evangelist sitzt, während der stehende Engel ihm die Schrift hält. Die Figurengruppe ist umgeben von antiken Postamenten und Säulenstümpfen. Eine aufragende antike Ruine am Horizont, genau oberhalb der Figurengruppe, akzentuiert diese ganz zurückhaltend. Poussin hat in dieser von feierlicher Ruhe und Klarheit erfüllten Landschaft in unvergleichlicher Weise den Charakter, die Struktur und die Stimmung des Tibertals nördlich von Rom (bei Acqua Acetosa) eingefangen und zugleich ins Zeitlose entrückt.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________The French artist Nicolas Poussin is considered to be the most important exponent of the classical tendency in Roman Baroque painting and to have brought it to perfection. He went to Rome at the age of thirty and spent the rest of his life there, with the exception of a short stay in Paris in 1640/42. He received commissions from the most important collectors and patrons in the papal court circle. The Landscape with Matthew the Evangelist was painted in 1640, for the papal secretary Gian Maria Roscioli, along with a companion piece, Landscape with John the Evangelist on Patmos (now in Chicago). It is very probable that a series of the four Evangelists was originally planned, but that only two were painted. St. Matthew is sitting among massive architectural fragments by the riverbank. Behind him is a spacious landscape with a high, hillbound horizon. At John’s side is an angel, the symbol of the Evangelist, inspiring him to write the Gospel. The principal theme of this picture is the solemn, peaceful landscape, similar in some ways to the Tiber valley north of Rome. The ruins towering up on the horizon—presumably representing the “Mura di Santo Stefano” near Anguillara—emphasise the position of the figures by being placed directly above them. The figure’s concentrated colour-tones of blue, yelloworange and white are repeated and softened in the landscape.| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Selbstbildnis mit seiner Frau

Selbstbildnis mit seiner Frau

Am 18. Juli des Jahres 1755 vermählte sich der Künstler mit Jeanne Barez, der Tochter eines französischen Goldstickers. Sie stammte aus einer in Berlin ansässigen vermögenden Hugenottenfamilie. Die Jungvermählten, so schrieb von Oettingen (1895), »bezogen […] das Rolletsche Haus in der Brüderstraße, das der Barezschen Verwandtschaft gehörte, und führten ihre Haushaltung mit der Genügsamkeit und Stille, die damals in der französischen Kolonie zu herrschen pflegten«. Möglicherweise ist hier, unweit des Berliner Schlosses, die Miniatur entstanden.Gemäß den Anweisungen in Zedlers Universal-Lexicon wurde die Miniatur regelgerecht »angefangen mit Anlegung der Farbe, und der Grund mit grossen und gleichen Strichen untermahlet, doch nicht gleich so starck, wie er zuletzt seyn soll, weil die Farbe durch das punctiren gestaercket wird«.Kurz sieht der Künstler von seiner Tätigkeit auf. Eine schräg vor das Fenster gestellte Milchglasscheibe (?) reflektiert das einfallende Tageslicht auf den Arbeitstisch. So entstehen die notwendigen Voraussetzungen für die auf Präzision beruhende Miniaturmalerei. Unklar bleibt, ob sich Chodowiecki malend oder zeichnend schildert. Jeanne Chodowiecki hält ein Porträt, das die Freundin des Hauses, Louise Erman vorstellt. Es handelt sich dabei um die vergrößerte Detailwiederholung eines Miniaturporträts des Künstlers von etwa 1758 (Kat.Nr. M.627). Eine 1759 datierte Miniatur mit dem Selbstbildnis Chodowieckis sowie die von ihm gemalte Porträtminiatur seiner Frau, vermutlich im selben Jahr entstanden, stützen die angenommene Datierung des Berliner Täfelchens.Chodowiecki suchte vielfach unter Zuhilfenahme einer Lupe seine Bildnisse mit großer Feinheit und Lebendigkeit des Ausdrucks auszuführen. Damit hatte er sich offensichtlich erfolgreich einer großen Konkurrenz entledigt, die auch vom Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, wenigstens im Bereich der Emailminiaturmaler, wahrgenommen wurde, wie ein Brief an Christian Ludwig von Hagedorn von 1758 belegt. Die Elfenbeintafel besitzt einen zugehörigen zeitgenössischen Rokokorahmen. Rainer Michaelis | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________On 18 July, 1755, Chodowiecki married Jeanne Barez, the daughter of a French gold embroiderer. She came from a wealthy Huguenot family in Berlin. As Oettingen wrote in (1895), the newlyweds “moved into […] the Rollet House on Brüderstraße, which belonged to relatives of the Barezs, and ran their household with the modesty and quiet and tranquillity then customary in the French colony”. The present miniature may have been executed here, not far from the Berlin Royal Palace.According to the instructions contained in Zedlers Universal-Lexicon, the miniature was as a rule “begun with by laying out the colours, and the ground underpainted with large, regular strokes, but not so strongly as in the finished picture, since the colours will be strengthened by individual touches”.The artist has just looked up from his activity. A pane of frosted glass (?) placed at an angle in front of the window reflects the daylight onto the work table. This creates the necessary conditions for miniature painting, which relies on precision. It remains uncertain whether he is shown painting or drawing. Jeanne Chodowiecki holds a portrait depicting Louise Erman, a friend of the family. This image is an enlarged detail of a miniature portrait by the artist from circa 1758 (cat. no M.627). A miniature bearing a self-portrait of Chodowiecki, along with his portrait miniature of his wife, is dated 1759, presumably the same year as the present picture.In order to execute his pictures with extreme fineness and lively expressiveness, Chodowiecki often sought the aid of a magnifying glass. At least in the realm of enamel miniature painting, evidently, he was successful in prevailing over the enormous competition, as remarked upon by the author and publisher Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, in a letter to Christian Ludwig von Hagedorn in 1758. This ivory panel possesses its original Rococo frame. Rainer Michaelis | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019