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Schleusen

Ident. Nr.: NG MB 119/2000

ObjID: obj:960639

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Paul Klee (1879 - 1940),
Künstler*in
Datierung
1922
Weitere Titel
Sammlungstitel: Schleusen
Übersetzung: Floodgates
Provenienz
im Besitz des Künstlers,
1940
Kommission: Galka Scheyer, New York/San Francisco,
1924 - vermutlich 1928
Nachlass/Vermächtnis: Lily Klee, Bern,
1940–1946
Klee-Gesellschaft, Bern,
1946 - vermutlich spätestens 1952
Kommission: Buchholz Gallery - Curt Valentin, New York,
ab 1950
G. David Thompson, Pittsburgh,
396519
Frederick M. Stafford, New York,
1958
Berggruen & Cie., Paris,
1958
unbekannter Besitzer,
1958–1994
Kauf: Heinz Berggruen, Berlin/Paris,
11.5.1994–2000
Abmessungen
Höhe x Breite: 20,3 x 30,7 cm
Erwerbung
2000 Ankauf von Heinz Berggruen mit Unterstützung der Bundesregierung und des Landes Berlin

Objektbeschreibung

Eine Schleuse ist eine regulierbare Absperrvorrichtung in Flüssen und Kanälen, ein wehrhaftes Bauwerk, mit dessen Hilfe Schiffe Höhenunterschiede im Fahrwasser überwinden können. Klee hat in den 1920er-Jahren in der Schleuse ein dualistisches Gestaltphänomen für sein „Zwischenreich“ entdeckt: Tor und Kammer, Füllung und Entleerung, Heben und Senken. Im Aquarell von 1922 wird mit der kaum noch sichtbaren Linie des Bleistiftes das Schiffshebewerk mit dem Wasser im strengen Lot geometrischer Formen gehalten. Konsequente Flächenbildung des Sujets: Quadrate, Rechtecke, Trapeze, Kreise und Halbkreise. Organische Form kontrastiert die Rechtwinkligkeit mit Übergängen abgerundeter Struktur, die Fläche ist bis zu den Rändern hin ausgespannt. Die Form ist in ruhiger Lagerung gebunden, das Sujet wirkt wie eingefroren. Zu diesem Eindruck der Kühle und der transparenten Entrückung des Motivs trägt die lasierende Wasserfarbenmalerei entscheidend bei. In einigen Aquarellen des Jahres 1922 hat Klee, wie Sabine Rewald bemerkte, „mit sogenannten ‚unechten Farbpaaren‘ experimentiert“, auch im vorliegenden Blatt „hat Klee Violett und Grün gewählt. Zu gleichen Teilen gemischt, schlagen diese beiden Farben in ein bläuliches Grau um“ (Sabine Rewald, Paul Klee. Die Sammlung Berggruen, Ausst.-Kat. Kunsthalle Tübingen, 1989, S. 164). Vom Format und von der Graduierung einer Farbe, dort in Rot, sehr ähnlich ist das ein Jahr früher entstandene Aquarell „Rot-Stufung“ (NG MB 114/2000). | Roland März

Letzte Aktualisierung: 28.08.2026

Kontakt

Einrichtung:

Museum Berggruen

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Nature morte avec guitare bleue / Guitare et compotier rose

Nature morte avec guitare bleue / Guitare et compotier rose

Picassos Rückkehr zum Klassizismus, wie sie in der Mehrzahl der heute im Museum Berggruen präsentierten Werke, die zwischen 1918 und 1925 entstanden sind, ablesbar ist, war keine ausschließliche Entscheidung. Im Gegenteil, Picasso hatte seine Recherchen zum Bildaufbau des Kubismus nicht völlig aufgegeben und immer wieder daran angeknüpft. Gerade das Motiv des Stilllebens mit Gitarre und Fruchtschale, welches in seiner Variante „vor einem Fenster in Saint-Raphaël“ bereits 1919 (NG MB 31/2000) angezeigt hatte, dass Picasso sowohl kubistisch als auch gegenständlich zu malen suchte, verwendete er im Jahr 1924 wiederholt als Alternative zu klassizistischen und häufig antikisierenden Personendarstellungen. In diesem großen Format dominieren die Farbflächen und das Spiel der Formanalogien. Die runde Form etwa, sowohl Gitarrenloch als auch Obst in der Fruchtschale, verkörpert in der Wirklichkeit entgegengesetzte Volumina: einmal ein Nichts, einmal eine Kugel. Picasso legte aber auch großen Wert auf die Umrisslinien, die er in die Farbe ritzte. Korrekturen und Übermalungen sind in der Nahsicht erkennbar. Dieses Werk wurde 1940 bei dem Pariser Sammler Alphonse Kann beschlagnahmt und sollte, zusammen mit dem oben erwähnten Stillleben und zwei weiteren heute im Museum Berggruen befindlichen Werken („Kopf einer Frau“, NG MB 11/2000, und „Der gelbe Pullover“, 67/2000), ins Deutsche Reich verbracht werden, doch die Résistance konnte den Zug stoppen; Kann erhielt sein Werk 1947 zurück (Biografien der Bilder, Ausst.-Kat. Museum Berggruen, Berlin, 2018, S. 156). | Gabriel Montua

