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Vorderfront eines Schreibkabinetts

Ident. Nr.: 1889,109

ObjID: obj:2048945

Details (Expert)

Beteiligte
Wenzel Jamnitzer (1508 - 19.12.1585),
Goldschmied*in
Datierung
um 1550
Material / Technik
Beschläge Bronze, vergoldet
Abmessungen
Höhe x Breite: 66 x 78,5 cm

Objektbeschreibung

In einer in wesentlichen Teilen erst aus dem 19. Jahrhundert stammenden Montage sind 27 vergoldete Messingplaketten zu einem Ensemble vereint, das wie die Frontseite eines von spanischen Vorbildern – den sog. Escritorii – beeinflussten süddeutschen Schreibkabinetts aus der Mitte des 16. Jahrhunderts erscheint. Um ein türartiges Mittelfeld mit seitlichen Hermen-Pilastern und einem zentralen Relief unter einer Doppelarkade gruppieren sich 26 quadratisch gerahmte Rundplaketten. Kleine Knäufe in den unteren Rahmenprofilen evozieren den Eindruck von Vorderseiten kleiner Schubkästen, die in fünf Reihen und sechs Spalten angeordnet sind.
Von dem bedeutenden Nürnberger Goldschmied Wenzel Jamnitzer (1508–1585) wissen wir, dass er sich spätestens seit 1551 sehr intensiv mit der Gestaltung von derartigen „kunstlichen und wolgetzierten“ Kassetten und Schreibmöbeln befasst hat. Gliederung, Ornamentik und Figuren des Mittelfeldes sowie die zierliche Ornamentleiste der Plakettenwand des Berliner Kunstgewerbemuseums können jedenfalls mit gesicherten Goldschmiedearbeiten und -entwürfen Wenzel Jamnitzers in engsten Zusammenhang gebracht werden. Jamnitzer hat auch an verschiedenen mit seinem Meisterzeichen versehenen Werken aus Edelmetall Plaketten nach Entwürfen von Peter Flötner (um 1490–1546) verwendet.
Die 26 Rundbilder entstammen aus zwei unterschiedlichen Plakettenserien Peter Flötners. Von den insgesamt zwölf verschiedenen Motiven kommen acht zweimal, drei sogar dreimal vor. Die eine Serie der Flötner-Plaketten zeigt sitzende Personifikationen von acht Tugenden: die vier Kardinaltugenden Justitia (Gerechtigkeit), Prudentia (Klugheit), Fortitudo (Stärke) und Temperantia (Mäßigung), dazu die drei christlichen Tugenden Fides (Glaube), Spes (Hoffnung) und Caritas (Nächstenliebe) sowie die in Bildserien häufig hinzugefügte Patientia (Duldsamkeit). Die zweite Serie zeigt in ganz ähnlicher Bildauffassung vier berühmte Frauenfiguren der Antike: Dido, Jaël, Cleopatra und Lucretia. Beide Plakettenserien Flötners sind um 1540–1546 entstanden.
Die rechteckige Plakette des Mittelfeldes zeigt Fides, die Personifikation des Glaubens, mit entblößtem Oberkörper außerhalb einer Kirche in einer Landschaft sitzend, in deren Hintergrund eine Stadt brennt. Ihr Attribut, das Kreuz, liegt achtlos vor ihr auf dem Boden. Fides ist von vier sie bedrängenden Spukgestalten umgeben, die jenen der Bildwelt des Hieronymus Bosch ähneln: ein Mann mit einer Wurst, eine Hündin mit weiblicher Maske, ein Vogel mit menschlichem Gesicht und ein vogelreitender Mönch mit Fasskörper. Wohl nach 1535 entstanden, offenbart diese Plakette Flötners insbesondere mit der antiklerikalen Mönchsfigur eine deutlich kirchenkritische Haltung. Die um sie herum angebrachten Rundplaketten mit den Darstellungen der Tugenden und tapferer Frauen der Antike erscheinen in diesem Kontext wie ein humanistischer Lehrkommentar, auf welche Weise einer solchen „Versuchung des Glaubens“ durch lasterhafte Übel zu begegnen sei: einzig durch Tugendhaftigkeit. An der Vorderfront eines Schreibkabinetts vor Augen gestellt, erlangt ein derartiges Bildprogramm eine zusätzliche, auf die aktive Vermittlung dieser geistig-moralischen Werte abzielende Bedeutung.
Lothar Lambacher

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

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