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Merzzeichnung 229

Ident. Nr.: SSG 276

ObjID: obj:1065830

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Kurt Schwitters (1887 - 1948),
Künstler*in
Datierung
1921
Weitere Titel
Sammlungstitel: Merzzeichnung 229
Übersetzung: Merz Drawing 229
Originaltitel: Dessin de « merz » 229
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe x Breite: 18 x 15 cm

Objektbeschreibung

"Die Bilder Merzmalerei sind abstrakte Kunstwerke. Das Wort Merz bedeutet wesentlich die Zusammenfassung aller erdenklichen Materialien für künstlerische Zwecke und technisch die prinzipiell gleiche Wertung der einzelnen Materialien.“ So charakterisierte Schwitters seine durchnummerierten Merzbilder (dreidimensionale Assemblagen) und Merzzeichnungen (flächige Collagen), die er 1919 aus dem in einer Collage verwendeten Wort Kommerz einer Anzeige der Kommerz- und Privatbank abgeleitet hatte. Schwitters konstruierte seine Merzzeichnungen aus den Relikten und Fundstücken der modernen Großstadt, verwertete Anzeigen aus Tageszeitungen, Rechnungen, Kalenderblätter, Wertmarken, Fahrscheine und Stoffe, die er als Fragmente der am Krieg zerbrochenen Welt, als Symbole des Zusammenbruchs, der Verzweiflung und der Ausweglosigkeit jener Zeit zum Kunstwerk montierte. Merz war für Schwitters, wie er in seiner Autobiografie darlegte, ein „Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz.“ Nicht zufällig bildet sich die Assoziation mit dem Monatsnamen März, dem Synonym für frühlingshaften Aufbruch, und mit der dem Wort verwandten Tätigkeit des Ausmerzens, des Verwerfens von Zurückliegendem. Das Sammeln und Verwerten von Abfall in einem Kunstwerk ähnelt Marcel Duchamps Strategie des Aufwertens von alltäglichen Gebrauchsgegenständen, die er durch seine Signatur auf ironische und kritische Weise in den Rang von Kunstwerken erhob. Schwitters hingegen ‘entformt’ und ‘entformelt’ durch seine Collage-Technik die auf den Papierstücken gedruckten Informationen, deren Wieder-Ergänzung und Vervollständigung zur Aufgabe des Betrachters wird, der sich auf diese Weise in die Bildrealität vertieft. Die Fragmente verlieren mit ihrem gegenständlichen Charakter zugleich ihren Gebrauchswert, gewinnen dafür aber eine neue, künstlerische Qualität. | Hanna Strzoda

Letzte Aktualisierung: 22.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Tête archimboldesque

Tête archimboldesque

Dicht am unteren Bildrand ist ein weiblicher Akt drapiert. Die Figur nimmt mehr als die Hälfte des Blattes mit ihrem in sich verdrehten und verzerrten Körper ein. Ihr Gesicht ist aus mehreren Frauenkörpern und deren einzelnen Körperteilen zusammengesetzt, Figuren in Strümpfen und Schuhen liegen, bücken und umarmen sich scheinbar schwebend über der Figur. Bellmer greift hier zum einen, worauf der Titel bereits verweist, auf die Kompositionen Giuseppe Arcimboldos, des Hofmalers Rudolfs II., zurück. Dieser setzte die Gesichter der von ihm Porträtierten aus verschiedenen Objekten wie Früchten, Büchern oder menschlichen Körpern zusammen. Zum anderen lehnt sich Bellmer an erotische Postkarten des 19. Jahrhunderts an, die im „Minotaure“ (Nr. 3–4) veröffentlicht wurden und auf denen Gesichter zu sehen sind, die sich aus Mädchenkörpern zusammensetzen. Bellmer beschäftigte sich immer wieder mit der Zerlegung und Neuzusammensetzung des weiblichen Körpers und griff dabei das Prinzip der surrealistischen Kombinatorik auf. Nicht möglichst Disparates wird miteinander konfrontiert, sondern neu zusammengefügt wird, was auch sonst zusammengehört, nur eben anders. Dieses Prinzip entspricht dem des sprachlichen Anagramms: ein Wort oder Satz, aus dem durch Umstellung der Buchstaben neue Wörter und Sätze entstehen. Bellmer selbst sah im Körper dieses syntaktische Potenzial, denn er sagte: „Der Körper, er gleicht einem Satz, der uns einzuladen scheint, ihn bis in seine Buchstaben zu zergliedern, damit sich in einer endlosen Reihe von Anagrammen aufs neue fügt, was er in Wahrheit enthält.“ | Melanie Franke/Nadine Ott

