Logo

Bürgereidkristall aus dem Lüneburger Ratssilber

Ident. Nr.: 1874,371

ObjID: obj:889686

Details (Expert)

Beteiligte
Hans von Lafferde (1436 Bürger, gest. vor 1446),
Goldschmied*in
Datierung
1443
Abmessungen
Objektmaß: 24,5 x 28,5 x 16 cm
Gewicht: 3423 g

Objektbeschreibung

Architekturteile und Figuren gegossen. Dach, Hintergründe der Figuren und Steine, Unterseite, Innenseiten und Inkarnat unvergoldet. Gewänder z. T. punziert. Zeichen auf der Unterseite. Figuren, Steine usw. mit durchgesteckten Schlaufen, in die Keile geschoben sind, befestigt. Ausarbeitung vergleichsweise grob. – Je zwei Nieten an den Ecken deuten darauf hin, daß der Schrein ursprünglich Füße oder einen Sockel besaß. Drei der Kreuzblumen an den Ecken, ein Finger des Weltenrichters, ein Teil des Schwertes von Paulus und Attribut eines Heiligen verloren. Vergoldung z. T. abgerieben, Email stellenweise fehlend.

Truhenförmiges, als gotische Kapelle gestaltetes Reliquiar. Übereck gestellte, gestufte und mit Fialen, Zinnen und Kreuzblume besetzte Strebepfeiler, die in Richtung der Längeseiten – ursprünglich! – nach außen geneigt sind. Hohe, pultförmige, durch Stabfries und Hohlkehlprofile gegliederte Sockelzone. Form der Standplatte dem Grundriß entsprechend, Wulstrand durch Nut abgesetzt. Dachgesims längsseitig mit Blattfries, an den Schmalseiten als säulengetragene Kielbögen mit Krabben und Kreuzblume. Zurückgesetzte Wandungen der Längsseiten rechts und links eines größeren Mittelfeldes durch Strebepfeiler und Säulchen, die Baldachine tragen, in je zwei Felder geteilt, davor Statuetten auf Sockeln mit Stabmuster. In der Mitte der einen Längsseite Christus als Weltenrichter in der Mandorla, seine Wundmale weisend und hinter sich das Richtschwert, der Nimbus mit aufgesetztem Filigran. In halbrunden Feldern die vier Evangelistensymbole auf transluzid blauem Emailgrund. Seitlich, kniend auf transluzid grün emaillierten Hügeln, Maria und Johannes der Täufer, außen zwei posaunenblasende Engel. Auf der Gegenseite der Gekreuzigte mit Maria und Johannes, die auf niedriger angebrachten Konsolen stehen. Seitlich Petrus und Paulus, links außen der Evangelist Matthäus, gekennzeichnet durch ein Schwert im Rücken, und rechts außen ein Heiliger, dessen Attribut fehlt.

In den auch als Türchen dienenden Nischen der Schmalseiten der heilige Georg mit Drachen und eine weibliche Heilige mit Palmwedel, wohl die heilige Ursula, Lüneburgs Stadtpatronin. Auf der Dachwölbung zylindrischer Reliquienbehälter aus Bergkristall, verschlossen durch zwei Kappen, die entsprechend den Schmalseiten des Kastens verziert sind. An der vergoldeten Unterlage mit graviertem Blattrand zwei Schriftbänder, die dunkel bzw. transluzid blau emailliert sind. Auf dem einen (Seite des Weltenrichters) in Majuskeln „ITE VENITE“, auf dem anderen in Minuskeln „benedicti p(at)r(i)s mei“ nach Matth. 25,41 und 25,34 (Gehet hin ihr Verfluchten/ Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters). Rechts und links kniender Schutzengel, auf den Flügeln blaues, transluzides Email mit goldenen Punkten (nur z. T. erhalten). Am Sockel verschieden geformte blaue und helle, ehemals gelb und rot hinterlegte Glassteine in vier- und sechseckigen Fassungen.

