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Forêt

Ident. Nr.: SSG 84

ObjID: obj:1066162

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Max Ernst (1891 - 1976),
Künstler*in
Datierung
1927
Weitere Titel
Sammlungstitel: Forêt
Wald
Übersetzung: Forest
Geografische Bezüge
Material / Technik
Gouache auf Papier auf Holz
Abmessungen
Höhe x Breite: 50,5 x 65 cm
Erwerbung
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Objektbeschreibung

1927 setzte sich Max Ernst innerhalb einer ganzen Serie mit dem Waldmotiv auseinander. Gut zehn Jahre später entstehen seine Dschungelbilder, deren fruchtbare, grün-vegetabile Verschlungenheit in völligem Gegensatz steht zu den vorangehenden schwarzen Grätenwäldern – Baumleichen nach einem Waldbrand. Undurchdringlich in ihrer Dunkelheit, abgeschlossen und sich jedweder Orientierungsmöglichkeit entziehend, lösen sie beim Betrachter ein Gefühl der tiefsten Verunsicherung aus. Das vorliegende Gemälde bildet insofern eine Ausnahme, als es im Vergleich zu den anderen Bildern der Serie fast freundlich-hell gestimmt ist. Während die Sonne in den anderen Bildern blutrot oder blendend weiß vor einem grauschwarzen Horizont glimmt, leuchtet sie hier gelb vor einem strahlenden Himmelsblau. Zwar wird das Sonnenrad in der unteren Hälfte farblich von den Bäumen überdeckt, doch bleibt jenes Segment des Himmelskörpers auch in diesem Bereich sichtbar. Die hermetische Abgeschlossenheit wird damit aufgehoben und verliert so ihre Bedrohlichkeit, zumal die Baumrinden im Gegenlicht partiell aufscheinen. Vorläufer und Verknüpfung der Wald- und der folgenden Stadtserie ist das Werk „Dadaville“, ein Gips-Korkrelief von 1924. Dessen Struktur und schematische Anordnung wirken in der Waldserie wie durch Grattage auf die Leinwand übertragen. In der Stadtserie der späten 1930er Jahre werden die senkrechten Elemente in die Horizontale versetzt. Der Kontrast zwischen Wald und Stadt, von Natur und Zivilisation findet hier seine Entsprechung. Themenblöcke auf diese Weise, motivisch oder technisch, miteinander zu verbinden, ist bezeichnend für das Œuvre von Max Ernst. Des Weiteren wurden auch Titel dazu genutzt, Bezüge zwischen den Serien herzustellen: „Der versteinerte Wald“ und „Die versteinerte Stadt“. Handelt es sich bei Ersterem um ein durch den gewaltigen Lauf der Erdzeitalter hervorgebrachtes Phänomen, so bezeichnet Letzteres vordergründig die Bausubstanz der Ansiedlung, andererseits aber auch den Gemütszustand seiner Bevölkerung in zunehmend bedrohlichen und politisch instabilen Zeiten. Unter diesen veränderten Vorzeichen und aus dem daraus resultierenden Wunsch nach Zivilisationsflucht heraus erhält der Wald in seiner Abgeschiedenheit rückblickend ein beschützendes Moment. | Katharina Wippermann

Letzte Aktualisierung: 29.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Carceri d´invenzione:  Pilastro con catene e due busti nelle nicchie

Carceri d´invenzione: Pilastro con catene e due busti nelle nicchie

Die 16 Blätter umfassende Folge der Carceri D’Invenzione Di G. Battista Piranesi Archit[etto] Vene[ziano] gehört zu den be-rühmtesten Werken Giovanni Battista Pira-nesis. In Venedig geboren und zum Archi-tekten ausgebildet, wechselte der Künstler bald das Fach und den Ort: Das Bauen auf Papier, die Inszenierung von Veduten, das Erfinden gänzlich imaginärer, fantastischer Raumwelten, aber auch die archäologische Recherche sowie die theoretische, historische und technische Reflexion über die Baukunst nahmen sein ganzes Schaffen in Rom ein, wo er sich 1747 als Zeichner, Radierer und Schrift-steller niederließ. Der Titel Carceri D’Invenzione bleibt rätselhaft. Geht es um ›erfundene Gefäng-nisse‹ oder um ›Gefängnisse der Fantasie‹? Das Wortspiel umfasst die Auslotung der Be-dingungen der Vorstellungskraft und zugleich die Möglichkeit ihrer Entgrenzung. Faktisch rekurrieren die unwirklichen Darstellungen auf Bilder eines der wenigen Gesellschaftsbe-reiche, in denen Karzer architekturen eine tragende Rolle spielten: der Theater- und Opernbühne. Während die Erstauflage der Carceri (in 14 Blättern erschienen 1749/50) noch mit weniger Bildinventar, leichterem Linienspiel und helleren Flächen von der ve-nezianischen Art eines Canaletto oder Giovanni Battista Tiepolo geprägt ist, füllen, verdunkeln und verschachteln sich die Bilder in der Edition von 1761. Die Folge gilt traditionell – besonders bei den Dichtern und Denkern des Surrealis-mus – als Vorbote einer antiklassischen, psy-chisch unterlegten und bildformal innovativen Moderne. |Heinrich Schulze

