Logo

Invasion

Ident. Nr.: NG 13/82

ObjID: obj:959873

Schenkung Pressestiftung Tagesspiegel
n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Hans Richter (1888 - 1976),
Künstler*in
Datierung
1944-1946 / vor 1976
Provenienz
Nachlass/Vermächtnis: Nachlass des Künstlers,
1982
Abmessungen
Höhe x Breite: 82 x 516 cm
Erwerbung
1982 Schenkung der Pressestiftung des Tagesspiegels, Berlin (West), Ankauf aus dem Nachlass des Künstlers

Objektbeschreibung

Richter gehörte zur Film-Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zuvor hatte sich der von der Malerei kommende Künstler 1916 der Dada-Bewegung angeschlossen. Unter dem Einfluss des Konstruktivismus entwickelte er zusammen mit dem Schweden Viking Eggeling ab 1919 erste Ideen zum abstrakten Film. Hierfür fertigte Richter lange, horizontale Rollenbilder an, auf denen er die zeitliche Bewegung von Formen mithilfe der Malerei dynamisch darzustellen versuchte. Diese Experimente mündeten schließlich in „Rhythmus 21“ (1921), ein Schlüsselwerk des abstrakten Films. Ab 1933 floh Richter quer durch Europa, bis ihm 1941 die Emigration in die USA gelang. Nach 15-jähriger Pause von der Malerei entstanden ab 1943 drei Rollenbilder zum Krieg und zur Befreiung von der Naziherrschaft, in denen Richter Collagetechnik und konstruktivistische Bildsprache miteinander verband. „Momentum of Invasion“ konzipierte er zunächst als rein abstraktes Rollenbild. Zu einem späteren Zeitpunkt kürzte er nicht nur den Titel auf „Invasion“, sondern fügte Schlagzeilen, Nachrichten, Fotos und Landkarten ein, die den Kriegsverlauf von der Landung der Alliierten in Frankreich über die Überquerung des Rheins durch US-amerikanische Truppen bis zur Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 nachzeichnen. Kompositorisch versinnbildlichte Richter die Gefechte durch horizontal voranstrebende und vertikal dagegenhaltende geometrische Elemente. Als Zeichen der Hoffnung steht ganz links ein kleines rotes Kreissegment, das immer weiter anwächst. Wahrscheinlich begann der Künstler das Bild 1944. 1946 stellte er es zum ersten Mal aus. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zeitungsausschnitte noch nicht eingeklebt. Es trug den Titel „Momentum of Invasion“, war auf 1945/1946 datiert und noch nicht signiert. Wann genau die Collageelemente und die Signatur samt Datierung angebracht wurden, lässt sich nicht ermitteln. In den Katalogen von 1959 ist die Arbeit noch ohne Zeitungsschnipsel reproduziert, trägt den Titel „Dynamische Entwicklung in 3 Sätzen“ und ist mit 1944/1945 datiert. Im italienischen Katalog von 1962 ist sie ebenfalls uncollagiert und unsigniert abgedruckt und wird als „Invasione“ bezeichnet. Die Jahreszahl lautet hier ebenfalls 1944/1945. Richter muss das Bild irgendwann zwischen 1962 und seinem Tod 1976 in den heutigen Zustand gebracht haben. Vermutlich hat er das Jahr 1945 gewählt, um damit auf das Ende des Krieges zu verweisen. | Sven Beckstette

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Neue Nationalgalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Un-Quadrat rot

Un-Quadrat rot

„Das Schrägelement – der senkrecht und waagrecht beschnittene, schräge Balken – […] ist aus der Diagonalen im Quadrat gewonnen. Daher steht es den Grundlagen und dem Ausgangspunkt absoluter Malerei nahe“, heißt es in Stankowskis Buch „Bildpläne“ (Stuttgart 1979, S. 97). Ein von links unten aufsteigender Schrägbalken sei „Ausdruck von Energie und Antriebskraft“; eine Diagonale vermittele „Erregung, Bewegtheit, Rhythmik und ‚Sensation‘“, unabhängig von ihrer Richtung (S. 99). Der Künstler und Designer Stankowski beschäftigte sich zeitlebens so intensiv mit dem Schrägelement, dass die Form zu einer Art Markenzeichen seiner Kunst wurde – sowohl in freien Arbeiten als auch im Grafikdesign. Sein wohl bekanntester Schrägstrich ist Teil des quadratischen Logos für die Deutsche Bank, das 1973 entstand. Doch bereits zuvor war die Schräge das visuell am ausgiebigsten erforschte Element seines Schaffens – ob in experimentellen Fotografien, Werbecollagen, Funktionsgrafiken, Markendesigns oder freien künstlerischen Arbeiten. Mit „Un-Quadrat“ ließ Stankowski die Schräge zur Bildgestalt werden: Die Leinwand selbst hat als „shaped canvas“ („geformtes Bild“) die aufsteigende Schrägform angenommen. Die Dynamik des Aufstrebens wird durch den Neigungswinkel unterstützt: Statt eines optisch ruhigeren 45-Grad-Winkels, der Diagonale eines Quadrats, wurde hier ein Winkel mit energiegeladenen 55 Grad gewählt. Diesen Kniff hatte Stankowski bereits erfolgreich beim Deutsche-Bank-Logo eingesetzt (dort mit 53 Grad). Der Werktitel „Un-Quadrat“ verweist also einerseits auf die als Bildkörper ausgeformte Leinwand ohne klassische rechte Winkel, andererseits auf das dynamische Ausbrechen der Schräge aus der Quadratdiagonale. | Christina Thomson