Der gelbe Pullover

Der gelbe Pullover

Das Museum Berggruen besitzt mehrere Porträts Picassos von 1939 und 1940, in welchen eine kleinere Gesichtspartie mit Auge und Nase collagenartig an das übrige Gesicht angefügt wurde, sodass wir es wie aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten können („Kopf einer Frau mit buntem Hut“, NG MB 64/2000; „Frau in einem Sessel“, NG MB 66/2000, und „Frauenbildnis“, NG MB 69/2000). Im vorliegenden Fall schaut uns das Auge links im Bild frontal an, der Nasenrücken bildet die Verbindung zu der anderen Gesichtshälfte, die ein leicht nach links gewandtes Profil zeigt. Was dieses Porträt von Picassos damaliger Partnerin Dora Maar (1907–1997) in einem Sessel zum Plakatmotiv des Museums Berggruen werden ließ, ist die Harmonie, die es ausstrahlt. Anstatt grotesk zu wirken, erscheint das Gesicht wie geschliffener Marmor. Die prankenartigen Hände und der zu kurz geratene linke Arm fallen erst auf den zweiten Blick auf und ordnen sich der erhabenen Ruhe unter, welche die thronende Haltung und die breiten Farbfelder erzeugen. Turbulent hingegen ist die Provenienzgeschichte des Bildes: Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs am 31. Oktober 1939 in Frankreich gemalt, kaufte es der jüdische Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg und legte es nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wenige Monate später in den Safe einer Bank. Die Deutschen knackten den Tresor und wollten das Gemälde zusammen mit anderer Raubkunst abtransportieren, doch die Résistance konnte den Zug stoppen und das Werk seinem Eigentümer zurückgeben (Sven Haase, Der Kunstraub der Nationalsozialisten, in: Biografien der Bilder. Provenienzen im Museum Bergguen, Ausst.-Kat., Berlin, 2018, S. 41 ff.). | Gabriel Montua

La petite maternité

La petite maternité

Erst nach der Begegnung mit Georges Braque 1911 begann der künstlerische Autodidakt Laurens, selbst Kunst zu schaffen, die sich im Laufe der folgenden Jahre immer stärker dem Kubismus verschrieb und sich auch nicht vom vermeintlichen Ende dieser Kunstrichtung nach dem Ersten Weltkrieg abbringen ließ: Zeichnungen, Papiercollagen, Reliefs und Plastiken entstanden. Als Laurens 1919 damit anfing, Figurenplastiken aus Stein und Bronze zu fertigen, wirkten diese wie eine Materialisation der Porträts aus der ersten, „analytischen“ Phase des Kubismus bis etwa 1911/1912 (vgl. etwa Pablo Picassos „Sitzende Frau in einem Sessel“, NG 1/80). In den 1930er-Jahren änderte sich Laurens’ Vokabular, wie sich an der Figur einer schwangeren Frau – ein seltenes Sujet für eine Statuette –, die liegend dargestellt ist, sehen lässt: Runde, ineinander übergehende Formen ersetzen die in seinen kubistischen Plastiken (vgl. „Liegende Frau“, B 60/12, und „Hockende Frau“, B 798) zueinander abgewinkelten Flächen. Unverändert geblieben ist die Wiederholung derselben Formen in verschiedenen Maßstäben im selben Objekt, hier etwa spiegelt sich die Rundung des Bauchs in den Schenkeln und den hinter dem Kopf verschränkten Armen. „Das Auftreten runder Formen bei Laurens stellte keineswegs eine Absage an den Kubismus dar, sondern war vielmehr eine normale Entwicklung in einer neuen Welt“, konstatierte bereits der Pate des Kubismus, Daniel-Henry Kahnweiler (Erinnerungen an Henri Laurens, in: Henri Laurens. Das plastische Werk, Stuttgart 1970, S. 50). | Gabriel Montua