Ohne Titel

Ohne Titel

Mittels der Frottage, eines Durchreibeverfahrens, das Max Ernst als künstlerische Methode entdeckte, visualisiert Bellmer durch Vereinigung von Linden-, Löwenzahn- und Petersilienblatt eine Landschaft. Feine Plisseestrukturen verbinden sich mit vegetabilen Formen, oberhalb der ‘Bäume’ sind zarte Netze eingewoben. Umschlungen und durchdrungen von geometrisch-organischem Gefüge, erscheint in der rechten unteren Ecke des Blattes der Oberkörper einer Frau. Kopf, Hand und Brüste schälen sich aus der Struktur heraus. Ihr zugeordnet sind zwei fest umrissene Ellipsen, welche im Zusammenspiel mit einem nach rechts führenden Linienpaar – Bellmer gewann diese Form durch die Frottage einer Schere – das männliche Geschlechtsorgan suggerieren. Das weibliche Geschlecht spielt mit dem männlichen zusammen, was sich zusätzlich in der Verschmelzung von geometrischen und organischen Strukturen in den Blättern widerspiegelt. Mit der Durchdringung beider Prinzipien schafft Bellmer eine Mehrgeschlechtlichkeit, einen Hermaphroditismus, der im Pflanzenreich keine Seltenheit ist. Wenn sich die weibliche Figur durch ihren männlichen Part – und andersherum – die Lust doch selbst verschafft, dann kommt das einem Autoerotismus gleich. Was auf diesem Blatt versteckt angedeutet wird, verstärkte Bellmer in seinen Illustrationen zu Georges Batailles „Pour Madame Edwarda“ (1954, SSG 38–39) und ließ es in mehrere Blättern mit Mädchen-Phalli Mitte der 1960er Jahre münden (SSG 43). | Melanie Franke/Nadine Ott

Métamorphose

Métamorphose

Die wie rasch hingeworfen wirkenden gezeichneten Figuren stehen im Gegensatz zu den steifen Schneiderpuppen, die Miró wahrscheinlich aus einem Katalog ausgeschnitten und scheinbar spontan angeordnet, überzeichnet und übermalt hat. Die verschiedenen Elemente der Collage – Schneiderpuppen, Varietétänzerin, Trauben und gezeichnete Figuren – vereinen weibliche Formen. Mirós Collagen fußen auf dem Prinzip des Objet trouvé, dem Umgang mit zufällig Gefundenem. Die verwendeten Ausschnitte stammen aus Werbeanzeigen, Postkarten und Kinderbüchern. Mit „Métamorphose“ nahm er ein zentrales Thema der Surrealisten auf. Diese hegten eine Faszination für Schneiderpuppen und vor allem Schaufensterpuppen – beflügelten sie doch ihre Vorstellung von einer übermenschlichen Idealfrau. In Mirós Collagen erfüllt sich die Sehnsucht der Surrealisten nach vorbewussten Bildern in besonderer Weise. Mit scheinbar kindlicher Unschuld gelangen ihm formvollendete Kompositionen, er setzte die surrealistische Idee der Rückgewinnung der Kindheit am konsequentesten um. Im „Ersten surrealistischen Manifest“ hieß es, von der Kindheit ginge „ein Gefühl der völligen Ungebundenheit aus“. André Breton bezeichnete den Spanier, der seit 1924 an den wichtigsten Ausstellungen der surrealistischen Vereinigung beteiligt war und die Gruppe weniger durch Diskussionsbeiträge denn durch seine Kunst beeinflusste, einmal als den surrealistischsten Künstler unter den Surrealisten. | Silke Krohn