Carceri d'Invenzione: Scale, arcate e capriate

Carceri d'Invenzione: Scale, arcate e capriate

Die 16 Blätter umfassende Folge der Carceri D’Invenzione Di G. Battista Piranesi Archit[etto] Vene[ziano] gehört zu den be-rühmtesten Werken Giovanni Battista Pira-nesis. In Venedig geboren und zum Archi-tekten ausgebildet, wechselte der Künstler bald das Fach und den Ort: Das Bauen auf Papier, die Inszenierung von Veduten, das Erfinden gänzlich imaginärer, fantastischer Raumwelten, aber auch die archäologische Recherche sowie die theoretische, historische und technische Reflexion über die Baukunst nahmen sein ganzes Schaffen in Rom ein, wo er sich 1747 als Zeichner, Radierer und Schrift-steller niederließ. Der Titel Carceri D’Invenzione bleibt rätselhaft. Geht es um ›erfundene Gefäng-nisse‹ oder um ›Gefängnisse der Fantasie‹? Das Wortspiel umfasst die Auslotung der Be-dingungen der Vorstellungskraft und zugleich die Möglichkeit ihrer Entgrenzung. Faktisch rekurrieren die unwirklichen Darstellungen auf Bilder eines der wenigen Gesellschaftsbe-reiche, in denen Karzer architekturen eine tragende Rolle spielten: der Theater- und Opernbühne. Während die Erstauflage der Carceri (in 14 Blättern erschienen 1749/50) noch mit weniger Bildinventar, leichterem Linienspiel und helleren Flächen von der ve-nezianischen Art eines Canaletto oder Giovanni Battista Tiepolo geprägt ist, füllen, verdunkeln und verschachteln sich die Bilder in der Edition von 1761. Die Folge gilt traditionell – besonders bei den Dichtern und Denkern des Surrealis-mus – als Vorbote einer antiklassischen, psy-chisch unterlegten und bildformal innovativen Moderne. |Heinrich Schulze

Ein Genist aus Schweigen

Ein Genist aus Schweigen

Diese Darstellung, mit der Altenbourg wiederum das Kopfmotiv aufgegriffen hat, steht in einer langen Reihe von Köpfen, die 1985 zuvor und auch danach entstanden, sich jedoch in keinem Fall auf das Bildnis einer konkreten Person beziehen. Vielmehr werden mentale Befindlichkeiten, wird Meditatives aufgerufen, wie etwa hier, bei dem „Genist aus Schweigen“, bei dem der Künstler seine zeichnerischen Mittel mit äußerster Reduktion eingesetzt hat. Die mit der Pitt-Kreide erzielte, samtschwarze Flächigkeit der linken Gesichtshälfte kontrastiert mit der offenen Gesichtsfläche rechts, in die ganz sparsam lediglich die Sinnesorgane eingetragen sind. Anders als bei dem „Schreienden“ von 1949 (SSG 1) ist der Mund kaum wahrnehmbar, sind die Sinne nach innen gekehrt. Die frühen, in der Folge des Kriegserlebnisses entstandenen Zeichnungen mit ihrem virulenten Geschehen und den dichten Strukturen bezeichnete Altenbourg als „Gefechtsfelder". Sein „Schreiender“ ist verletzt und empört. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später – vier Jahre vor dem Tod des Künstlers –, ist seine Sprache immer sublimer geworden. Seine Lebenserfahrung mit den fortwährenden Verletzungen und Demütigungen von Seiten der offiziellen Kulturbehörden der DDR haben ihn zu einem völligen Rückzug auf sich selbst bewogen. Seinem Naturell und der Verantwortung für seine Kunst gemäß hätte er aber wohl auch in einem anderen Gesellschaftssystem ein Leben in Zurückgezogenheit geführt. Das Schweigen hat einen hohen Stellenwert in vielen Religionen, besonders in der christlichen Mystik und im „Schweigen Buddhas“. Immer ist es mit dem Streben nach Konzentration, Reinheit und Wesentlichkeit verbunden, was auch für die Darstellungen des tiefreligiösen Altenbourg zutrifft. Das Genist aus Schweigen spielt im Titel vermutlich auf den Nestbau in der Vogelwelt an. Der lockere, nicht fest zu umreißende Aufbau solcher ‘Geniste’ kam dabei wohl seiner Vorliebe für das Ungefähre, nicht konkret Greifbare der Erscheinungswelt entgegen. | Anita Beloubek-Hammer

