Logo

Alte Dirne

Ident. Nr.: B 435

ObjID: obj:967687

1954 erworben durch das Land Berlin
n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Bernhard Hoetger (1874 - 1949),
Künstler*in
Datierung
1924
Weitere Titel
Sammlungstitel: Alte Dirne
Übersetzung: Old Maid
Provenienz
Helene (Lee) Hoetger, Berlin,
1954
Schenkung: Galerie des 20. Jahrhunderts, Berlin (West),
1954–1968
Material / Technik
Bronze
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 39 x 31,5 x 32 cm
Erwerbung
1954 Schenkung der Witwe des Künstlers, Helene (Lee) Hoetger für die Galerie des 20. Jahrhunderts (West)

Objektbeschreibung

Die „Alte Dirne“ zeugt nicht mehr von den idealisierten, archaisch-statischen Köpfen (vgl. „Gedankenflug“, NG 66/84, und „Lächeln“, B 1104), die Hoetger noch in den 1910er-Jahren bevorzugt hatte, sondern gibt eine vom Leben gezeichnete alte Frau wieder, deren Gesicht verwittert und von Falten zerfurcht ist. Ihre Wangen sind eingefallen, das rechte Augenlid hängt herab. Keine Fläche scheint eben zu sein, jeder Zentimeter ist geprägt von Arbeit, sowohl durch das Leben der dargestellten Frau selbst als auch durch den Künstler am Material. In der rauen Oberflächenbehandlung erinnert der Kopf auch an frühe Werke Hoetgers, die kurz nach 1900 unter dem Einfluss Auguste Rodins entstanden waren. Diese charakteristische Gestaltung nahm der Bildhauer in den 1920er-Jahren, in denen er auch die „Alte Dirne“ schuf, wieder auf, jedoch unter veränderten Vorzeichen. Denn nun schwingt Hoetgers sozialkritischer Gestus mit, der in seinen „Volkshausfiguren“ 1927/1928 seinen Höhepunkt fand (vgl. insbesondere die Darstellung der alten Frau, NG 52/80). Die „Alte Dirne“ erscheint gewissermaßen als eine Vorbereitung dieses Zyklus, der die Leiden und Qualen von Armut sowie schwerer körperlicher Arbeit verdeutlicht. Von 1914 bis 1929 hatte Hoetger seinen Wohnsitz in Worpswede, der Künstlerkolonie nahe Bremen. Während er von dort aus ab 1920 immer wieder diverse Bauprojekte verfolgte, porträtierte er die Einheimischen in Bronzeplastiken, so könnte auch das vorliegende Werk entstanden sein. | Anja Pawel

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Neue Nationalgalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Aufstehendes Pferd

Aufstehendes Pferd

Das ehemals im Besitz des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin befindliche „Aufstehende Pferd“ aus lebhaft strukturiertem rot-schwarzen Lahnmarmor steht exemplarisch für Graevenitz’ Schaffen, dessen künstlerisch erfolgreichste Phase in die Zeit des Nationalsozialismus fiel. Ab 1937 leitete er die Bildhauerklasse sowie – mit einigen Unterbrechungen aus gesundheitlichen Gründen – vom selben Jahr bis 1945 die Kunstakademie in Stuttgart als Direktor. Beim vorliegenden Werk hat von Graevenitz offenbar das Zugleich von noch ruhendem Pferdekörper und sich bereits in Bewegung setzenden Vorderbeinen samt sich aufbäumendem Kopf bildhauerisch gereizt, variierte er das Thema doch mehrfach: so etwa in der monumentalen Travertinskulptur „Aufstehendes Pferd“ von 1934/1935 für den Garten des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart oder in seinem 1934 möglicherweise im Zusammenhang mit der Ausgestaltung des Berliner Olympiageländes entstandenen Entwurf „Pferd in Wellen“ (Verbleib unbekannt). Das heute als Dauerleihgabe in der Stiftung Fritz von Graevenitz in Solitude bei Stuttgart befindliche „Aufstehende Pferd“ aus dem Bestand der Nationalgalerie war von Graevenitz’ bildhauerischer Beitrag auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 1937 im Münchner Haus der Deutschen Kunst; es wurde 1938 auch unter dem Titel „Leżący koń“ (Liegendes Pferd) auf der Propagandaschau „Deutsche Bildhauer der Gegenwart“ in Warschau und Krakau gezeigt. | Yvette Deseyve

Un-Quadrat rot

Un-Quadrat rot

„Das Schrägelement – der senkrecht und waagrecht beschnittene, schräge Balken – […] ist aus der Diagonalen im Quadrat gewonnen. Daher steht es den Grundlagen und dem Ausgangspunkt absoluter Malerei nahe“, heißt es in Stankowskis Buch „Bildpläne“ (Stuttgart 1979, S. 97). Ein von links unten aufsteigender Schrägbalken sei „Ausdruck von Energie und Antriebskraft“; eine Diagonale vermittele „Erregung, Bewegtheit, Rhythmik und ‚Sensation‘“, unabhängig von ihrer Richtung (S. 99). Der Künstler und Designer Stankowski beschäftigte sich zeitlebens so intensiv mit dem Schrägelement, dass die Form zu einer Art Markenzeichen seiner Kunst wurde – sowohl in freien Arbeiten als auch im Grafikdesign. Sein wohl bekanntester Schrägstrich ist Teil des quadratischen Logos für die Deutsche Bank, das 1973 entstand. Doch bereits zuvor war die Schräge das visuell am ausgiebigsten erforschte Element seines Schaffens – ob in experimentellen Fotografien, Werbecollagen, Funktionsgrafiken, Markendesigns oder freien künstlerischen Arbeiten. Mit „Un-Quadrat“ ließ Stankowski die Schräge zur Bildgestalt werden: Die Leinwand selbst hat als „shaped canvas“ („geformtes Bild“) die aufsteigende Schrägform angenommen. Die Dynamik des Aufstrebens wird durch den Neigungswinkel unterstützt: Statt eines optisch ruhigeren 45-Grad-Winkels, der Diagonale eines Quadrats, wurde hier ein Winkel mit energiegeladenen 55 Grad gewählt. Diesen Kniff hatte Stankowski bereits erfolgreich beim Deutsche-Bank-Logo eingesetzt (dort mit 53 Grad). Der Werktitel „Un-Quadrat“ verweist also einerseits auf die als Bildkörper ausgeformte Leinwand ohne klassische rechte Winkel, andererseits auf das dynamische Ausbrechen der Schräge aus der Quadratdiagonale. | Christina Thomson