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Qui est ce grand malade...

Ident. Nr.: SSG 80

ObjID: obj:1066145

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Max Ernst (1891 - 1976),
Künstler*in
Datierung
um 1923/1924
Weitere Titel
Sammlungstitel: Qui est ce grand malade...
Wer ist dieser große Kranke...
Übersetzung: Who Is This Very Sick Man …
Geografische Bezüge
Material / Technik
Öl auf Leinwand
Abmessungen
Höhe x Breite: 65,4 x 50 cm

Objektbeschreibung

„Qui est ce grande malade …“ entstand als Pendant zum Gemälde „Tableau-poème“ (1923/24), welches gleichermaßen Titel und Absicht bezeichnet: Beide Werke suchen eine Synthese von Malerei und Gedicht. Diese Verquickung zwischen Wort und Bild ist keine Neuschöpfung im Œuvre Max Ernsts, der bereits in den dadaistischen Collagen durch vermeintlich bilderklärende Über- oder Unterschriften dem jeweiligen Werk eine weitere alogische Ebene hinzufügte. Bei den Bild-Poemen verlässt die Schrift ihren bisher angestammten Platz des oberen oder unteren Bildrandes, um sich über die gesamte Bildfläche auszubreiten, sich gewissermaßen dem Bild einzuschreiben. Dieser Versuch einer Synthese trägt dem Wesen von DADA und Surrealismus Rechnung, die jeweils zunächst genuin literarische Erscheinungen oder solche mit starker literarischer Ausprägung waren. Zeigt „Tableau-poème“ eine menschenleere, sonnendurchflutete Straßenschlucht mit einer an de Chirico erinnernden Sog- und Tiefenwirkung, so versperren hingegen in „Qui est ce grande malade …“ die nachtblau umspielten, raumgreifenden Figurinen und die die Bildmitte dominierende Säule gerade diesen Blick in die Tiefe. „Grand malade“ ist der in Ohnmacht fallenden und dabei zweifach belichteten Figur im linken Bogengang zugeordnet. „Grand amoureux“ beschreibt die rechte Figur neben der Säule, die ihren Arm um den Oberkörper der Frau gelegt hat; beider Unterkörper gehen eine symbiotische Verschmelzung ein. Das Oval, gebildet aus den Worten „grand“ und „amoureux“, umschließt die Figuren und umschreibt so buchstäblich die innig-sinnliche Umarmung. Erfolgen die Befragungen („Qui est ce grand malade? Qui est ce grand amoureux?“) getrennt, den beiden Zweiergruppen zugeordnet, so umfasst die über die gesamte Bildfläche laufende Antwort die Figurinen und überbrückt so die scheinbaren Gegensätze „krank“ und „verliebt“. Das gemeinsame Attribut „grand“ sowie die gleiche Beinstellung der Figuren lassen erahnen, dass zwischen dem Kranken und dem Liebhaber eine Verbindung besteht. Aus der daraus resultierenden Überwindung der Gegensätzlichkeit lassen sich ein neues Wort und damit ein neues Sinnbild formen, das des Liebeskranken – ein Thema, dem wir schon in der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts häufig begegnen. Somit wohnt den Bild-Poemen ein ähnlich komplexer Reiz inne wie den zuvor entstandenen Collagen, die ebenfalls vermeintlich unvereinbare Objekte aus ihrem Kontext lösen, in Beziehung zueinander setzen und dadurch neuartige Sinnzusammenhänge hervorbringen. | Katharina Wippermann

Letzte Aktualisierung: 17.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Gaspard de la nuit

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Auf dem Höhepunkt von Magrittes internationaler Anerkennung entstand Ende 1965 das Gemälde „Gaspard de la nuit“ (Gaspard der Nachtwandler). Im gleichen Jahr war im Museum of Modern Art in New York seinem Werk eine große Retrospektive gewidmet worden, im Dezember erschien Patrick Waldbergs Monografie gleichzeitig in drei verschiedenen Sprachen. Nach einer malerischen Phase im sogenannten Renoir- oder Solaire-Stil während der Kriegsjahre und der kurzen Époque vache, die sich durch die Verwendung von kräftigen, reinen Farben und eine Vereinfachung der Formen auszeichnete, war Magritte Ende der 1940er Jahre zu seinem realistischen Malstil zurückgekehrt, mit dem er anstrebte, „die Gegenstände mit all ihren sichtbaren Details zu malen“. Die dargestellte nächtliche Szene wird von einer düsteren, unbehaglichen Stimmung beherrscht, die sich aus der assoziativen Wirkung der Bildgegenstände und ihrer widersprüchlichen Anordnung ergibt. In einer weiten Ebene steht ein einsames Haus in Flammen. Über ihm scheint der sichelförmige Mond durch eine Öffnung in der dichten Wolkendecke auf Gesteinsbrocken, die in der Landschaft verteilt sind. Bewegungslos, einem ägyptischen Schriftzeichen gleich, sitzt auf einem Felsvorsprung im Vordergrund des Bildes ein großer schwarzer Greifvogel, der auch in anderen Werken Magrittes vorkommt. Der Felsvorsprung ist allerdings durch einen schweren roten Vorhang vom Rest der Szene getrennt, was eine Verunklärung der Raumsituation mit sich bringt. Befremdlich deplatziert wirkt das brennende Haus und auch die Herkunft und die Bedeutung des Vorhangs bleiben ungeklärt. Der Titel des Werkes spielt auf die gleichnamige Prosagedichtsammlung des französischen Dichters Aloysius Bertrand an. Wiederentdeckt von Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé, gilt sie als Quelle der Inspiration für die symbolistische Dichtkunst. Maurice Ravel wurde 1908 zu Klavierstücken mit demselben Titel anregt. | Juliane Pönisch

