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Dudelsackpfeifer

Ident. Nr.: M 47

ObjID: obj:862853

Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Details (Expert)

Beteiligte
frühere Zuschreibung: Ferdinando Tacca (1619),
Bildhauer*in
nach: Giambologna (1541-1608)
frühere Zuschreibung: Valerio di Simone Cioli (1529),
Bildhauer*in
Datierung
Datierung: 1601/1700
Systematik/Art
Geografische Bezüge
Entstehungsort stilistisch: Italien,
Land
Material / Technik
Bronze
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 22 x 7 x 7 cm

Objektbeschreibung

Giovanfrancesco Susini (c. 1585–1653) zugeschrieben
Florenz, frühes 17. Jahrhundert
Bronze, H. 22 cm
1905 aus dem Münchner Kunsthandel erworben, gemeinsam mit drei weiteren Kleinbronzen aus dem Umkreis Giambolognas

Mit beiden Händen umfasst der junge Mann die Spielpfeife seines Dudelsacks, dessen aufgeblähten Windsack er unter den linken Arm geklemmt hält. Die nahezu frontal aufgefasste Gestalt steht mit leicht auseinandergesetzten Füßen fest auf dem Boden. Über den Beinkleidern trägt sie eine weite, bis über die Hüften reichende Jacke; weiche Stiefel und eine eng anliegende Kopfbedeckung vervollständigen die bewusst einfache Tracht. Instrument, Arme und Oberkörper schließen sich zu einer kompakten Einheit zusammen. Zugleich verleihen das schmale, wenig idealisierte Gesicht, der leicht zur Seite gewendete Kopf und die sorgfältige Charakterisierung von Kleidung und Instrument dem anonymen Musikanten eine bemerkenswerte Individualität.

Die Bronze wurde 1905 gemeinsam mit drei weiteren Kleinplastiken aus dem Umkreis Giambolognas im Münchner Kunsthandel für die Berliner Sammlung erworben und zunächst dem großen Florentiner Hofbildhauer selbst zugeschrieben. Diese Bestimmung wurde von Elisabeth Dhanens verworfen. Charles Avery erkannte weiterhin eine deutliche Nähe zu Giambolognas Formensprache, schlug jedoch vor, die Komposition eher mit der Werkstatt Giovanfrancesco Susinis zu verbinden. Für den seltenen Typus des stehenden Dudelsackspielers führte die Forschung drei Güsse an: das Berliner Exemplar, eine Fassung im Williams College Museum of Art in Massachusetts sowie eine ehemals in der Sammlung Michael Hall befindliche Bronze. Avery und Hall behandelten den Typus 1999 erneut. Ein weiterer, 15,5 cm hoher Guss wurde jüngst im Kunsthandel ebenfalls dem Umkreis Giovanfrancesco Susinis zugeschrieben. 

In jüngerer Zeit wurde die Berliner Bronze Valerio di Simone Cioli (1529–1599) zugeschrieben; unter seinem Namen ist sie gegenwärtig auch in die Dauerausstellung integriert. Cioli gehörte zum engeren Kreis der für die Medici tätigen Florentiner Bildhauer und entwickelte ein ausgeprägtes Interesse an Figuren jenseits des klassischen und heroischen Repertoires. Bauern, Diener, Hofzwerge und andere Gestalten des alltäglichen Lebens spielen in seinem Werk eine wichtige Rolle. Seine berühmten Darstellungen von Morgante und Pietro Barbino zeigen eine vergleichbare Freude an rustikalen Themen. Auch ein lebensgroßer Dudelsackspieler im Boboli-Garten wurde traditionell mit Cioli verbunden, wenngleich diese Zuschreibung heute selbst nicht mehr als gesichert gelten kann.

Gerade die unheroische Erscheinung der Berliner Figur macht die Cioli-Zuschreibung zunächst attraktiv. An die Stelle der komplizierten Drehungen und eleganten Körperbewegungen vieler Kleinbronzen Giambolognas tritt eine nahezu blockhafte Geschlossenheit. Die feste Beinstellung, die schwere Kleidung und das individuell wirkende Gesicht lassen den Musiker weniger als manieristische Kunstfigur denn als unmittelbar beobachteten Vertreter einer ländlichen Lebenswelt erscheinen.