Rêve d'étudiant

Rêve d'étudiant

Das Gemälde „Rêve d’étudiant“ (Studententraum) von 1926 zählt zum Frühwerk René Magrittes. Erst ein Jahr zuvor, 1925, war Magrittes erstes surrealistisches Gemälde, „La fenêtre“ (Das Fenster), entstanden. Etwa zur gleichen Zeit machte er die Bekanntschaft der Schriftsteller und Künstler Édouard L. T. Mesens, Jean Scutenaire und Paul Nougé sowie des späteren Kunsthändlers Camille Goemans, mit denen er bis 1930 die surrealistische Gruppe in Belgien bildete. Ähnlich einer „gemalten Collage“, wie Max Ernst einmal die Gemälde Magrittes bezeichnete, besteht „Rêve d’étudian“t aus der Zusammenführung von beziehungslosen, in unterschiedlichem Größenverhältnis dargestellten Gegenständen in einem gemeinsamen Raum. Dieser Raum ist, wie häufig in Magrittes Werken, schwer auszumachen. Der Baum, welcher aufgrund seines Stammes in Form eines übergroßen Balusters eigentlich kein Baum ist, und der helle, unebene Untergrund suggerieren einen Außenraum. Dagegen wird durch den vielfach bei Magritte dargestellten Vorhang im Vordergrund sowie durch den Hintergrund, bei dem es sich auf den ersten Blick um ein Fenster nach draußen, auf den zweiten Blick aber auch um ein gerahmtes Bild handeln könnte, eine bühnenartige Raumsituation geschaffen. Mit Bühne oder Theater lässt sich auch die marionettenartige, aus Balustern und Saiten zusammengesetzte Figur unter dem Baum in Verbindung bringen, wobei die Saiten im Zusammenhang mit den ebenfalls dargestellten Instrumenten-Schalllöchern entfernt an die Notenblätter in Magrittes frühen Papiers collés erinnern. Die Freilegung des Unbewussten und des Traumes, die der Titel des Werkes verspricht, spielt in Magrittes Werk jedoch eine nur untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht vielmehr die Verrätselung und somit die konstante Befragung der Wirklichkeit, welche durch die überraschende Kombination des nicht Zusammengehörigen und des Widersprüchlichen sowie die Verunklärung bzw. die Nichtbestimmung der Raumsituation durch Vorhänge, Türen, Fenster und Bild-im-Bild-Konstrukte hervorgerufen wird, wie sie auch bei Giorgio de Chirico wiederholt thematisiert wird. | Juliane Pönisch

Verwundungen

Verwundungen

Der Pfeil ist eines der für Klee charakteristischen und häufig wiederkehrenden Bildzeichen. Als Teil seiner Sammlung bewahrte er im Atelier verschiedene afrikanische Speere und Pfeile. Bildnerisch im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg fruchtbar gemacht, systematisierte Klee die Form und Bedeutung des Pfeils in einer Vorlesung am Bauhaus im April 1922. „Der symbolische Pfeil ist Bahn“, definierte er, und in dieser Funktion weist oder trifft der waagerechte Pfeil links auf den Bauchnabel einer Frau mit entblößtem Oberkörper. Dort lässt er einen Blutstropfen hervorquellen. Dieselbe Konfiguration begegnet bei der Liegenden rechts, doch zeigt hier der Pfeil senkrecht nach unten: „Der Fall führt zum Erdmittelpunkt, endet auf dem nächstbesten Lager als Lage.“ Zwischen den beiden ‘statischen Bewegungen’ vermittelt der gekurvte Pfeil als Symbol einer Bewegungsdynamik, in diesem Fall der Rotation des linken Arms, mit dem die Liegende zu winken scheint. Wie in einem Comic sind drei Positionierungen des Arms gleichzeitig wiedergegeben. Die daraus entstehende Kreuzform verlebendigt das christliche Kreuz auf dem Kopf der Stehenden. Es ist nicht bekannt, ob der Darstellung ein konkretes Ereignis zugrunde liegt, wie es Klee in einem Brief an seine Frau im November 1925 beschrieb: „Frau Muche musste gestern Nacht plötzlich in einer Frauensache operiert werden, von der sie bis in die letzten Stunden vor der Operation kaum etwas gemerkt hatte. Diese letzten Stunden aber sollen sehr qualvoll gewesen sein.“ | Dieter Scholz

