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Das Kind mit dem Vogel

Ident. Nr.: 763

ObjID: obj:870518

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Peter Paul Rubens (1577 - 1640),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1614
Bearbeitung: nach 1625
Weitere Titel
Sammlungstitel: Das Kind mit dem Vogel
Übersetzung: The Child with the Bird
Geografische Bezüge
Antwerpen,
Stadt
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Bildmaß: 50,9 x 41 cm
Erwerbung
1829/30 Überweisung aus den Königlich Preußischen Schlössern

Objektbeschreibung

Obgleich er selber weniger begeistert in diesem Genre arbeitete, genoss Rubens auch als Porträtist große Anerkennung, wo er Dutzende von Aufträgen erhielt. Mit Ausnahme des Porträts seiner zwei Söhne (Sammlung Lichtenstein) aus dem Jahr 1626, existieren von ihm jedoch keine lebensgroßen Einzelbildnisse von Kindern. Im Falle des Berliner Gemäldes hat sich Rubens sehr wahrscheinlich ein Familienmitglied, seinen 1611 geborenen Neffen Philipp, für den er ein Jahr nach dem Tod seines Bruders die Vormundschaft übernahm, zum Modell genommen ohne ihn im eigentlichen Sinne zu porträtieren. Die Identifizierung mit Rubens etwa drei Jahre altem Neffen würde auch mit der Datierung der Kerntafel auf die Zeit um 1614 gut passen. Das Bild wurde in insgesamt zwei Arbeitsvorgängen ausgeführt: Zunächst wurde die mittlere Kerntafel aus zwei waagerecht gefügten Brettern mit dem Kinderkopf ausgeführt. Erst einige Jahre später wurde dann das Bildchen durch eine schräge Anstückung links, die nicht vor 1625, eher ab 1629 oder später hinzugefügt worden sein kann um die Kinderhände mit dem Vogel erweitert. Die Ausführung und die verwendeten Pigmente dieser Partie unterscheiden sich deutlich von den Malereien der Kerntafel. Demnach dürfte der erste Teil des Gemäldes von Rubens' Hand stammen, die späteren Ergänzungen jedoch von einem Werkstattmitarbeiter.
Nach seiner Rückkehr aus Italien war Rubens zum bedeutendsten Künstler in Antwerpen aufgestiegen. Um die umfangreichen Aufträge bewältigen zu können, führte er eine große Werkstatt mit zahlreichen Mitarbeitern, die von ihm geschaffene Vorlagen in unterschiedlichste Bildzusammenhänge übertrugen. Auch der Berliner Kinderkopf dürfte von ihm als Studie, wie technische Aufnahmen zeigen vermutlich sogar als Engel mit Flügelchen, angelegt worden sein, um ihn zu verschiedenen Anlässen in der Werkstatt zu verwenden. So begegnet uns das Berliner Kind beispielsweise als Putto auf der Madonna im Blumenkranz in München (Alte Pinakothek). Der ursprünglich nur für den Werkstattgebrauch bestimmte, unverkäufliche Studienkopf wurde erst durch die spätere Anstückung zu einem vollwertigen, marktgängigen Gemälde umgearbeitet. Verschiedene Kopien des Köpfchens sowie diverse Nennungen in zeitgenössischen Inventaren von Kinderköpfen von Rubens oder van Dycks Hand suggerieren, dass in den Ateliers verschieden Versionen derartiger modelli von Kinderköpfchen Verwendung fanden. Interessant an dem Berliner Gemälde ist, neben dem unverwechselbar Individuellen, auch die überproportional oder übernatürlich kindliche Erscheinungsform, auf die der Betrachter verstärkt anspricht. Auch in dieser Hinsicht darf Rubens unter den Antwerpener Malern als herausragender Meister derart überzeugend inszenierter Kinderdarstellungen gelten. Angefertigt als Studie, vermutlich direkt „nach dem Leben“, stellt das Berliner Bild eine Ausnahmeerscheinung dar, bei der das junge Model spontan erfasst wurde und nicht posierte. Auch die Darstellung im Profil macht es zu einer Besonderheit innerhalb der Antwerpener Barockmalerei. Die Darstellung des Vogelmotivs mit einem an kurzgefasster Schnur flatternden Finken könnte als Hinweis auf die Erziehung und Prägung des Kindes zu lesen sein, ebenso wie die Darstellung der Korallenkette. Neben den beschützenden Kräften, die man Korallen zuschrieb erkannte man in der emblematischen Literatur des 17. Jahrhunderts in ihr auch ein Symbol der Lebenskraft, der Erneuerung und Verfeinerung. Katja Kleinert und Babette Hartwieg | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Although he was far less enthusiastic about this genre, Rubens was an acclaimed portrait painter. With the exception of the portraits of his two sons (Lichtenstein Collection) from 1626, he is not known to have painted any other life-sized individual portraits of children. For the Berlin painting, Rubens is likely to have used a family member as his model – his nephew Philipp who was born in 1611 and
whom he adopted one year after the death of his brother – but without intending it to be a portrait as such. The identification of the sitter as Rubens’ three-yearold nephew would match the date of the panel to around 1614. The picture was painted in two phases. First, the central core panel, consisting of two horizontally positioned boards, with the child’s head was painted; several years later, the small
painting was enlarged by adding an angled section on the left side, which was not added before 1625, more likely some time after 1629, with the child’s hands and the bird. The brushwork and the pigments in this section are markedly different from the painting on the core panel. It seems likely that the first part of the picture was painted by Rubens while the later additions were painted by an artist in his studio.