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Mikrokleid aus Perlmutterknöpfen und Stahlösen

Mikrokleid aus Perlmutterknöpfen und Stahlösen

„Untragbare Kleider“ präsentierte der 1934 in Spanien geborene Designer Paco Rabanne 1966 in seiner ersten Modenschau. Und in der Tat, seine kühnen Entwürfe aus Aluminium, Papier, Leuchtfasern, Plexiglas und Rhodoïd waren nicht zum Anziehen gedacht, sondern glichen Kunstobjekten, mit denen er die etablierten Vorstellungen von Kleidung hinterfragte. Seither wird sein Schaffen von diesen Überlegungen bestimmt, dienen seine Werke dazu, gängige Vorstellungen von Mode gegen den Strich zu bürsten. Immer wieder verstand es Rabanne, mit ungewöhnlichen Materialien zu arbeiten. So wählte er für das rückenfreie, extrem schwere und sehr körpernahe Mikrokleid mit erhöhter Taille Perlmutterknöpfe, die mit je vier Stahlösen in aufwendiger Handarbeit zu einem Flächenverbund aneinandergefügt wurden – eine Technik, die auch bei Schutzschürzen für Fleischer eingesetzt wird. Das Kleid ist im Rücken tief geschlitzt und wird am Taillenband mit Haken und Ösen geschlossen. Sein Bustier-Oberteil besteht aus zwei dreieckigen Büstenteilen mit schmalen Trägern. Die erhöhte Taille wird von einem breiten Band aus sechseckigen, miteinander verbundenen Stahlplättchen – „Squam“ – markiert. Ein schmaleres Band konturiert die Kanten und den Saum. Die 1970 noch als trivial angesehen und für Wäsche genutzten Perlmutterknöpfe verlieren im Verbund mit den glänzenden Stahlringen ihre simple Anmutung und verwandeln sich zu einer edlen Rüstung von geheimnisvollem Glanz – das passende Outfit für moderne Amazonen.Paco Rabanne studierte in Paris Architektur und entwarf zunächst Accessoires für Balenciaga, Givenchy und Dior. 1967 gründete er sein eigenes Haute-Couture-Haus. Er gehörte neben Cardin, Courrèges und Ungaro zur Avantgarde der 1960er Jahre. CW

Weißes gewebtes Korsett mit gebogten Säumen

Weißes gewebtes Korsett mit gebogten Säumen

Das weiße Korsett in Stundenglas-Silhouette ist ein textiles Wunderwerk, dessen puristische Schönheit vollkommen auf den technischen Gegebenheiten seiner Herstellung beruht. Es ist ein in zwei Teilen ohne Naht gewebtes Korsett, im Gegensatz zu den bis dahin in mühevoller Handarbeit aus einzelnen Teilen zusammengesetzten Korsetten. Möglich wurde dies durch eine Entwicklung des Mechanikers Jean Werly (* 1779, † unbekannt). Zwischen 1818 und 1832 arbeitete er in Bar-le-Duc, Frankreich, an der Entwicklung spezieller Flachwebstühle, die in der Lage waren, „Zeuge mit runden Figuren, welche hauptsächlich zur Verfertigung der Corsetten ohne Naht bestimmt sind“ herzustellen. Hierbei entstanden Doppelgewebe mit abgeteilten Hohlräumen, in die die versteifenden Materialien wie Fischbeinstäbe, Kordeln aus Hanf, Baumwolle, Papier oder leichte flexible Stahlstäbchen eingezogen wurden. Gleichzeitig wurden die für die Anpassung an den Körper benötigten Brust- und Hüftzwickel beim Weben durch das allmähliche Hinzufügen bzw. Abnehmen zusätzlicher Schüsse eingearbeitet. Es wurde also von der rückwärtigen Verschlusskante nach vorn und vice versa gearbeitet. In der vorderen Mitte wurde bei unserem Korsett ein größerer Hohlraum mit kleinem Ziermuster für das Blankscheit angewebt. Dies sind zwei breitere Metallstreifen mit einem vierteiligen Mechanikverschluss aus besonders geformten Ösen, in die die kleinen Knöpfe der Gegenseite eingeschoben werden. Eine Feder in der Öse verhindert ihr Zurückrutschen. Dieser Mechanikverschluss ist noch heute in Gebrauch. Ein neuartiger Schnürverschluss im Rücken ermöglichte es der Trägerin, das Korsett ohne fremde Hilfe enger zu schnüren und dank der Mechanik konnte sie es allein anziehen.Die Kanten des Korsetts sind mit gebogten Weißstickereien und umlaufenden, lang gezogenen Kreuzstichen in Seide verziert. CW