Décalcomania

Décalcomania

Fantastische Welten eröffnet Décalcomania: Submarine oder kosmische Landschaften entstehen, organische und tote Formen, Gesteine und Korallen scheinen sich abzuwechseln. Der Vorstellung des Betrachters sind keine Grenzen gesetzt, durch das Hineinsehen entstehen immer neue Bilder. Schon Leonardo da Vinci empfahl seinen Malschülern, eine ruinöse Mauer zu betrachten und Landschaften und Figuren in den Rissen und Unebenheiten zu suchen, um so die Suggestionskraft zu trainieren; und in den 1850er Jahren hatte Victor Hugo durch die Überarbeitung von Tintenklecksen bizarre Bilder erzeugt (SSG 114–115). Die Surrrealisten begaben sich gezielt auf die Suche nach Methoden, Bilder aus dem Unbewussten zu erschaffen. 1934 entdeckte Oscar Domínguez alte Abklatschtechniken neu, deren Möglichkeiten er ab 1939 systematisch untersuchte. Mit einem breiten Pinsel verteilte er schwarze, unterschiedlich verdünnte Gouache auf einem Blatt (oder einem anderen Träger), legte ein zweites Blatt darauf und erhielt durch Reiben und mehrmaliges Abziehen Bilder, die zahlreiche Interpretationen zuließen. André Breton schrieb 1936 in der surrealistischen Zeitschrift „Minotaure“ (Nr. 8) über die sogenannte „Décalcomanie sans objet“ (Abziehbild ohne vorgegebenen Gegenstand): „Es handelt sich auch hier wieder um ein Rezept, das jedem zur Verfügung steht, der in die ‘Geheimnisse der surrealistischen Zauberkunst’ eingeweiht werden möchte. […] Das, was Sie da vor sich haben, ist vielleicht nichts weiter als die alte paranoische Wand von da Vinci, aber es ist diese Wand in ihrer Vollendung.“ Ausschlaggebend war dennoch die Bildvorstellung der surrealistischen Künstler, die das neue Verfahren auf vielfältige Art einsetzten und weiterentwickelten, zum Beispiel in Collagen wie denen von Georges Hugnet (SSG 111–113). Max Ernst schließlich führte die Décalcomanie mit Schwammauftrag und in Kombination mit anderen Techniken in die Malerei ein. | Silke Krohn

La mort poursuivant le troupeau des humains

La mort poursuivant le troupeau des humains

Die unzählbare Menschenmenge, auch die zu einem Kopf-an-Kopf-Ornament reduzierte Masse vor oder zwischen bedrängender Architektur, begegnet uns oft im Werk von James Ensor. Meist vermitteln diese Ansichten den Eindruck von Panik – Masse und Angst gehören für Ensor zusammen. Der hier über die Menschen und ihre Häuser dahinziehende Tod, der mit seiner Sense ohne Unterschied Jung und Alt, Reich und Arm, Frau und Mann niedermäht, ist ein Schreckensbild dieser Zeit, es begegnet auch bei Böcklin und anderen. Das mittelalterliche Motiv des Totentanzes war im späten 19. Jahrhundert wieder hochaktuell. Es traf eine weitverbreitete Stimmung von Krise und Untergang. Die Menschen mit ihren vor Schreck maskenhaften Gesichtern auf diesem Blatt versuchen vergeblich einem Unglück zu entkommen, das jäh über sie hereingebrochen zu sein scheint. Die irdische Katastrophe, Krieg oder Pest, findet ihren Widerhall in den Lüften. Es scheint zunächst, als sei der Jüngste Tag, das Weltgericht, angebrochen. Aber der Hölle auf der rechten Seite entspricht kein Heil auf der linken. Den Verdammten rechts stehen insektenhafte Wesen gegenüber, die an die gefallenen Engel bei Pieter Brueghel d. Ä. erinnern. Und in der Mitte über einer gnadenlosen Sonne grinst uns mit gefletschten Zähnen ein weiteres Gestirn an, da ist kein Richter und keine Gnade. Der panische Fluchtversuch der Menge in der engen Straße ist auch nicht eigentlich durch Bewegung gekennzeichnet, Ensor zeigt stockende Drangsal und lähmende Angst. | Angelika Wesenberg