Glas und Kreuz-Ass

Glas und Kreuz-Ass

Auffällig an dieser im Frühjahr 1914 entstandenen Arbeit ist die klare Kompositionsstruktur: In der unteren Bildhälfte lagert auf weißem Papiergrund ein großes Oval, ein Stück Karton mit imitiertem Holzfurnier, das einen Tisch bildet, der auf der Bildfläche durch Bleistiftlinien verspannt ist, die gleichsam Tischbeine sein könnten. Eine Spielkarte leitet wie ein Scharnier über zu den auf dem Tisch in aufsteigender Form mit einer eigenartigen Umrisslinie platzierten Gegenständen. Die Differenz zwischen der waagerechten und der senkrechten Formfläche wird noch betont durch deren Farbkontrast, durch das warme, rotbraun geäderte Ocker im Oval und die kühlen blau-grau-schwarzen Farbtöne in der anderen Formgestalt. Dass Picasso in diesem (wie auch in anderen) Stillleben gerade das Kreuz-Ass als Motiv verwendet hat (vgl. etwa „Meine Schöne“, NG MB 20/2000), liegt wohl nicht nur an dessen prägnanter Form, sondern auch an seiner Ambivalenz: Im französischen Blatt kann es den höchsten, aber ebenso (je nach Spielregel) den niedrigsten Wert bedeuten. Das Glas war für Picasso ein weiteres beliebtes Motiv, das er auch skulptural umsetzte (vgl. „Das Absinth-Glas“, NG MB 23/2000). Für das vorliegende Werk zeichnete er das Glas mit Bleistift auf eine ölgrundierte weiße Leinwand und schnitt es danach aus. Ergänzt wird das Ensemble von einem fast konisch geschnittenen Stück blau-grauer Leinwand, das vielleicht eine Karaffe mit Facettenschliff andeuten soll. | Hans Jürgen Papies

Fruchtschale mit Birnen und Äpfeln

Fruchtschale mit Birnen und Äpfeln

„Behandeln Sie die Natur gemäß Zylinder, Kugel, Kegel, das Ganze dabei in Perspektive gebracht, dass nämlich jede Seite eines Gegenstandes, einer Fläche zu einem zentralen Punkt hinführt“, schrieb Paul Cézanne 1904 an seinen Malerkollegen Émile Bernard (Paul Cézanne, Die Natur lesen. Aus seinen Briefen, ausgewählt von Stefan Vorkel, Leipzig 2004, S. 69). Diese Worte veröffentlichte Bernard in seinem Artikel „Souvenir sur Paul Cézanne“ (Erinnerung an Paul Cézanne) in der Ausgabe vom 1. Oktober 1907 im vielgelesenen „Mercure de France“ (S. 400), sodass sich die heute berühmte Formel zeitgleich zur großen Cézanne-Retrospektive des Pariser Salon d’Automne verbreitete. Es kann als sicher gelten, dass Picasso Cézannes Empfehlung kannte, als er dieses Werk wahrscheinlich Ende 1908 malte, in einer Phase, in der er auch andere Stillleben auf Holz schuf. Ein gutes Beispiel für Cézannes Einfluss auf die Genese von Picassos Kubismus um 1909 (vgl. etwa „Häuser auf einem Hügel. Horta de Ebro“, 1909; Dauerleihgabe der Familie Berggruen im Museum Berggruen, Berlin), folgte Picasso Cézanne hier nicht nur im Motiv des Früchtestilllebens und in der Wiedergabe von Äpfeln als Kugeln und Birnen als Kegel, sondern auch in den unterschiedlichen Perspektiven: Früchte und Schalenkörper präsentieren sich von einem niedrigeren Standpunkt aus als der Schalenrand und die Tischfläche. In der Reduktion der Farbpalette auf dunkle Erdtöne hingegen hat sich Picasso von Cézanne distanziert und die Farben des Kubismus angekündigt. | Gabriel Montua

