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Las rinde el sueño, Capricho 34

Ident. Nr.: SSG 98

ObjID: obj:1065795

n/a

Details (expert)

Creator/Entity
Francisco José de Goya y Lucientes (1746 - 1828),
Künstler*in
Date(s)
1797/1798
Additional titles
Collection title: Las rinde el sueño, Capricho 34
Schlaf überwältigte sie
Translation: Sleep Overcomes Them
Original title: Le sommeil les a prises
Material / Technique
Radierung und Aquatinta
Dimensions
Höhe x Breite: 21,8 x 15,3 cm
Acquisition
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Last updated: 24.08.2026

Contact

Institution:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

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Ohne Titel

Ohne Titel

Der Blick wandert über eine eigentümlich leere und karge Landschaft in mediterraner Atmosphäre, in ihrem Zentrum steht ein gemauerter, fensterloser Turm, auf dessen Eingang ein schmaler werdender Weg zuführt. Das rechte Bilddrittel dominiert ein bis fast an die obere Bildgrenze reichender zweiter Turm in kräftigen Farben. Im Bildhintergrund ist eine bizarre Form zu sehen, die wie gestrandet auf einem blauen Hügel oder einer Welle liegt. Eine kleine rote Kugel schwebt gleich einer Sonne über der menschenleeren Szene; einige Segelboote streifen einsam über eine stille See. Bei näherer Betrachtung stellt sich eine Befremdung ein, die von der Zusammenstellung der Bildelemente ausgeht: Im linken Vordergrund steht ein Haus mit geschlossenen Fensterläden, auf seinem Flachdach sind zwei schwer identifizierbare Elemente durch eine Linie wie mit einer Wäscheleine verbunden. Der Turm auf der rechten Bildseite besteht aus architektonischen und organischen Formen wie Steinen, Kopfelementen, Gittern und einem Fischschwanz, welche sich in die scheinbar außer Kontrolle geratenen Proportionen zu einem unbehaglich wirkenden Konstrukt fügen. Viele Bildelemente entspringen den Hafenansichten des Mittelmeerraums – ein Motiv, das WOLS aufgrund seiner schweren Jahre in Spanien und Frankreich vertraut war und die er mit starken Assoziationen von Isolation, Verderben, Entrücktheit und Vision verband. Einige der ikonografischen Elemente erinnern an seine den grafischen Werken vorausgegangenen Fotografien sezierter Tiere und sind zugleich den späteren abstrakten Gemälden nicht unähnlich. Der Betrachter erhält durch die Aquarelle einen besonders unmittelbaren Einblick in den poetischen Kosmos des Künstlers, der einmal schrieb: „Man erzählt seine kleinen irdischen Fabeln auf kleinen Stückchen Papier.“ | Kristina Lowis

Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn verlor, gewidmet

Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn verlor, gewidmet

Der erst 21-jährige Max Klinger trat 1878 in Berlin erstmals öffentlich hervor und fand sofort kritische Beachtung. Im Berliner Kunstverein zeigte er die aus Verehrung für die schöne Brasilianerin T. gezeichneten Blätter Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn verlor, gewidmet. »Ihre Originalität war so tief und so barock, sie waren so unähnlich Allem, was man früher in dieser Art gesehen, dass kein Besucher gleichgiltig [sic] daran vorbeiging. Der gewöhnliche Berliner war allerdings nicht ganz klar darüber, ob dies Genialität oder Wahnwitz sei«, schrieb der Kunst-kritiker Georg Brandes. Andere mutmaßten, Klinger versuche »das Publikum durch Absonderlichkeiten und Verschrobenheiten seines Sujets anzulocken «. Das aber war Klingers Intention nicht: Die intime Form der Zeichnung erschien ihm, ähnlich der Poesie, als eine Möglichkeit, »gegen das Unschöne « anzugehen. Klinger, ein Bewunderer Goyas und Böcklins, erfand mit Leichtigkeit treffende, suggestive Bilder und Motive. Der vorliegende Zyklus schildert Zustände heftiger Verliebtheit. Die Ängste und Wünsche machen sich an dem Handschuh fest, den die Begehrte auf der Rollschuhbahn verlor. Nach zwei realistischen Einleitungsblättern gewinnt das Geschehen ein fantastisches Eigenleben. Der verlorene Handschuh wird zum Fetisch, der stellvertretend die Gefahren und Freuden der Liebe erleidet: Er wird aus Seenot gerettet, gleitet als Triumphator bei aufgehender Sonne über die See, empfängt am Ufer die Huldigung der rosengespickten Wellen, wächst, wieder im Wasser, zu bedrohlicher Größe an, liegt ganz real und scheinbar sicher auf einem Tischchen und wird auf dem nächsten Blatt von einem drachenartigen Wesen durch die nachtdunklen Lüfte entführt. Durch die geborstenen Fensterscheiben recken sich ihm zwei Arme nach, aber sie können das Tier mit der kostbaren Reliquie im Schnabel nicht zurückhalten. Die letzte, morgendliche Ansicht zeigt Amor mit abgelegten Waffen und dem nun ruhenden Handschuh unter einem Rosenbusch. Klinger, der seine Bilder oft im Halbschlaf entwickelte, kannte wohl bereits frühe Veröffentlichungen zur Traumforschung, das bereicherte seine Symbolik. Er bringt, wie es in Träumen häufig vorkommt, in seinen Bildern entfernte Dinge zueinander oder verrätselt reale Situationen, wie er es an Böcklin bewundert hatte. De Chirico wiederum sah seine Arte metafisica bei Klinger vorgeprägt. Ein handgeschriebenes Gedicht, Hommage überschrieben, verzierte er mit einer Skizze nach dem gleichlautenden sechsten Blatt der Paraphrasen über einen Handschuh. | Angelika Wesenberg

Tourelle, Rue de l'École de Médecine, 22

Tourelle, Rue de l'École de Médecine, 22

Die Grafik „Tourelle, Rue de l’École de Médecine, 22“ (Türmchen, Rue de l'École de Médecine, 22) zählte Charles Méryon selbst zu seinen besten Blättern. Das Hauptmotiv, das im Titel genannte Haus Nr. 22, bekrönt mit einem Turm am linken Bildrand, ist von historischer Bedeutung – hier soll Charlotte Corday den radikalen Führer der Französischen Revolution Jean-Paul Marat 1793 ermordet haben. Unbeachtet von den Menschen in den Straßen schweben im Himmel mehrere Figuren. Dem Haus Nr. 22 zugewandt und in einem Wolkenwirbel mit einem Rabenkopf zeigt sich Justitia, der Waage und Schwert aus den Händen geglitten sind. Hinter ihr stürzt Veritas, die Wahrheit, mit einem Buch in der Hand herbei. Über ihnen zu sehen ist Amor, dem scheinbar die Flügel ausgerissen wurden, und das Monogramm Méryons. Durch seine Darstellung lässt Méryon eine Ambivalenz entstehen, die sich durch die Kombination des scheinbaren Abbildes der architektonischen Wirklichkeit mit fantastischen Szenen ergeben. Diese subjektiven Fantasien des Künstlers erschweren in zahlreichen Bildern Méryons die Deutung und das Verständnis. Das Mysteriöse in seinen Werken wird betont durch die Darstellungen fantastischer Wesen, die unerwartet in seinen Stadtbildern auftauchen sowie durch starke Licht- und Schattenkontraste. Die gesamten Oberflächen der Motive sind von einer feinen grafischen Struktur überzogen, deren stoffliche Wirkung kaum zu beschreiben ist. Méryons grafisches Werk hatte trotz oder gerade aufgrund des mystischen Charakters Einfluss auf Künstler wie Rodolphe Bresdin, Odilon Redon und James Ensor. | Melanie Wilken