Narcisse fossile

Narcisse fossile

„Wenn dieser Kopf zerspringt /wenn dieser Kopf zerplatzt /wenn dieser Kopf aufbricht /wird er zur Blume werden /ein neuer Narziß“ – diese letzten Zeilen eines Gedichtes, das Dalí 1937 verfasste, könnten das vorliegende Blatt aus demselben Jahr beschreiben. Über die runde Form des Gegenstandes in der Hand im Vordergrund und den Totenkopf wird diagonal der Bezug zur versteinerten Hand mit Samen hergestellt. Für Dalí, der sich intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatte, war das Thema des Narzissmus – übertriebene Selbsteinschätzung und der große Wunsch nach Bewunderung – von besonderer Bedeutung. Die Studie ist im Zusammenhang mit dem Gemälde „Metamorphose des Narziß“ (1937) entstanden, das erste, das ganz und gar durch die Anwendung der paranoisch-kritischen Methode geschaffen wurde. Das Werk zeigt, wie im Mythos geschildert, den sich im Wasser betrachtenden Narziss, nur dass dieser mit einer versteinerten Hand dargestellt ist, die zwischen Daumen und Zeigefinger ein Ei hält, aus dem eine Narzisse wächst. Die Verdoppelung des Ichs scheint bei Dalí auch eine Auseinandersetzung mit seinem Trauma, der Ersatz des neun Monate vor seiner eigenen Geburt verstorbenen Bruders zu sein, dessen Vornamen er trug. Nach Ovids „Metamorphosen“ wurde Narziss, weil er die Liebe Echos nicht erwiderte, von Nemesis verflucht, sein eigenes Spiegelbild unstillbar zu lieben. Als der See, in dessen Oberfläche er sich spiegelte, durch ein hinabfallendes Blatt in Bewegung geriet, glaubte der sein nun verzerrtes Antlitz betrachtende Narziss, er sei hässlich geworden,und starb. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Das Gemälde wie das Gedicht Dalís verweisen auf den Kreislauf von Tod, Auflösung und Wiedergeburt, der in der Zeichnung durch den diagonalen Aufbau ebenfalls angedeutet wird. | Silke Krohn

La famille de Quasimodo

La famille de Quasimodo

Sein frühes Interesse für die moderne Kunst veranlasst Christian d’Orgeix 1946, nach Paris zu ziehen, dort entdeckt er die Werke der Surrealisten, insbesondere die von Max Ernst, Francis Picabia und WOLS. Sicher ist es der Kontakt zu den Surrealisten, der ihn dazu führt, aus automatischem Zeichnen und Malen seine Werke zu entwickeln. In seinem Œuvre verdichten sich frei schwebende Linien immer wieder zu figürlichen Formationen, indem sie in Astlöcher münden, in haarige oder spinnwebenartige Verspannungen austreiben oder Knochen, Gelenke oder Muskelpartien umschreiben. Anthropomorphe Erscheinungen wie in „La famille de Quasimodo“ (Quasimodos Familie) sind ein durchgängiges Motiv. Hier wird das missgestaltete Gesicht eines Geschöpfs schemenhaft von weiteren Köpfen umgeben, von rechts schiebt sich horizontal ein Frauenkörper hinein und verbindet sich mit dessen Körper. Der Titel spielt auf die gleichnamige literarische Figur aus Victor Hugos „Nôtre-Dame de Paris“ (Der Glöckner von Notre-Dame, 1831) an. Er bindet das albtraumartige Geschöpf an die literarische Gestalt, hinter deren körperliche Deformation sich ein schlichtes, aber gutherziges Gemüt verbirgt. Quasimodo, einst ein Findelkind, das vom Domprobst der Kathedrale aufgezogen wurde, wird wegen seiner Häßlichkeit von den Menschen verabscheut. In einem Interview sagte d'Orgeix: „Ich bin für die Gnade, ich bin für die Unordnung, ich bin für alles, was die Leute nicht mögen.“ | Melanie Franke