Überzeugender erscheint dennoch eine Einordnung in den Susini-Umkreis. Entscheidend ist zunächst die Überlieferung des konkreten Modells in mehreren Güssen. Die Vervielfältigung und Weiterführung erfolgreicher Modelle gehörte zum Kern der hoch spezialisierten Florentiner Kleinbronzeproduktion, wie sie insbesondere Antonio und später Giovanfrancesco Susini betrieben. Hinzu kommt Averys ausdrückliche Verortung gerade dieses stehenden Typus in der Werkstatt Giovanfrancesco Susinis. Für eine Entstehung bei Cioli fehlt demgegenüber bislang sowohl eine dokumentarische Grundlage als auch ein überzeugender Vergleich mit einer gesicherten Kleinbronze seiner Hand. Die Verbindung beruht wesentlich auf der allgemeinen Verwandtschaft des Sujets mit Ciolis Bauern- und Genrefiguren.

Nicht zuletzt war der Dudelsackspieler im unmittelbaren Giambologna-Susini-Umfeld ein nachweislich erfolgreiches Sujet. Allerdings muss hier zwischen zwei verschiedenen Kompositionen unterschieden werden. Neben dem Berliner stehenden Musikanten existiert der wesentlich bekanntere sitzende Dudelsackspieler, dessen Erfindung auf Giambologna zurückgeführt wird und von dem zahlreiche Güsse aus den Werkstätten Antonio und Giovanfrancesco Susinis erhalten sind (siehe auch Inv. 2242). Bereits 1601 wurde Antonio Susini eine silberne Fassung eines Dudelsackspielers überlassen, offenbar um weitere Exemplare danach anzufertigen. 1611 gehörte ein “Pastore che suona la piva” zu einer Gruppe von Kleinbronzen, die Großherzog Cosimo II. de' Medici an Henry, Prince of Wales, senden ließ. Hochwertige Güsse befinden sich unter anderem im Bargello, im Victoria and Albert Museum und im Palazzo Venezia; für eine Fassung in der Galleria Colonna ist Giovanfrancesco Susini 1630–32 sogar archivalisch belegt.

Die dokumentierte Geschichte des sitzenden Modells beweist zwar nicht, dass auch der stehende Berliner Dudelsackspieler von Giambologna erfunden oder von Susini gegossen wurde. Sie zeigt jedoch, dass sowohl das Sujet als auch die serielle Herstellung rustikaler Musikanten fest in jener Werkstatttradition verankert waren. Bemerkenswert ist dabei die in zeitgenössischen Quellen vorgenommene Unterscheidung zwischen einer Arbeit „von der Hand“ Antonio Susinis und einer solchen „von seiner Hand und eigener Erfindung“: Guss und invenzione mussten keineswegs vom selben Künstler stammen. Für das Berliner Stück bleibt daher denkbar, dass Giovanfrancesco Susini einen älteren, möglicherweise noch im Umkreis Giambolognas entstandenen Figurentypus weiterverwendete.

Dudelsackspieler waren in der europäischen Kunst der Renaissance ein verbreitetes Motiv. Das Instrument wurde mit Hirten, Bauern, ländlichem Tanz und Festkultur assoziiert und konnte mit wenigen Mitteln eine pastorale oder rustikale Lebenswelt bezeichnen. Auch in religiösen Hirtenszenen (z.B. Antonio Rossellinos Tondo in Raum 122) und gelegentlich in mythologischen Zusammenhängen begegnen Dudelsackspieler. Für die Popularisierung des selbständigen Figurentypus dürfte nicht zuletzt Albrecht Dürers berühmter Kupferstich des Dudelsackpfeifers von 1514 wichtig gewesen sein; für Giambolognas sitzenden Dudelsackspieler wurde Dürers Blatt wiederholt als mögliche Inspirationsquelle vorgeschlagen.

Für das höfische Publikum lag ein besonderer Reiz solcher Figuren gerade in ihrer sozialen Distanz zur eigenen Lebenswelt. Bauern, Hirten, Vogelsteller und Musikanten verkörperten eine vermeintlich einfache, naturverbundene Gegenwelt zum höfischen Zeremoniell. In der Kunst wurden diese „niedrigen“ Sujets jedoch in ein ausgesprochen kostbares Medium übersetzt. Der einfache Dudelsackspieler wurde als sorgfältig ziselierte Bronze zu einem Gegenstand fürstlicher Kennerschaft. Dass solche Figuren durchaus den Rang diplomatischer Geschenke erreichen konnten, belegt die 1611 nach England gesandte Gruppe mediceischer Bronzen. Der dort erwähnte Dudelsackspieler war vermutlich als Gegenstück zu einem ebenfalls genannten, auf seinen Stock gestützten Hirten gedacht.