After his return from Italy, Rubens became the most important artist in Antwerp. In order to be able to handle the many commissions he was receiving, Rubens set up a workshop with a large number of assistants who used Rubens’ sketches and designs in a wide variety of different pictorial contexts. The head of the boy in this picture was probably painted by the artist as a study, and as technical photographs show, it may originally have been intended as an angel with wings, a motif which would have been used in many different contexts in the workshop.

For example, the Berlin boy can be found as a cherub in Madonna in a Floral Wreath in Munich (Alte Pinakothek). Originally intended solely for use in the workshop and not for sale, the later addition turned this study into a marketable painting. Various copies of the head and a large number of citations in contemporaneous inventories of children’s heads by Rubens or van Dyck suggest that different versions of these modelli of children’s heads were used in the workshops. What is interesting about the Berlin painting apart from its unmistakable individuality are the disproportionate, exaggerated childlike features, designed to appeal to the viewer. In this respect, Rubens stood out from the other artists in Antwerp with his convincing portrayals of children. Painted as a study, and presumably “from life”, the Berlin picture is unusual in that the young model was captured in spontaneous motion rather than posing. The fact that the subject is shown in profile is also exceptional for Antwerp Baroque art.

The bird motif, a flapping finch on a short string, could also indicate the upbringing and the shaping of the child’s character, as could the coral necklace. As well as the protective powers that coral was believed to have, the emblematic literature of the 17th century also saw it as a symbol of vitality, renewal and refinement. Katja Kleinert und Babette Hartwieg | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 08.09.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

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Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P

Ansicht von Nijmegen

Ansicht von Nijmegen

Rechts über dem Ufer der Waal erhebt sich die Stadt Nijmegen mit dem charakteristischen viereckigen Turm des Valkenhofs. Stadtansichten nehmen im OEuvre van Goyens einen breiten Raum ein, wobei der viel gereiste Künstler sich motivisch auf seine Skizzenbücher stützen konnte. Trotzdem erheben seine äußerst naturgetreu anmutenden Schilderungen keinen Anspruch auf topografische Exaktheit. Der Raum wird perspektivisch durch den diagonal in die Bildtiefe verlaufenden Fluss erschlossen, ein für Goyen typisches Konstruktionsprinzip. Zusammengehalten wird die Komposition durch die atmosphärische, auf Gelb-, Braun- und Grüntönen basierende Farbigkeit. Ebenso wird der Schilderung des Himmels große Aufmerksamkeit geschenkt.| Prestel-Museumsführer - Gemäldegalerie Berlin, 2017SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. an der Fähre: vGOYEN 1649________________________________________________________________________________________________________________________________________The town of Nijmegen with the landmark square tower of the Valkenhof rises above the right bank of the Waal. Town views are a major theme in van Goyen’s work; he travelled a great deal, and was able to rely on his sketch-books for material. Nevertheless, though his pictures seem extremely lifelike, they make no claims to topographical precision. The space is opened up in terms of perspective by the river, which runs diagonally into the depths of the picture, a typical structural principle for van Goyen. The composition is held together by the atmospheric colouring, based on shades of yellow, brown and green. A great deal of attention is also paid to the presentation of the sky.| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Selbstbildnis