Brodeuse

Brodeuse

Eine alte Frau, vielleicht seine Mutter, hielt hier Georges Seurat bei der Handarbeit fest. In den vermeintlich monochromen Flächen lassen sich Unregelmäßigkeiten und Strähnen entdecken. Wenn Seurat mit der weichen schwarzen Kunstkreide über die Maserung des rauen Michallet- Papiers strich, hielten dessen feine Erhebungen die Farbe unregelmäßig fest, sodass dreidimensional wirkende Grautöne entstanden. Zunächst konzentrierte sich der spätere Begründer des Pointillismus auf die Zeichenkunst. Sehr bald entwickelte Seurat aus akademischen Zeichenübungen an der Pariser École des Beaux-Arts, wo er drei Jahre lang studierte und sein Interesse an der Farbtheorie entdeckte, seinen eigenen Zeichenstil. Als Zeichner erreichte er um 1880 das, was ihn als Maler berühmt machen sollte: die Aufgabe der Kontur. Die vorliegende Kreidezeichnung gehört zu einer Reihe von Zeichnungen, die diese Wende einläuteten. Während starke Linien die Handarbeit betonen und der Frauenkörper zur lichten Fläche rechts ebenfalls durch scharfe Konturen abgesetzt ist, geschieht die Abgrenzung der Flächen zum linken Bildrand hin nur durch die verschiedenen Tonwerte. Unter dem Schwarz scheint das Weiß der unberührten Flächen hervor und so entsteht der Eindruck einer Abendszene. „Das sind die schönsten ‘Maler-Zeichnungen’, die es gibt. Man kann sagen, dass dank der vollkommenen Beherrschung der Grauwerte diese ‘Schwarz- Weiß-Arbeiten’ leuchtkräftiger und farbiger sind als manche Malerei“, sagte Paul Signac über das reife zeichnerische Werk seines Malerkollegen, mit dem er seit 1883 den Pointillismus experimentell entwickelte und systematisierte. Seurat starb noch vor der Jahrhundertwende an einer Hirnhautentzündung, seine Werke und Theorien aber nahmen großen Einfluss auf die Moderne. | Silke Krohn

Gaspard de la nuit

Gaspard de la nuit

Auf dem Höhepunkt von Magrittes internationaler Anerkennung entstand Ende 1965 das Gemälde „Gaspard de la nuit“ (Gaspard der Nachtwandler). Im gleichen Jahr war im Museum of Modern Art in New York seinem Werk eine große Retrospektive gewidmet worden, im Dezember erschien Patrick Waldbergs Monografie gleichzeitig in drei verschiedenen Sprachen. Nach einer malerischen Phase im sogenannten Renoir- oder Solaire-Stil während der Kriegsjahre und der kurzen Époque vache, die sich durch die Verwendung von kräftigen, reinen Farben und eine Vereinfachung der Formen auszeichnete, war Magritte Ende der 1940er Jahre zu seinem realistischen Malstil zurückgekehrt, mit dem er anstrebte, „die Gegenstände mit all ihren sichtbaren Details zu malen“. Die dargestellte nächtliche Szene wird von einer düsteren, unbehaglichen Stimmung beherrscht, die sich aus der assoziativen Wirkung der Bildgegenstände und ihrer widersprüchlichen Anordnung ergibt. In einer weiten Ebene steht ein einsames Haus in Flammen. Über ihm scheint der sichelförmige Mond durch eine Öffnung in der dichten Wolkendecke auf Gesteinsbrocken, die in der Landschaft verteilt sind. Bewegungslos, einem ägyptischen Schriftzeichen gleich, sitzt auf einem Felsvorsprung im Vordergrund des Bildes ein großer schwarzer Greifvogel, der auch in anderen Werken Magrittes vorkommt. Der Felsvorsprung ist allerdings durch einen schweren roten Vorhang vom Rest der Szene getrennt, was eine Verunklärung der Raumsituation mit sich bringt. Befremdlich deplatziert wirkt das brennende Haus und auch die Herkunft und die Bedeutung des Vorhangs bleiben ungeklärt. Der Titel des Werkes spielt auf die gleichnamige Prosagedichtsammlung des französischen Dichters Aloysius Bertrand an. Wiederentdeckt von Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé, gilt sie als Quelle der Inspiration für die symbolistische Dichtkunst. Maurice Ravel wurde 1908 zu Klavierstücken mit demselben Titel anregt. | Juliane Pönisch