Masque Montserrat criant

Masque Montserrat criant

Der spanische Bildhauer Julio González, der mit seinen zeichenhaft-abstrahierten Eisenmontagen der 1930er Jahre zum bedeutenden Erneuerer der modernen Eisenskulptur wurde, schuf 1936/37 unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkrieges die lebensgroße Frauenfigur „La Montserrat“, die 1937 auf der Weltausstellung in Paris vor dem spanischen Pavillon ihre Aufstellung fand. Der Titel dieser aufrechten Bäuerin mit Kind und Sichel geht zurück auf das Wahrzeichen Kataloniens, das in der Nähe Barcelonas gelegene Sandsteingebirge Montserrat (Der zersägte Berg) mit dem gleichnamigen Benediktinerkloster und seiner Schwarzen Madonna als Wallfahrtsort. González gestaltete im Rahmen der Arbeit an dieser wehrhaften Verkörperung des Widerstandes und einer danach konzipierten Figur der „Schreienden Montserrat“ mehrere Fassungen des Kopfes, zu denen auch diese ausdrucksstarke Maske gehört. Ihre zerklüftete Gesichtslandschaft erregt durch eine ganz eigene Ambivalenz zwischen fester Materialität und deren fetzenartiger Stückung. Der Ausbruch des Schmerzes scheint die äußere Hülle der Kopfform aufzusprengen und in eine bizarre Bewegung zu versetzen, sodass die menschliche Erschütterung das Antlitz verformt, schmale, kraterförmige Augenschlitze entstehen lässt sowie eine weit aufgerissene Mundöffnung, durch die sich die ganze innerlich aufgestaute Energie entlädt. González gelingt es mit dieser plastisch-vibrierenden Maske, die fragmentarisch wirkt und zugleich doch die Form eines Schutzschildes annimmt, die ungeheure Anspannung der Frau in eine fast lapidare Gestaltformel zu binden. | Fritz Jacobi

Huldigung an Redon

Huldigung an Redon

Köpfe gehören neben Landschaften und szenischen Darstellungen zu den Hauptmotiven im Œuvre von Altenbourg. Niemals hatte dieser dabei konkrete Personen mit konkreten Physiognomien im Blick; immer sind seine zumeist frontal gesetzten Gesichter ein Spiegel der eigenen Psyche. Während die frühen Köpfe (bis etwa 1961) mit ihren schärferen Konturen und oft wilden Binnenzeichnungen etwas Aggressives, teilweise auch Groteskes besitzen – sie sind Reflexionen des erschütternden Kriegserlebnisses als 17-jähriger Soldat –, lösen sich in den folgenden Jahren mehr und mehr die Konturen und auch die zeichnerisch fixierten Sinnesorgane auf zugunsten von gespinsthaften, verwobenen Strichlagen, die das Gegenständliche entrücken, ungreifbar machen. Zunehmend sah der Künstler sein Schaffen als Weg, aus der Zeit und der fatalen Wirklichkeit ‘auszusteigen’ und seine Geschöpfe in der Zeitlosigkeit zu beheimaten. Das ohnehin in seiner Persönlichkeit angelegte Empfinden als Außenseiter, sein erklärtes ‘Nichtzugehörigkeitsgefühl’, wurde durch die Repressalien, die ihm von Seiten der Kultur-Offiziellen in der DDR widerfuhren, nur zu oft bestätigt. Und so wählte sich der Künstler in einer jahrhundertealten Tradition des geistigen und künstlerischen Schaffens seine eigenen Zeitgenossen. Auf einige dieser Geistesverwandten hat er in Bildtiteln hingewiesen, so etwa auf Caspar David Friedrich, auf Fjodor Dostojewski und eben auch auf Odilon Redon, den französischen Symbolisten, der nicht von ungefähr einen der Schwerpunkte in der Sammlung Scharf-Gerstenberg bildet. Die drei genannten Hommagen entstanden alle im selben Jahr, 1966. Die so Geehrten verbindet ihre Affinität zum Überreellen, zum Hintergründigen der Erscheinungswelt, ihr Hang zur Entäußerung von Innenbildern, ihre Thematisierung des Unsichtbaren und Unbewussten. Für Altenbourg stand das Arbeiten aus dem Unbewussten am Anfang jeder Zeichnung; erst in einer weiteren Phase trat zu dem bis dahin geschaffenen schöpferischen Chaos die zielgerichtete Gestaltung – und danach erst der Bildtitel – hinzu. Die Nähe zur Écriture automatique der Surrealisten erscheint offensichtlich. | Anita Beloubek-Hammer