Formen

Formen

Schon während Bellmers Gefangenschaft im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence ab September 1939 und besonders während seiner rastlosen Reisen in den letzten Kriegsjahren durch den Süden Frankreichs taucht verstärkt das Motiv der Ziegelmauer auf. Die Mauer wird zum Symbol der Enge, wie sie Bellmer in der Gefangenschaft empfunden haben muss. Als Raumbeschreibung ist sie oft mit Durchbrüchen, die ins Nichts führen, versehen oder formt sich zum Körperpanzer. In „Formes“ beschreibt der Mauerverband einen gleichmäßig strukturierten, ebenmäßig braun-grauen Bildraum, der in seiner Geschlossenheit Bedrängnis schafft. In ihm sind zwei abstrakte Formen zentral platziert: Die hintere Form ist größer und erinnert in ihrer ausladenden, fließend-organischen Formation an das Verfahren der Décalcomanie. Nur wenige Stellen wurden mit Deckweiß gehöht, sie wirken wie Tropfen von zuviel Farbe, die stehen geblieben sind. Kontrastierend dazu befindet sich im Vordergrund ein von Löchern zerfressener, kantig-geometrischer Körper, welcher zu Teilen in plissierten Kegeln ausläuft. Die bei Bellmer immer wiederkehrenden Motive „Wurmstich“ und „Plissee“ ermöglichen Blicke auf das Innere, das sich im Zustand der Auflösung zu befinden scheint. Ohne anthropomorph zu gestalten, kehrt Bellmer das traditionelle Bild vom Weiblichen und Männlichen um, die organisch-weibliche Form dominiert deutlich den männlich-geometrischen Körper. | Melanie Franke/Nadine Ott

Für Nichts!

Für Nichts!

Man mag bei dem von Kubin verehrten Francisco de Goya kein unmittelbares Vorbildmotiv finden, gleichwohl erinnert das Blatt „Für Nichts!“ an dessen „Desastres“, in denen Folterszenen unter anderem das Erhängen, Ziehen und Quetschen von Menschen zeigen. In der bis 1904 häufig verwendeten Spritztechnik zeichnet Kubin eine in ein dämmriges Licht getauchte, bodenlose menschliche Erfahrung – die eines bis zum Zerreißen Gequältseins. Das von glühendem Schmerz bis in die Formlosigkeit verzerrte Gesicht des Gepeinigten und die gegen den Himmel gerichtete, offene Mundhöhle erinnern an Vergils Beschreibung der Todesangst des Laokoon: „Noch zu den Sternen erhebt er den Wehruf, schauerlich gellend / Wie der getroffene Stier aufbrüllt, der wund vom Altare flieht […]“. Was jedes Reflexionsvermögen und jede Sprache raubt, kommt hier in einem unartikulierten Schrei zum Ausdruck. Bei Kubin richtet er sich jedoch nicht gegen die Sterne, sondern verhallt ungehört in der Einsamkeit und gähnenden Leere der vegetationslosen Landschaft. Obgleich die Verursacher der Folter mit den beiden am Tau ziehenden Männern, dem Stier im Vordergrund und dem Reitenden mit Hut sichtbar werden, bleibt unklar, für welche Qualen sie sinnbildlich stehen. Der Titel „Für Nichts!“ verweist auf die brutale Grundlosigkeit des Erlittenen. Ist es der befremdlich kultisch wirkende Mann vorn rechts im Bild, der die eigentlichen Fäden in der Hand hat? Kubins umfangreiche Schriften bieten für das Dargestellte keine eindeutige Exegese. Das Blatt kann jedoch als Parabel einer unerbittlichen Wahrheit menschlichen Daseins gelesen werden, die reale menschliche Leiden bis ins Ungeheuerliche steigert. Gezeigt wird der gespaltene Mensch, das bis zur Höllenpein Zerrissensein, ein Abgrund der Seele. Es scheint hier nur eine letzte tröstliche Einsicht zu bleiben: Auch unendlicher Schmerz ist unabdingbar Teil der Conditio humana. | Luisa Fink