Auch für die Berliner Bronze ist daher am ehesten ein höfischer oder anspruchsvoller privater Sammlungskontext anzunehmen. Mit 22 cm Höhe war sie für die Betrachtung aus unmittelbarer Nähe bestimmt. Solche bronzetti konnten auf Tischen, Konsolen, Kabinettschränken oder in einem Studiolo beziehungsweise einer Kunstkammer stehen, einzeln oder zusammen mit weiteren Kleinbronzen. Sie waren bewegliche Kunstwerke: Man konnte sie aufnehmen, drehen und aus wechselnden Ansichten betrachten. Für Giambolognas verwandten sitzenden Dudelsackspieler wurde sogar vermutet, dass frühe Fassungen in Edelmetall zur Montage auf einem Ebenholzkabinett bestimmt waren.

Im Berliner Dudelsackspieler treffen damit zwei scheinbar gegensätzliche Welten aufeinander. Tracht, Instrument und Haltung kennzeichnen den Dargestellten als einfachen ländlichen Musikanten; Material, technische Ausführung und ursprünglicher Gebrauch weisen die Statuette dagegen als kostbares Sammlungsobjekt aus. Gerade diese Verwandlung des Alltäglichen in ein Objekt höfischer Kunstbetrachtung dürfte einen wesentlichen Teil ihres ursprünglichen Reizes ausgemacht haben.

(Alexander Röstel, August 2026) 

Literatur (Auswahl): Charles Avery / Katherine Watson, „Medici and Stuart: a Grand Ducal Gift of ‘Giovanni Bologna’ Bronzes for Henry Prince of Wales (1612)“, in: The Burlington Magazine 115, 1973, S. 493–507; Charles Avery / Anthony Radcliffe (Hg.), Giambologna 1529–1608. Sculptor to the Medici, Ausst.-Kat. Edinburgh/London/Wien 1978–79, Kat. 139 [zum stehenden Dudelsackspieler], sowie Kat. 135–138 [zum verwandten pastoralen Figurenrepertoire]; Charles Avery, Giambologna. The Complete Sculpture, Oxford 1987; Charles Avery / Michael Hall, Giambologna. An Exhibition of Sculpture by the Master and his Followers from the Collection of Michael Hall, New York 1998/Paris 1999, Kat. 53 [stehender Dudelsackspieler]; Beatrice Paolozzi Strozzi / Dimitrios Zikos (Hg.), Giambologna. Gli dei, gli eroi. Genesi e fortuna di uno stile europeo nella scultura, Ausst.-Kat. Florenz, Museo Nazionale del Bargello, Florenz 2006, bes. Kat. 42–43; Pietro Cannata, Museo Nazionale del Palazzo di Venezia, III: Sculture in bronzo, Rom 2011, S. 77–78, Kat. 82; Alessia Sisi, „‘Di pietra un Villanel, che da lontano par vivo’: il Villano con la falce di Valerio Cioli nel giardino mediceo di Pratolino“, in: Marco Betti / Carlotta Brovadan (Hg.), Donum, Florenz 2020, S. 9–29.

 


Letzte Aktualisierung: 21.09.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Runder Einsatz von einer Tunika