Figures-meubles

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Das Blatt zeigt einen nicht ausgeführten Entwurf für die im Verlag Skira erschienen Illustrationen der „Gesänge des Maldoror“ (1869) des Comte de Lautréamont, dessen Werk die Surrealisten nachhaltig beeinflusste. Die Verkehrung von Begierde in Aggression, Zerstörung und Tod, zentrales Thema bei Salvador Dalí und Lautréamont, ist eine Grundidee surrealistischen Denkens. Das große Thema der Gesänge ist die Anklage gegen die Schöpfung und deren Verneinung. Insbesondere der sadomasochistische Protagonist Maldoror, die Verkörperung des absolut Bösen, durch den der Menschheit ihre eigene Verdorbenheit vor Augen gehalten werden soll, inspirierte die Surrealisten zu zahlreichen Werken. Dalí übernahm nicht die von Lautréamont lebhaft beschriebenen Bilder, wie zum Beispiel die Paarung Maldorors mit einem Haifischweibchen, sondern entwickelte eigene visuelle Interpretationen: Mit einem für Bürgerlichkeit stehenden Sessel kombinierte er in „Figures-meubles“ (Möbel-Figuration) einige seiner obsessiv wiederkehrenden Motive wie das Sujet der greifenden Arme, die hier Ausdruck der Begierde sind. Die zwei Leinensäckchen könnten auf einige Passagen in Dalís Gedicht „L’amour et la mémoire“ (Liebe und Gedächtnis) hinweisen. Die auf dem Boden verstreuten Knochen waren in den 1930er Jahren besonders präsent in den Arbeiten Dalís. Er war fasziniert von Picassos künstlerischem Umgang mit Knochen. Doch während dieser durch das Zusammensetzen von Knochen neue, glatte Figurationen schuf, weisen die naturalistisch dargestellten Gebeine in Dalís Arbeiten zumeist auf Verwesung hin. | Silke Krohn

Insectes singuliers

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Die Köpfe der beiden bildbeherrschenden Tiere zeigen Porträtähnlichkeit: Wir erkennen James Ensor selbst und Mariette, die Frau seines Freundes und Förderers Ernest Rousseau. Ensor fand in Mariette, einer Biologin, eine Frau, die ihn ermutigte und unterstützte, und die er wiederum bewunderte, wohl auch liebte. Vermutlich hat der Beruf der jungen Frau dieses Traumbild einer Metamorphose mit veranlasst; wir wissen, dass Ensor und Mariette Rousseau Insekten und Larven unter dem Mikroskop betrachteten. Der schwere Käfer und das leichte, libellenartige Wesen aber charakterisieren zugleich Habitus und Psyche. Wir sehen rechts das Haus des wohlhabenden Ehepaares Rousseau in Brüssel, für Ensor ein wichtiger Ort der Begegnung mit der städtischen Welt und Kultur. Aus dem Fenster schaut ihrem vertrauten Beieinander ein anderer Käfer zu, ein kleiner Käfer liegt neben den beiden auf dem Rücken, der Gedanke an den Ehemann und den Sohn drängt sich auf. Das Blatt zeigt eine fantastische, aber nicht erschreckende Szene. Freilich, der schützende Panzer des Käfers behindert wie ein zu großer Schild. Die körperlose Mariette ist nicht eigentlich greifbar, am robustesten erscheint ihr langer Zopf. Aber die Gesichter sind unversehrt, nicht maskenhaft wie so oft bei Ensor. Dennnoch können sie sich nicht wirklich begegnen, jedoch sie sind individuell erfasst, allein in dem weitläufigen Garten unter einem hohen Himmel, sie scheinen in leicht melancholischer Einsamkeit aufeinander bezogen. | Angelika Wesenberg