Maquette pour une couverture des Cahiers d'Art

Maquette pour une couverture des Cahiers d'Art

Die Eigenart von Matisse’ „gouaches découpées“ (Scherenschnitten) beruht auf der Schaffung des Raumes allein aus Farbkategorien. Diese hat er, weitgehend frei von malerischen Mitteln, als eigenständige Ausdrucksträger eingesetzt. Matisse studierte seine Farben genau und versuchte sie dergestalt nebeneinander zu positionieren, dass ihre Kontraste am besten zur Geltung gelangten. Dieser Ansatz findet sich im Umschlagentwurf für die berühmte Kunstzeitschrift „Cahiers d’Art“ insbesondere durch die beinahe aggressive Farbabgrenzung von Schwarz und Rot umgesetzt und durch die Überlagerung der Papiere, die unterschiedlich fest auf dem Untergrund aufliegen, noch verstärkt. In seinen seit Mitte der 1930er-Jahre angefertigten Entwürfen für Einbände und später Ausstellungsplakate löste Matisse die „gouaches découpées“ aus ihrem experimentellen Zusammenhang. Das neue Medium wurde zur autonomen Bildform. Die Arbeit aus dem Museum Berggruen entstand im Jahr 1936 und damit zu Beginn einer für das Gesamtwerk des Künstlers entscheidenden Entwicklung. Wie sehr allerdings die neue Technik anfangs noch auf Unverständnis stieß, zeigte sich an der Reaktion des Auftraggebers, des Gründers und Herausgebers der „Cahiers d’Art“, Christian Zervos: Er lehnte den vorliegenden Entwurf ab – und war noch jahrelang der Ansicht, dass es sich bei den „gouaches découpées“ um einen wenig ernsthaften Zeitvertrieb des Künstlers handele. | Anke Pötzscher

Nördlicher Ort

Nördlicher Ort

Die synästhetische Analogie von Farben und Tönen beschäftigte Klee ab 1910. In die Quadratur der Form trat seit den Tunis-Aquarellen 1914 die klingende Farbe. Die Reihe der „Magischen Quadrate“, die 1921 begann und 1923 ihren Höhepunkt erreichte, hat Klee bis zu seinem Tode fortgeführt. Für diese Farbbewegungen im Wechsel von horizontaler und vertikaler Komposition sowie seinen polyphon rhythmisierten Stil schuf er mit seinen Vorlesungen zur „Bildnerischen Formlehre“ von 1922 bis 1924 am Bauhaus in Weimar auch die theoretischen Grundlagen. „Nördlicher Ort“ ist ein farbig strahlendes Mosaik aus unregelmäßig gezogenen Quadraten, die manchmal zum Rechteck tendieren. Die frische Heiterkeit des Aquarells dämpfen hier und da mattes Braun und Gelb, Ocker und Lila. In der Vielstimmigkeit der Farbtöne setzen die schwarzen Vierecke die entscheidenden Akzente für den Rhythmus innerhalb des aufgerasterten Gefüges. Klee hatte sein bildnerisches Ziel erreicht: eine Steigerung der Farben vom Statischen hin zum Dynamischen. Wenn die Vorstellung vom „Norden“ immer auch mit Kargheit und Kühle verbunden ist, dann führt der Spieler Klee mit seinem Titel „Nördlicher Ort“ die Betrachter:innen auf einen Irrweg. Denn in dieser klingenden Pastorale atmet im Farbigen alles die mediterrane Sinnlichkeit des Südens. Klees Ort bleibt abstrakt und anonym, obwohl auch ein, zwei geteilte Quadrate in ihrer richtungsbetonten Dreiecksform an Dächer und Giebel eines Städtchens erinnern. | Roland März

Stillleben mit Glas und Spielkarten (Hommage an Max Jacob)

Stillleben mit Glas und Spielkarten (Hommage an Max Jacob)

Auf dem Stillleben „Hommage à Max Jacob“ erkennt man den für diese Phase von Picassos Kubismus charakteristischen Punktenebel besonders deutlich, mit dem das Glas gefüllt zu sein scheint, ähnlich wie Picasso das Exemplar des Absinth-Glases aus dem Museum Berggruen aus demselben Jahr (NG MB 23/2000) auch mit roten und blauen Punkten bemalte. Das „papier collé“ (geklebte Papier) ist ein Bestellschein für die neueste Publikation des Dichters Max Jacob, eine von ihm übersetze und kommentierte Auswahl an keltischen Gedichten mit dem Titel „La Côte“ (Die Küste). Durch die Verwendung des Bestellscheins auf dem Bild ging Max Jacob zwar ein potenzieller Käufer seines Buches verloren, doch wird er sich über die Werbung gefreut haben. Angela Schneider beschreibt das Verhältnis zwischen Picasso und Jacob wie folgt: „Die beiden jungen Künstler (Jacob malte auch) hatten sich 1901 anlässlich der ersten Ausstellung Picassos in der Galerie von Ambroise Vollard kennengelernt und waren unzertrennliche Freunde geworden, die zeitweise aus Geldmangel dasselbe Bett benutzten, der eine nachts, der andere tags“ (Picasso und seine Zeit, Bestandskat. Museum Berggruen, Berlin, 2010, S. 82). Auch als sie sich nach dem Ersten Weltkrieg voneinander entfernten, sind immer wieder gemeinsame Publikationen mit Texten von Max Jacob und grafischen Arbeiten von Picasso entstanden. Max Jacob, der 1915 vom Judentum zum Katholizismus konvertierte, wurde 1944 von der Gestapo verhaftet und starb im Lager Drancy bei Paris. | Gabriel Montua