Ohne Titel

Ohne Titel

Der Tscheche František Kupka lebte seit 1896 in Paris, wo er seinen Lebensunterhalt vor allem mit Beiträgen für satirische Zeitschriften verdiente; seit 1900 kamen Buchillustrationen dazu. Laut Beschriftung ist dieses Blatt eine Illustration zu dem 1909 erschienenen Gedichtband „La négresse blonde“ (Die blonde Negerin) von Georges Fourest, eine tatsächlich illustrierte Ausgabe von František Kupka ist jedoch nicht bekannt. Kupka geht sehr frei mit den Sprachbildern des Dichters um, auf deren Variationsbreite und Vielzahl die übereinandergestellten Gemälde im Vordergrund verweisen. Fast scheint es so, als übertrage Kupka die Stilmittel von Fourest – Disharmonie, unerwartete Wendungen und derben schwarzen Humor – in seine Illustration. Mag das Oberteil des Skeletts auch an einen Matrosen, den typischen Bordellbesucher, denken lassen, verraten die Haartolle, das Monokel, die Zigarette im Mundwinkel, der wohlgenährte Bauch der Knochenfigur, die behandschuhte Hand und insbesondere die lässige, selbstbewusste Haltung einen Mann der Bourgeoisie, jener Bürgerschicht, die Fourest in vielen seiner Gedichte satirisch betrachtete, der er aber selbst angehörte. Möglich ist, dass Kupka in seinem Aquarell auf den Lebensstil des Dichters anspielt. Der Pantoffel, in der Ikonografie oft Symbol der Weiberherrschaft, stellt im Zusammenhang mit der betont herausgestellten männlichen Potenz ein weiteres ironisches Moment dar. Der Fötus ist ein Zitat aus Kupkas 1900 entstandenem symbolistischem Zyklus „Les Nénuphars“ (Lebensanfang). Auf dem hier gezeigten Blatt wird der Embryo von Absinth, erkennbar an Löffel und Zuckerstück, dem „Getränk der Künstler und Literaten“ im Paris der Jahrhundertwende, genährt. Inspiriert durch Georges Fourests literarisches Werk zeigt František Kupka einen sarkastischen Lebenszyklus seiner Zeit. | Silke Krohn

Le mystère est exempt de pudeur

Le mystère est exempt de pudeur

Georges Hugnet, zunächst vor allem als Dichter und Kunstkritiker in Erscheinung tretend, ist einer der ersten, der über die neuen Tendenzen in der Kunst der Grafik, darunter auch DADA, schreibt. In seinen seit 1928 regelmäßig in einschlägigen surrealistischen Kunstzeitschriften wie „Cahiers d’Art“ und „Minotaure“ erscheinenden Artikeln stellt er unter Beweis, dass er die Bedeutung der künstlerischen Bewegungen seiner Zeit und insbesondere die des Surrealismus erkannt hat. Ein solcher Artikel erweckt 1932 das Interesse André Bretons, woraufhin Hugnet im selben Jahr Mitglied der surrealistischen Vereinigung wird. Mitte der 1930er Jahre beginnt Hugnet, der sich eingehend mit den Werken der Dadaisten Hannah Höch und Raoul Hausmann beschäftigt hat, eigene Collagen anzufertigen, „um die Realität zu lenken und um auf diese Art in das Gebiet des Wunderbaren einzudringen, indem die Bilder von ihrem ursprünglichen Ziel und ihrer banalen Bedeutung abgekehrt werden“. Ausgehend von den Erotikzeitschriften, die er und seine Freunde sammeln, wird sein zentrales Thema das Bild der Frau, welches er mit Hilfe von Schere und Kleber symbolträchtig in immer wieder neue Sinnzusammenhänge setzt. Die beiden Szenen in der vorliegenden Arbeit, verbunden durch die Meereslandschaft, die in die Welt des Geheimnisvollen einlädt, wirken wie Sequenzen aus einem Film, dessen Erzählstrang abrupt unterbrochen zu sein scheint, vom Betrachter jedoch wieder aufgenommen werden kann. Durch die farbliche Überarbeitung der Abbildungen erreicht Hugnet eine groteske Übersteigerung. Schüren die Gitterstäbe bereits die Begierde, erscheint die halb in ein Skelett verwandelte Frau verführerisch und unerreichbar zugleich. Frei von Schamhaftigkeit verweist Georges Hugnet auf Sadismus und Nekrophilie, Themen, die die Surrealisten in zahlreichen Werken beschäftigen. | Silke Krohn