Hommage à Goya

Hommage à Goya

Zehn Jahre vor Entstehung dieses Blattes hatte Odilon Redon sein lithografiertes Album „Hommage à Goya“ herausgegeben. In jenem Album findet sich als sechstes Blatt ein ernster Mädchenkopf mit eng anliegendem Haar und delikatem Haarschmuck. Dieses Motiv greift Redon in vorliegendem Blatt wieder auf, aber er dreht den nunmehr halslosen Kopf im Ganzen wie eine Scheibe aufwärts und lässt die Pupille nahezu unsichtbar werden, sodass der Augapfel zu blickloser Weiße wird: ein Fenster ins Jenseits. Bei Moreau hatte Redon die Leuchtkraft einer Palette studieren können, die mit wenigen strahlenden Tönen und Partien operiert, denen ein ganz besonderer Glanz verliehen wird, indem sie neben dunkeltonigen und schweren Partien mit opakem mystischem Schimmern stehen. Die Relation der Palette, das auffällige Aufscheinen der Glanzpunkte – das hat eine Kostbarkeit, wie man sie von Möbeln des 18. Jahrhunderts mit ihren Schildpatt- und Holzeinlegearbeiten kennt, aus deren Dunkeltonigkeit dann Perlmutt und Silber mit kryptischem Glanz heraustreten. Eine solch irritierende und irisierende Noblesse ist auch dem himmelwärts schauenden Kopf eigen. Gleich einem jungfräulich reinen Wesen schwebt das Bildnis ätherisch daher, alles Irdische – Leib wie Blickbezug – hinter sich lassend. Doch was bei Goya in den „Disparates“ und den „Caprichos“ dämonisch erscheint, wird bei Redon gleich einer Fata Morgana ins Magische und Transzendentale transferiert, es wird poetisiert, doch nicht verharmlost: Visionen hier wie dort. | Bernhard Maaz

Le papier timbré

Le papier timbré

Auf diffus-grauem Grund, mit Akzenten in Gelb, Türkis und Rosé versetzt, verläuft leicht links von der Bildmitte eine vertikale Achse feiner Stricheleien und Gekritzel, durchbrochen von einigen horizontalen Elementen. Oben links im Bild ist ein Stempel der Französischen Republik zu erkennen, in dem Justitia mit Zepter und Waaagschale dargestellt ist, ihm gegenüber ist auf der rechten Seite die Nummer RB37950 platziert. Diese systematisch erstellte Nummer steht im Gegensatz zu der wilden Zeichenexplosion des Blattes, aus dem immer wieder anthropomorphe Gebilde aufblitzen. Unter dem Symbol der Gerechtigkeit findet ein Gemetzel statt, gewaltsam entstehen Krater und Wunden, an einigen Stellen meint man Narben zu entdecken, an anderen gar Spuren von Schießpulver. Zwischen schriftähnlichen Zügen entdeckt man Gesichter, Körper, hier eine Figur wie von Giacometti, dort ein Segelschiff. Die wie sehr häufig in WOLS’ Werken um eine zentrale Achse konstruierte Komposition erinnert darüber hinaus entfernt an einen Rorschachtest, der die Befindlichkeit des Patienten durch Assoziationen ausloten soll. Geht es hier um die Befindlichkeit der Republik nach dem Zweiten Weltkrieg? Zahlreich waren die Deutschen, darunter auch WOLS selbst, gewesen, die sich in diesem Land auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime in der Falle gesehen hatten, insbesondere nachdem die Regierung von Vichy dieses aktiv und in vorauseilendem Gehorsam unterstützt hatte. Besonders reizvoll an diesem Werk ist die von WOLS inszenierte Konfrontation der aufgestempelten, formell-bürokratischen Elemente mit dem ästhetischen Chaos seiner Zeichnung und Farbgebung. | Kristina Lowis