Logo

Frau, geschminkt für den Jahrmarktzirkus

Ident. Nr.: B 476

ObjID: obj:963912

1960 erworben durch das Land Berlin
n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Georges Rouault (1871 - 1958),
Künstler*in
Datierung
1911
Weitere Titel
Sammlungstitel: Frau, geschminkt für den Jahrmarktzirkus
Originaltitel: Femme, maquillée pour le cirque forain
Übersetzung: Woman Made up for the Circus
Provenienz
J. B. Neumann, New York,
spätestens 1930 - um 1941/42
Maria Martins, Washington/D.C./Paris/Rio de Janeiro,
um 1941/42 - 1960
Kommission: Galerie d’art moderne, Basel,
1960
Material / Technik
Öl und Gouache auf Karton
Abmessungen
Höhe x Breite: 39,2 x 29 cm
Erwerbung
1960 Ankauf von der Galerie d'art moderne, Basel, durch das Land Berlin mit Mitteln der Deutschen Klassenlotterie für die Galerie des 20. Jahrhunderts (West)

Objektbeschreibung

Rouault, Schüler, Bewunderer und Freund des Malers Gustave Moreau, hatte um die Jahrhundertwende, mit ausgelöst durch den Tod Moreaus, eine existenzielle Krise erlitten. Bei einem Aufenthalt in der Benediktinerabtei Ligugé bei Poitiers begegnete er dem Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, der dort eine Künstlerkolonie zu gründen beabsichtigte. Prägender noch wurde die Freundschaft mit dem gleichgesinnten Schriftsteller Léon Bloy. Dessen 1897 erschienenen Roman „La Femme pauvre“ („Die Armut und die Gier“), der die Beziehung mit der Prostituierten Berthe Dumont verarbeitet, hatte der unterdessen zum Konservator am Musée Gustave Moreau ernannte Rouault im Nachlass Moreaus entdeckt. Das Buch bestärkte Rouault, mit seinen meist kleinen, sehr düsteren Darstellungen von Schaustellerinnen und Dirnen fortzufahren, zunächst bis 1914. Er hat die Frauen in oft brutal anmutender Hässlichkeit, unförmig und wenig verführerisch wiedergegeben. Die schwere Farbigkeit veranschaulicht ihre Situation, die hiebartig hingesetzten Pinselstriche zeugen von ihrer Verletztheit. Das warme Rot in dem vorliegenden Porträt entfaltet seine Wirkung erst auf den zweiten Blick. Den Widerspruch zwischen erstrebter Schönheit und Not unterstreicht die Halskette. Die knollige Nase und die glasig starrenden Augen bestimmen die Aussage des Bildes. Dabei karikierte Rouault nicht, er malte anonyme, ins Archaische stilisierte Figuren, denen sein Mitleid galt. 1948 vernichtete er über 300 Werke seiner Frühzeit, die wenigen erhaltenen Bilder wurden damit zu seltenen Kostbarkeiten. | Angelika Wesenberg

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Neue Nationalgalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Bogenschützen

Bogenschützen

Vier gespannte Bogen mit Pfeilen sind in dem nahezu abstrakt wirkenden Gemälde zu erkennen, auch die Körper der Bogenschützen und ihrer Pferde. Die Pfeile zielen auf ein Wildtier, das sich – offenbar schon getroffen, durchlöchert und blutend – auf dem Rücken wälzt. Wiederhold hat seine Bildidee in eine überbordende ornamentale Komposition übersetzt. Deren Farb- und Formfülle sowie das Motiv könnten ein ferner Reflex sein auf das 1909 entstandene „Bild mit Bogenschützen“ (The Museum of Modern Art, New York), das Wassily Kandinsky 1912 der Luxus- und Museumsausgabe des Almanachs „Der Blaue Reiter“ als handkolorierten Holzschnitt eingefügt hatte. In Wiederholds Gemälde verschmelzen Elemente von Futurismus, Orphismus, Art déco, russischer Folklore und Theater. Der als Ernst Walther Wiederhold geborene Künstler hatte 1924 ein Studium bei Cesar Klein in dessen Atelierklasse für dekorative Malerei und Bühnengestaltung an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin begonnen. Bereits im Juli 1925 erhielt er eine Einzelausstellung in Herwarth Waldens Galerie Der Sturm. Stilistische Einflüsse für die „Bogenschützen“ dürften von im „Sturm“ vertretenen Künstlern ausgegangen sein, etwa von Robert Delaunay, Alexandra Exter, Michael Larionow oder der Werkstatt Hablik-Lindemann. Auch die theaterbezogenen Arbeiten von Léon Bakst, Fortunato Depero und Gino Severini hat Wiederhold vermutlich gekannt. Als durch den Nationalsozialismus die Verdienstmöglichkeiten für ihn entfielen, gab er sein künstlerisches Schaffen auf, ließ sich zum Buchhändler ausbilden und blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg bei diesem Beruf. | Dieter Scholz

Bauer, Weihwasser nehmend

Bauer, Weihwasser nehmend

Den Türrahmen fast vollständig ausfüllend, mit schweren Pantinen und großem Hut bekleidet, tritt ein Bauer auf dem in dunklen, erdigen Farben gehaltenen Gemälde von Egger-Lienz über die Schwelle einer einfachen Holzstube. Dabei taucht er seine Hand in ein Weihwasserbecken neben der Tür, ein durchaus übliches Ritual der Reinigung in katholischen Privathaushalten zur Entstehungszeit des Bildes. Ebenso wie dieses Spätwerk des Künstlers ist das gesamte Œuvre des Malers, der an der Münchner Akademie der bildenden Künste studiert hatte, von einer religiös gefärbten, realistischen und gleichsam idealisierenden Darstellung der bäuerlichen Alltagswelt geprägt. Die Formensprache ist dabei auf das Wesentliche reduziert. 1909 schrieb der damals im österreichischen Exil lebende Leo Trotzki anlässlich einer Ausstellung der Wiener Secession über Egger-Lienz’ Arbeiten: „Bei Egger gibt es nichts Überflüssiges. Er hält sich keinen Augenblick bei Einzelheiten auf. Die Farben sind ohne Nuancen, die Schatten der Gestalten nur schematisch angedeutet“ (Leo Trotzki, Die Wiener Secession, in: ders., Literatur und Revolution, Essen 1994, S. 478). Der Künstler selbst sagte über sich: „Ich male keine Bauern, sondern ‚Formen‘, so scheint es mir“ (Brief an O. Kunz, 12.5.1924, zit. nach Wilfried Kirschl, Albin Egger-Lienz, Wien 1977, S. 436). Wahrgenommen wird Egger-Lienz’ Werk dennoch vor allem durch das dominierende Sujet des Bauern und einfachen Mannes, das letztlich auch die konservative, teils nationalistische Rezeption seiner Arbeit bestimmt hat. | Maike Steinkamp