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Leichentuch einer Mädchenmumie ("Tochter der Aline"); aus dem Grab der Aline

Ident. Nr.: ÄM 12125/01

ObjID: obj:763692

Details (Expert)

Beteiligte
Richard von Kaufmann (29.3.1849 - 11.3.1908)
Datierung
1.–2. Jh. n. Chr.
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe x Breite: 76,5 x 44 cm

Objektbeschreibung

Das rechteckige und am linken Rand stark beschädigte Leichentuch sticht durch seine ausgesprochen farbenfrohe Bemalung sowie die filigrane und detailreiche Ausführung diverser Sepulkraldarstellungen aus der altägyptischen Mythologie hervor, welche auch in der Ptolemäerzeit einen entscheidenden Aspekt im Weltbild der Niltalbewohner ausmachte. Hingebungsvoll ließ man die unverwechselbare Flachkunst der Pharaonenzeit wieder aufleben, indem man ikonographische Charakteristika, wie die aspektivische Darstellung des Menschen oder aber die weitgehend symmetrische Ausrichtung der Figuren, aufgriff und hier auf roten Grund bannte. In drei der insgesamt vier Register steht die zu Lebzeiten offenkundig aus wohlhabenden Kreisen stammende Tote selbst im Mittelpunkt des Geschehens, weswegen es sich um eine Auftragsarbeit handeln muss. Die Register sind durch blau und schwarz changierende sowie darunter blaue Blockstreifen voneinander separiert und von horizontal verlaufenden, schmaleren blauen Streifen eingefasst. Obgleich es sich aufgrund fehlender Kapitelle ebenso gut um ein rein dekoratives Arrangement handeln könnte, erinnern die senkrecht zueinander stehenden Streifen entfernt an ein Unterweltstor. In diesem Zusammenhang vermutet Klaus Parlasca die Verschmelzung der griechischen Hadespforte mit der ägyptischen Scheintür. Ebenso könnten die senkrecht zueinander stehenden blauen Streifen womöglich das Himmelszelt andeuten.
Im oberen Register prangt in Form eines halbkreisförmigen Blütenhalskragens ein prächtiges, in fünf Segmente gegliedertes Pektoral, dessen zahlreiche gelbe Details womöglich Gold imitieren. Das opulente Collier wird an beiden Enden von blaugelben Falkenköpfen geschmückt, welche ihrerseits große Sonnenscheiben mit Uräusschlangen zur Schau tragen und als Horusbildnisse identifiziert werden können. Dazwischen hebt der geflügelte Skarabäus Chepri, die Morgeninkarnation des Sonnengottes Re, die wiedergeborene Sonnenscheibe, in die Höhe und verkündet damit die erfolgreich überstandene Fahrt desselbigen durch die Gefilde des Jenseits in den zwölf Stunden der vorherigen Nacht. Angebetet werden die zoomorphen Götter von den in menschlicher Form dargestellten Götterschwestern Isis und Nephthys zur Rechten und zur Linken, welche schützend ihre farbenfroh gefiederten Schwingen ausbreiten.
Im zweiten Register sehen wir zentral die Verstorbene als Lebende, flankiert von denselben Göttinnen, die Jahresrippen in den Händen halten und damit auf ein rituelles Motiv aus der Pharaonenzeit anspielen–der magisch-symbolischen Übertragung von Leben und Dauer an den jeweiligen Herrscher. Links wird die Tote vom schakalköpfigen Anubis, der ihr die Hände auf die Schultern legt, zum thronenden Totengott Osiris in Mumienbinden und mit Atefkrone auf dem Haupt geleitet. Klaus Parlasca zufolge kann diese Komposition als „reduzierte Form der Vorführung de[r] Verstorbenen vor das Totengericht“, geschildert im 125. Kapitel des Totenbuches, interpretiert werden. Rechts wiederum steht die Tote allein vor dem Thron einer mumifizierten Gottheit, bekrönt mit einer Sonnenscheibe, und bringt ein Opfer dar. Hannelore Kischkewitz erkennt hierin den Gott Harmachis, den jungen Horus und damit einen Gott des Lebens. Dies fügt sich insofern harmonisch in den dualistischen Habitus der alten Ägypter ein, als das die Verstorbene sowohl dem Tod in Gestalt des Osiris als auch dem Leben, verkörpert durch Harmachis, ihre Aufwartung macht, was ein friedvolles Hinübergleiten vom Diesseits ins Jenseits suggeriert. In Bezug auf die altägyptische Vorstellung der Aufsplittung des Kosmos in Jenseits, Erde und Himmel sei erneut auf die mögliche Darstellung des Letzteren durch die blaue Einrahmung verwiesen.
Im dritten Register schließlich findet sich ein Motiv, das uns in dieser Form auch auf anderen Leichentüchern begegnet. Wir erblicken die Verstorbene in gelben Mumienbinden und mit Perücke auf einer Löwenbahre. Am Fußende steht Anubis, der sie mumifiziert. Auffällig ist das lange, gefältelte Gewand des Gottes. Zwar liegt keine Ähnlichkeit zum traditionell eng anliegenden Frauengewand vor, wie es die vordem erwähnten Götterschwestern gut sichtbar tragen, jedoch reicht auch das typische Männergewand, wie wir es beispielsweise darüber ebenfalls an Anubis sehen, nur bis knapp über das Knie. Ob es sich womöglich um eine weibliche Darstellung des Gottes handelt, bleibt folglich ein Geheimnis. Unter der Bahre stehen vier Kanopenkrüge, über ihr schwingt sich die Seele der Toten in Gestalt des Ba-Vogels in die Höhe. Eine analoge Darstellung finden wir auf einem hölzernen, kaiserzeitlichen Schrein in Berlin (ÄM 17039). Flankiert wird die Szene rechts vom hier blauhäutigen Schreibergott Thot und links von einer nicht zu identifizierenden Gottheit. Beide reichen Mumienbinden dar und werden von anthropomorphen, mumifizierten Götterfiguren mit Sonnenscheiben auf den Köpfen begleitet.
Die letzte Station auf dem Weg in ein seliges Dasein im Jenseits wird im unteren Register dargestellt. Die Mumie der Verstorbenen liegt mit einer Falkenmaske, welche sinnbildlich für ihre Wiederauferstehung steht, im Sarg. Diese Maske verkörpert Re, der als Falke seine prächtigen Schwingen über dem Sargdeckel ausbreitet. An dessen Enden knien abermals die in Trauer ihre Gesichter verbergenden Schwestern Isis und Nephthys, hinter ihnen erscheinen erneut in stiller Andacht je eine aufrecht stehende Göttermumie. Zusammen mit den zwei identischen Figuren im darüber liegenden Register könnte es sich um die vier häufig im selben Kontext abgebildeten Horussöhne handeln, die in diesem Fall jedoch alle Menschenköpfe besitzen.
Während das obere Register symbolisch dem Schutz für die anstehende Verjüngung und Wiederauferstehung verheißt, sind die folgenden drei episodisch als Vorbereitung der Verstorbenen auf das Dasein im Jenseits mit göttlichem Beistand zu verstehen, von der Aufwartung vor den Göttern über die Befreiung der Seele von der sterblichen Hülle im Zuge der Mumifizierung bis hin zur seligen und ewig währenden Totenruhe.
(Jana Helmbold-Doyé)

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Ägyptisches Museum und Papyrussammlung

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