Runder Einsatz von einer Tunika

Der kleine runde Einsatz stimmt in Größe, Technik und Motiv mit Inv. 4600 überein. Vermutlich stammen beide Einsätze von demselben Kleidungsstück oder Tuch. Die musterbildenden Schusseinträge sind über zwei- oder dreifache Kettfäden geführt worden. Das bedeutet, dass die Wirkerei direkt in ein Grundgewebe eingearbeitet wurde. Es handelt sich daher nicht um separat hergestellte Besätze, für die die Weber so gut wie immer gezwirnte Kettfäden verwendeten (siehe Inv.9169, 4611). Der Einsatz ist heute mit einem modernen Gewebe unterlegt. Auf blauem Grund ist im mittleren runden Bildfeld ein Vogel mit üppigen Schwanzfedern in Seitenansicht wiedergegeben. Er blickt nach rechts. Der Vogel ist in heller Wolle ausgeführt, lediglich der Schnabel und die kurzen Beine mit den Krallen bestehen aus roter Wolle. Die Flügel über dem Rücken sind dunkel gefasst, die Augen sind ebenfalls dunkel.Das Bildfeld umläuft außen der „laufende Hund“ in heller Ausführung auf dunklem Grund. Er wechselt in den Längs- und Querachsen seine Laufrichtung.Die gegenständige Ausrichtung der Vögel zueinander (Inv.4594 und 4600) legt nahe, dass die beiden Einsätze an gegenüberliegenden Seiten in ein Gewebe eingearbeitet waren, zum Beispiel im Schulter- oder Kniebereich einer Tunika, in den Ecken einer Kapuze oder eines Tuches. Die geringe Größe der Einsätze und die niedlichen Motive lassen vermuten, dass sie ein Textil schmückten, das für ein Kind gedacht war. Dekors in vergleichbarer Größe und mit ähnlichen Motiven sind jedenfalls auf Kinderkleidung aus dem spätantiken Ägypten nachzuweisen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 26-27, Nr. 8a(Cäcilia Fluck 2017)

Pfeilförmiger Einsatz

Pfeilförmiger Einsatz

Das Fragment zeigt einen pfeilblattförmigen Einsatz, dessen Größe und Motiv dem des Fragmentes MBK Inv. 4650 entspricht. Sie stammen dennoch nicht vom selben Textil, denn sie sind in unterschiedliche Grundgewebe eingewirkt worden. Das Gewebe von dem hier vorliegenden Fragment besteht aus ungefärbter Wolle. Die Spitze des Pfeilblatts weist nach rechts. Ein dunkles Wellenband auf hellem Grund, der sogenannte „laufende Hund“, formt die Konturen des Blattes. Er umschließt den Blattstiel mit einer dunklen, von Kelchblättern eingefassten Knospe an einem nicht erhaltenen Stängel sowie ein rotgrundiges Bildfeld in der Mitte, auf dem ein schwebender Eros als nackter Knabe mit nach hinten überkreuz ausgestreckten Beinen dargestellt ist. Der Körper des Eroten ist durch dunkle Linien umrissen, Binnenzeichnungen sind ebenfalls mit dunkler Wolle ausgeführt. Der Eros bewegt sich nach rechts. Er wendet seinen Oberkörper zurück. Um den Hals hat er ein ockerfarbenes Manteltuch geschlungen, dessen Zipfel unterhalb des rückwärts gebogenen Arms zum Vorschein kommt. Mit den Armen umfasst er ein überproportional großes, gefiedertes ockerfarbenes Blatt. Den Kopf des Eros umgibt ein Nimbus. Beidseitig über den Schultern sind kleine Flügel zu erkennen.Seit dem Hellenismus wird der Liebesgott Eros als nacktes Kleinkind mit Pfeil und Bogen und wie hier meist mit Flügeln wiedergegeben. Eroten, die vervielfältigten Gestalten des Eros, sind insbesondere in der römischen Kaiserzeit bis weit in die Spätantike hinein bei der Ausführung unterschiedlichster Aktivitäten dargestellt worden. In kindlich-verspielter Manier jagen, ernten, angeln und schwimmen sie; sie fahren Boot, tragen Gegenstände und Tiere, sind bei Gastmahlen zugegen oder veranstalten Wettkämpfe.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 36-37, Nr. 13b(Cäcilia Fluck 2017)