Zeremonialstab, sog. Zepter Karls des Großen aus der ehem. Reichsabtei Werden

Zeremonialstab, sog. Zepter Karls des Großen aus der ehem. Reichsabtei Werden

Der achtkantige Zeremonialstab besteht aus einer Handhabe, zwei Schaftstücken und einer Bekrönung in der gerippten Form eines Streitkolbens mit acht Schlagblättern. Zwischen diesen Teilen befinden sich vier facettierte Knäufe. Schmale Zierreifen aus vergoldetem Silber verdecken die Stöße der einzelnen Jaspisteile. Dem Schaft sind zwei silbervergoldete Manschetten angelegt, um Bruchstellen im Stein zu sichern. Während eine Eichel den oberen Abschluss des Stabes bildet, ist am unteren Ende der Handhabe das Monogramm Karls des Großen (* 748, Reg. 768–814) eingraviert, das dem Werk seinen ehrwürdigen Namen eingebracht hat. Ein Achatstab im Kunsthistorischen Museum Wien ist dem Berliner Exemplar sehr eng verwandt, er zeigt jedoch keine Montierungen. Zeichnungen aus der Zeit um 1573 und gegen 1753 sowie stilkritische und materialanalytische Untersuchungen haben den Nachweis erbracht, dass die Silberfassungen am Berliner Stab das Resultat von drei verschiedenen Bearbeitungsphasen sind. Erst mit der zweiten – im Zeitraum zwischen den beiden Zeichnungen erfolgten – Veränderung der Montierung erhielt er durch das Karlsmonogramm auf der erneuerten Kalotte der Handhabe sein Signum als angebliches Zepter Karls des Großen.Die früheste Erwähnung als Zepter Karls findet sich in den um 1600 entstanden Werdener Klosterannalen: „Karls Zepter, aus Jaspis gefertigt dessen sich die Äbte bei den fürstlichen Amtshandlungen und bei den Belehnungen der Großen bedienen. Dabei wird es bei der Eidesleistung zur größeren Bekräftigung des Treueversprechens mit der Hand berührt.“ Eine Zeichnung im Lehensbuch des Abtes Heinrich Duden (Abbatiat 1573–1601) zeigt am unteren Abschluss der Handhabe abweichend vom heutigen Zustand eine segmentierte Kalotte ohne Karlsmonogramm, die man als Werk des 16. Jahrhunderts ansprechen möchte. Es ist zweifelhaft, ob diese älteste Silbermontierung des Werkes auch seine ursprüngliche war oder ob sie womöglich selbst schon das Resultat einer ersten Umarbeitung des zunächst ohne eine zierende Metallfassung geschaffenen – dem Wiener Stab dann einst tatsächlich zwillingshaft ähnlichen – Werkes darstellt.Heinrich Duden beschreibt in einer wohl im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts entstandenen „Nota de usu sceptorum“ den Gebrauch des „sceptrum maius ex iaspide factum“, das dem Abt bei Prozessionen vom Marschall voran getragen und bei Belehnungen von Personen hohen Standes benutzt wurde. Vielleicht spiegelt sich in der sprachlichen Wandlung von dieser rein deskriptiven Bezeichnung des Werkes hin zur historisierenden Benennung als „Caroli sceptrum“ in den nur wenige Jahrzehnte jüngeren Klosterannalen eine Übertragung der auf dem angeblichen Gründungsprivileg beruhenden Werdener Karlstradition auf das Lehenszepter aus Jaspis, die schließlich zur Anbringung jener so nachdrücklich um Legitimationsstiftung bemühten Gravur des Karlsmonogramms geführt hat.In seiner Funktion als Lehenszepter, als Insignum weltlicher Macht, kann der Zeremonialstab den reichsunmittelbaren Werdener Fürstäbten nur vom Kaiser selbst verliehen worden sein. Die Hypothese in ihm ein Geschenk des kaiserlichen Lehensherren an die Abtei Werden anlässlich der Abtswahlen der Jahre 1520 oder 1540 zu sehen, erscheint nicht abwegig. Vielleicht war eine solche Insignienverleihung der Anlass für die Anbringung einer ersten Silbermontierung an dem älteren Jaspisstab. LL