Jean Paulhan diable noir

Jean Paulhan diable noir

Das Porträt des französischen Schriftstellers Jean Paulhan gehört zu einer Reihe von Bildnissen bekannter Pariser Intellektueller, denen Dubuffet im Salon der amerikanischen Mäzenin Florence Gould begegnete. Jean Paulhan war Mitherausgeber der Zeitschrift „Nouvelle revue française“, die den Strömungen vom Symbolismus bis zum Dadaismus gleichermaßen zugewandt war. Der herkömmliche Abbildcharakter spielt für die Bildnisse Dubuffets allerdings keine Rolle. Indem er auffällige Eigenheiten und Merkmale der Dargestellten mit ungewöhnlichen Substanzen und Malmaterialien zum Ausdruck bringt, entwickelt er eine neue Form des Porträts. Im Falle Jean Paulhans erschafft er mit Zement und Kalk eine zerklüftete Oberfläche, auf der die Gestalt des Schriftstellers als brüchige Präsenz sichtbar wird. Ein Jahr bevor dieses Materialbild entstand (1946), hatte Dubuffet die ganze Figur des Schriftstellers mit Kohle festgehalten. (SSG 58). In Anlehnung an Darstellungsformen bei Kindern zeigt Dubuffet Jean Paulhan nun (1947) als ‘Kopffüßer’, ohne Arme und mit einem im Verhältnis zum Körper überdimensional großen Kopf, aus dem die Augen, zwei schwarze Punkte, starr herausblicken. Ohne Volumen und räumliche Tiefe breitet sich der ‘Teufel in Schwarz’ auf der krustigen Fläche aus. Die kindliche Anmutung spielt mit dem vermeintlich Diabolischen der schwarzen Gestalt zusammen. Mit dieser unkonventionellen, an unverbildete Ausdrucksformen erinnernden Darstellungsweise will Dubuffet seine Freunde und Bekannten keineswegs karikieren. Vielmehr geht es ihm darum, die ‘wahre Gestalt’ einer Person zu vermitteln, die in der Begegnung mit dem Betrachter auch dessen sinnlich-haptische Empfänglichkeit ansprechen soll: „Es schien mir, indem ich meine Modelle entpersönlichte und auf eine elementare, menschliche Gestalt reduzierte, daß ich es meiner Meinung nach dem Betrachter des Bildes leichter machte, seine Phantasie und Vorstellungskraft anzuregen, und gleichzeitig die Macht des Bildnisses verstärkte.“ | Melanie Franke

Interno metafisico

Interno metafisico

Das „Interno metafisico“ (Metaphysisches Interieur) steht in einer Reihe von klaustrophobisch anmutenden Interieurs, die de Chirico in einer Phase der persönlichen Isolierung in der italienischen Stadt Ferrara schuf. Dorthin übersiedelte der Künstler, der Einberufung zum Kriegsdienst folgend, im Jahre 1915. In die irreale Bildkonstruktion dieser Bilder, die aus befremdenden Konglomeraten wie geometrischen Instrumenten und anderen rätselhaften Gegenständen bestehen, ist ein vermeintlich realer Ausblick in Form eines Himmelsausschnittes oder, wie hier, urbaner Gebäude einbezogen. Während die Scheiben des Fensters in der linken Bildhälfte blind bleiben, ist das architektonisch ungerahmte ‘Bild im Bild’ an das Ende der zentralperspektivisch angelegten Raumflucht verschoben. Das moderne Hochhauspanorama bildet dabei einen Kontrast zu dem antik-ionischen Kapitell des Pilasters neben dem Fenster und dem seiner tragenden Funktion enthobenen barocken Baluster. Diese Architekturfragmente fassen ein auf perspektivisch verzerrten und geometrisierten Sockeln basierendes, unentwirrbares Puzzle aus Reißschienen, Winkeldreiecken, Vermessungsgeräten und trigonometrischen Instrumenten ein. Diesen Gegenständen mit ihrer mysteriösen Existenz haftet zudem durch das Fehlen jeglicher Orientierung eine erstarrte Kälte an. Indem de Chirico die Verbindlichkeit dieser subjektvergewissernden Perspektive in Frage stellt und die gewohnte optische Wahrnehmung außer Kraft setzt, entlarvt er die Welt als Scheinwelt. De Chiricos „Metaphysisches Interieur“ erhebt das Transzendente zum Bildinhalt, wobei der Künstler das Metaphysische nicht hinter, sondern in den Dingen sucht. So werden seine Innenräume zu geheimnisvollen, beunruhigenden Rätseln. | Hanna Strzoda