Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- um 1923/1924
- Weitere Titel
- Sammlungstitel: Qui est ce grand malade...Wer ist dieser große Kranke...Übersetzung: Who Is This Very Sick Man …
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Öl auf Leinwand
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 65,4 x 50 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/1066145
Objektbeschreibung
„Qui est ce grande malade …“ entstand als Pendant zum Gemälde „Tableau-poème“ (1923/24), welches gleichermaßen Titel und Absicht bezeichnet: Beide Werke suchen eine Synthese von Malerei und Gedicht. Diese Verquickung zwischen Wort und Bild ist keine Neuschöpfung im Œuvre Max Ernsts, der bereits in den dadaistischen Collagen durch vermeintlich bilderklärende Über- oder Unterschriften dem jeweiligen Werk eine weitere alogische Ebene hinzufügte. Bei den Bild-Poemen verlässt die Schrift ihren bisher angestammten Platz des oberen oder unteren Bildrandes, um sich über die gesamte Bildfläche auszubreiten, sich gewissermaßen dem Bild einzuschreiben. Dieser Versuch einer Synthese trägt dem Wesen von DADA und Surrealismus Rechnung, die jeweils zunächst genuin literarische Erscheinungen oder solche mit starker literarischer Ausprägung waren. Zeigt „Tableau-poème“ eine menschenleere, sonnendurchflutete Straßenschlucht mit einer an de Chirico erinnernden Sog- und Tiefenwirkung, so versperren hingegen in „Qui est ce grande malade …“ die nachtblau umspielten, raumgreifenden Figurinen und die die Bildmitte dominierende Säule gerade diesen Blick in die Tiefe. „Grand malade“ ist der in Ohnmacht fallenden und dabei zweifach belichteten Figur im linken Bogengang zugeordnet. „Grand amoureux“ beschreibt die rechte Figur neben der Säule, die ihren Arm um den Oberkörper der Frau gelegt hat; beider Unterkörper gehen eine symbiotische Verschmelzung ein. Das Oval, gebildet aus den Worten „grand“ und „amoureux“, umschließt die Figuren und umschreibt so buchstäblich die innig-sinnliche Umarmung. Erfolgen die Befragungen („Qui est ce grand malade? Qui est ce grand amoureux?“) getrennt, den beiden Zweiergruppen zugeordnet, so umfasst die über die gesamte Bildfläche laufende Antwort die Figurinen und überbrückt so die scheinbaren Gegensätze „krank“ und „verliebt“. Das gemeinsame Attribut „grand“ sowie die gleiche Beinstellung der Figuren lassen erahnen, dass zwischen dem Kranken und dem Liebhaber eine Verbindung besteht. Aus der daraus resultierenden Überwindung der Gegensätzlichkeit lassen sich ein neues Wort und damit ein neues Sinnbild formen, das des Liebeskranken – ein Thema, dem wir schon in der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts häufig begegnen. Somit wohnt den Bild-Poemen ein ähnlich komplexer Reiz inne wie den zuvor entstandenen Collagen, die ebenfalls vermeintlich unvereinbare Objekte aus ihrem Kontext lösen, in Beziehung zueinander setzen und dadurch neuartige Sinnzusammenhänge hervorbringen. | Katharina Wippermann
Letzte Aktualisierung: 17.07.2026
Kontakt
Einrichtung:
Sammlung Scharf-Gerstenberg
E-Mail:
ssg@smb.spk-berlin.de