Selbstbildnis

Als eines von nur zwei sicher Tizian zugeschriebenen Selbstportraits (das zweite hängt in Madrid im Museo del Prado) gelangt das teils unvollendete Bild 1821 in die Berliner Gemäldegalerie. Es wurde vorher in der Casa Barbarigo zu Venedig aufbewahrt, vermutlich seit 1581, als Tizians Sohn, Pomponio Vecellio, das Haus mit dem gesamten Inventar an Cristoforo Barbarigo verkaufte. 1815 wurde das Selbstbildnis von Leopoldo Cicognara gekauft und unmittelbar danach an Edward Solly veräußert.Das Selbstbildnis zeigt den etwa 70-jährigen Maler im Profil. Er trägt einen pelzverbrämten ärmellosen Mantel und hat die rechte Hand auf den Tisch gelegt, während die linke Hand auf seinem Bein ruht. Über dem weißen Hemd sticht eine Goldkette hervor, die ein Zeichen der Erhebung Tizians in den Adelsstand durch Karl V. 1533 darstellt.Über die Datierung des Gemäldes wurde viel diskutiert. Die Entstehung wird jedoch aus stilistischen Gründen nicht früher als im ersten Teil der 1560er-Jahre – u. a. die Zeit, in der auch Die Verkündigung in San Salvador und Diana und Kallisto entstanden – eingestuft. Externe Belege in Betracht zu ziehen, scheint riskant und willkürlich. Hingewiesen wurde einerseits auf das für Paolo Giovio angefertigte Selbstbildnis, das der Intellektuelle für sein Museum in Como 1549 erwarb – Jaffé (2003, einem Vorschlag von Hope folgend) setzt daher eine Datierung um 1546/47 an – und andererseits auf den aufgrund eines Briefes von Pietro Aretino 1550 datierten Holzschnitt von Giovanni Britto. Jedoch wurde die Entstehung auch an der angeblich noch jugendlichen, kraftvollen Erscheinung des Malers festgemacht, was nur schwerlich plausibel erscheint. Außerdem wurde das Selbstbildnis als identisch mit dem von Vasari 1568 erwähnten Selbstporträt Tizians erklärt, das der Toskaner bei seinem Venedig-Besuch von 1566 bewundert hatte: »sein eigenes, vor vier Jahren von ihm vollendetes, ähnliches und sehr schönes Bild«. Dass Vasari das Selbstporträt als »vollendet« bezeichnet, scheint diese These nicht zu stützen, doch muss Vasaris Unzuverlässigkeit hierbei berücksichtigt werden.Falomir (2007–08) hält das unvollendete Gemälde für ein Andenken (»ricordo«) des an Giovio verkauften Werks: ein Abbild, auf dem nur das Gesicht vollendet war und das weitere Repliken ermöglicht hätte. Das Selbstbildnis entspricht stilistisch der Ausführung und der Technik der frühen 60er-Jahre: Pasten, schneller Pinselhieb und lichtüberströmte Bildflächen sind typische Charakteristika des alten Tizian. Er überarbeitete seine Werke und ging mit den Farben so oft darüber, dass sich die dabei aufgewandte Sorgfalt offenbart. Die Malerei erscheint damit sehr lebendig und leicht, sodass die Mühen des schöpferischen Prozesses verborgen bleiben. Der Prozess der Ausführung betrug mehrere Phasen, wie die Röntgenaufnahmen gezeigt haben, z. B. hatte Tizian sich am Anfang mit einer anderen Kopfdeckung und mit schärferen Gesichtszügen gemalt.Die kräftige Erscheinung Tizians im Berliner Selbstporträt geht mit einer starken Ausstrahlungskraft einher, was im Gegensatz zur Selbstcharakterisierung des Malers steht: Er schildert sich als stark introvertierte Persönlichkeit. Bemerkenswert ist außerdem, dass sich Tizian in seinem Selbstbildnis ohne irgendeinen Verweis zu seinem Beruf inszeniert (Leinwand, Pinsel, Palette …). Tizian präsentierte »die visuelle Übersetzung seines eigenen ›Mythos‹«, dem »er den einzigartigen Akzent eines lebenden menschlichen Dokuments zu verleihen verstand« (Falomir, 2007–08). Für seineSelbstporträts bevorzugt Tizian den Modus der Darstellung von Intellektuellen, wie etwa Raffaels Tommaso Inghirami. Sowohl Kleidung als auch Gesichtszüge erinnern laut Falomir (2007–08) deutlich an die von Danese Cattaneo gegossene Bronzebüste des Lazzaro Bonamico (um 1552/54). Roberto Contini | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019___________________________________________This