Erwachende

Erwachende

Figur und Landschaft in der Grenzsituation von Nacht und Tag, Schlaf und Erwachen, Aufstehen und Davoneilen. Ein marionettenhafter Kopf mit magischem Auge, darüber das Zeichen der Nacht. Doch der Morgen bricht an, die Gestirne gehen auf. Am Horizont die Tanne und ein spiraliges Gewächs, die Natur regt sich. Die halb liegende, halb sitzende Gestalt der „Erwachenden“ ist eingewoben in das schwingende Lineament von Erdreich und Himmel. Durchgängige Wellen stoßen auf segmentierte Körperpartien. Der Stachel der Bewegtheit geht vom schwarzen Pfeil aus, der in den Schoß der metamorphotischen Figur führt, Gestalt und Landschaft sind im „Wellenbad“ der Bänder in schaukelnder Balance gehalten. Locker umspielen die Linien und Kreuzschraffuren die kontrapunktisch geführte Figuration, in der sich die Natur zum Menschen und der Mensch zur Natur verwandelt. Mensch, besinne dich auf dich selbst und auf deine Bezüge zu Natur und Kosmos. Bewegt war auch die Wanderschaft dieses bedeutenden frühen Streifenbildes von Klee, über das Heinz Berggruen 1997 im „Berliner Kurier“ berichtete: „Anfang der 60er Jahre lebte ich als Kunsthändler in Paris. Heute kaum vorstellbar – aber den Klee verkaufte ich für umgerechnet 600 Mark nach Kalifornien. Ich spüre immer mal Bildern nach, die von mir in die Welt gingen, und frage gelegentlich an, ob sich etwas zurückkaufen läßt. Die Kalifornier freuten sich, dass ihr Klee jetzt in einem Berliner Museum hängt und so ihren Lebensabend sichert.“ | Roland März

Der Verliebte

Der Verliebte

Der Verliebte – der in seiner Form auf die Zeichnung „Kopfträger“ aus dem Jahr 1922 (Zentrum Paul Klee, Bern) zurückgeht – hebt ab, schwankt wie ein hohler Globus im siebten Himmel, ein aufgeblasenes, kopflastiges Wesen mit verkümmertem Körper. In seinem grauen Gehirn lagert diagonal das korsettierte Mädchen, ihr Kopf mit Locken und Herzmund, unten ganz Marionette mit gespreizten Schenkeln und hochhackigen Schuhen, ein „zweites Gesicht“ sitzt in der Scham. Der eifersüchtige Egomane glotzt verbiestert, die Hampelfrau als Objekt sexueller Begierde. Mit Ironie hat Klee die erotischen Sehnsüchte in der Balance gehalten und sie zugleich zerstört. Die Lithografie „Der Verliebte“ entstand in einer Auflage von 100 Exemplaren für die 1923 in Weimar erschienene „Meistermappe des Staatlichen Bauhauses“ mit acht Blättern von Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Gerhard Marcks, László Moholy-Nagy, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Lothar Schreyer und eben Klee. Dessen Blatt wurde in der gesamten Auflage auf einer roten Tonfläche gedruckt, während das vorliegende Werk aus dem Museum Berggruen – in dieser Form ein Unikat – als erster Zustand der Lithografie in Schwarz-Weiß die spätere Zutat des violinschlüsselartigen Gebildes am Körper des Mannes und die Inschrift „der Verliebte“ noch nicht enthält. Klee hat den ersten Zustand handschriftlich bezeichnet: „1923 91 Der Verliebte Probedruck des schwarzen Steines erster Zustand, handaquarelliert Klee“. | Roland März