partially unfinished self-portrait of Titian – one of only two authenticated self-portraits by this artist (the second hangs in the Museo del Prado in Madrid) – entered the Gemäldegalerie in Berlin in 1821. Prior to that, it was preserved in the Casa Barbarigo in Venice, presumably since 1581, when Titian’s son Pomponio Vecellio sold his house, together with its entire inventory, to Cristoforo Barbarigo. In 1815, it was purchased by Leopoldo Cicognara, and sold to Edward Solly almost immediately afterward.The self-portrait shows a man, approximately 70 years of age, in profile. He wears a fur-trimmed, armless cloak, and has laid his right hand on the table, while the left hand rests on his leg. Standing out against his white shirt is a gold chain, a token of Titian’s elevation by Charles V to the nobility in 1533.The dating of this painting has been much discussed. On stylistic grounds, however, it can hardly be dated earlier than the first half of the 1560s, a period when Titian produced, among other works, the Annunciation in San Salvador and Diana and Callisto. A reliance on external evidence seems risky and arbitrary. Referred to have been, on the one hand, the self-portrait executed for Paolo Giovio, which this intellectual purchased in 1549 for his museum in Como – on this basis, Jaffé (2003,following Hope’s point of view) dates the Berlin self-portraits to circa 1546/47– and on the other the woodcut by Giovanni Britto which has been dated to 1550 on the basis of a letter written by Pietro Aretino. The work has also been dated on the basis of the putatively still youthful, powerful appearance of the painter, which seems rather implausible. Moreover, the self-portrait has been declared identical with a Titian self-portrait mentioned by Vasari in 1568, which the Tuscan writer admired in 1566 during a visit to Venice: “His own portrait, finished four years ago, very like him, anda very beautiful picture.” That Vasari refers to the self-portrait as “finished” seems not to support this thesis, but account must be taken here of Vasari’s unreliability.Falomir (2007–08) regards the unfinished painting as a souvenir (“ricordo”) of the original, sold to Giovio: a likeness that is unfinished except for the face, and would have made further replicas possible. Stylistically, the self-portrait corresponds to the execution and technique of the early 1560s: impasto paint application, rapid brushwork, and light-flooded pictorial surfaces are characteristic of the older Titian. He reworked his paintings so often, adding additional paint layers that they revealthe diligence expended on them. As a result, his paintings seem quite lively and light, with the effortfullness of the creative process remaining concealed. As X-ray images have shown, the process of execution involved multiple phases; earlier on, for example, Titian wore a different head covering, and his facial features were more sharply delineated.Titian’s strong presence in the Berlin self-portrait is accompanied by an impression of powerful charisma, which, however, contrasts with the artist’s own self-characterization: he depicts himself as a strongly introverted personality. Remarkable as well is the absence in this self-portrait of any allusion to Titian’s profession (canvas, brushes, palette …). Titian presents “the visual translation of his own ‘myth’”, which “he was capable of endowing with the singular accent of a living, human document”(Falomir, 2007–08). For his self-portrait, Titian favored the mode of presentation that was customary for depicting intellectuals, an example being Raphael’s Tommaso Inghirami. According to Falomir (2007–08), both the sitter’s attire as well as his facial features clearly recall the bronze portrait bust of Lazzaro Bonamico by Danese Cattaneo (circa 1552/54). Roberto Contini | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019