Gewebefragment mit rundem Einsatz

Gewebefragment mit rundem Einsatz

Der runde Einsatz ist mit Resten des umgebenden hellen Grundgewebes ausgeschnitten worden. Die ursprüngliche Funktion des Textils, zu dem er einst gehörte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Die Motive sind in leuchtend bunten Farben eingewirkt: Um ein kleines rundes Medaillon mit Büste in der Mitte sind auf kräftig rotem Hintergrund vier Pflanzenstäbe symmetrisch angeordnet. Sie weisen jeweils mit der Spitze auf das Medaillon im Zentrum hin: In der Längsachse sind zwei Pflanzen mit großer Knospe und seitlich rechtwinklig vom Stiel abzweigenden großlappigen Blättern zu sehen. In der Querachse wachsen aus einem halbkreisförmigen, von fein gezeichneten Voluten umgebenen Sockel zwei längliche Kelchblätter, die eine herzförmige Knospe einfassen.Dazwischen sind in den Diagonalen sich aufeinander zu bewegende kindliche Eroten wiedergegeben, die beiden oberen im weiten Laufschritt, die beiden unteren mit vorgestreckten Beinen. Alle tragen um den Hals ein Tuch in unterschiedlichen Farben, dessen Zipfel hinter dem Rücken flattert. Darüber im Nacken setzen bei den beiden oberen Eroten kleine Flügelchen an. Die Knaben sind nicht vollständig nackt, sondern tragen um die Hüfte einen schmalen Lendenschurz. Sie halten eine rote bzw. grün-braune Ente vor sich. Dieses Motiv geht auf die Ikonographie der Jahreszeiten-Personifikationen in Gestalt von Eroten zurück. In dieser Wirkerei sind sie weder durch spezielle Kleidung noch Attribute näher gekennzeichnet und können daher keiner der vier Jahreszeiten zugeordnet werden. Sie dürften hier in erster Linie dekorativen Charakter haben.Die umlaufende Randzone setzt sich aus zwei Bahnen zusammen. Die äußere zeigt auf dunklem Grund bunte, aneinander gereihte Chevrons, während in der inneren auf gelbem Grund ein grün ausgeführter Bogenfries mit Punkten dazwischen verläuft.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 42-43, Nr. 16(Cäcilia Fluck 2017)

Runder Besatz mit Eroten und Tieren

Runder Besatz mit Eroten und Tieren

Der runde Besatz diente vermutlich zum Schmuck einer Tunika im Schulter- oder Kniebereich. Während beispielsweise der Dekor von Tunika Inv. 9104 direkt in das Grundgewebe eingewebt wurde, ist dieser Besatz mit weiteren zugehörigen Teilen im Set separat gewirkt und im Nachhinein aufgenäht worden. Dem ursprünglichen Kontext einmal entnommen, sind ehemalige Ein- und Besätze auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden. Für Einsätze werden immer die Kettfäden des Grundgewebes verwendet, die am Übergang zur Wirkerei oft zwei-, drei- oder vierfach gebündelt, aber niemals gezwirnt werden. Die Kettfäden von Besätzen dagegen bestehen in der Regel aus gezwirnten Kettfäden. Beim runden Besatz sind sie an der oberen, leicht beschädigten Kante sichtbar. Die gut erhaltenen, bunten Farben des Dekors vermitteln einen Eindruck von der Farbenvielfalt und Prächtigkeit spätantiker Kleidung.Im Zentrum bewegt sich auf rotem Grund ein nackter Eros nach rechts. Im vorgestreckten Arm hält er einen Fruchtkorb. Auf seinem Rücken flattert ein Mantelzipfel. In der breiten, umlaufenden grüngrundigen Bildzone sind in symmetrischer Anordnung links und rechts stilisierte Löwen, oben und unten Fruchtkörbe und in den Diagonalen schwebende, dickbäuchige Eroten mit oranger Haarkappe und kleinem sichelförmigen Flügel über dem Rücken zu sehen. Gegenüber Inv.9825 sind vor allem die figürlichen Bildmotive nicht mehr naturalistisch ausgeführt sondern deutlich abstrakter gestaltet. Die Formen sind aufgelöst, die Körperteile wirken wie aneinander gefügte „Bausteine“. Herzförmige Blätter, E-förmige und kleine rechteckige Motive füllen die Zwischenräume. Außen verläuft ein Band aus polychromen, sogenannten Chevrons (verzahnte V- oder W-förmige Ornamente).Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 40-41, Nr. 15(Cäcilia Fluck 2017)

Fragmente von zwei quadratischen Einsätzen

Fragmente von zwei quadratischen Einsätzen

Das Fragment einer ursprünglich quadratischen Wirkerei zeigt Reste eines Kreisgeflechts in dunkler Farbe auf hellem Grund. Im Kreis oben links ist ein kniender Eros in der üblichen Wiedergabe als kleiner nackter Knabe dargestellt. Die kleine Gestalt wendet sich nach rechts, wobei sie im ausgestreckten Arm einen Kranz vor sich hält. Um ihren Hals ist ein grünes Tuch geschlungen, dessen Zipfel hinter dem Rücken flattert. Die dunkel-purpurfarbenen Punkte im Hintergrund deuten Blattmotive an. Ein weiterer Kreis mit entsprechendem Motiv ist rechts oben zu ergänzen. Erhalten ist nur noch der ausgestreckte Arm des Eros, der eine ockerfarbene Frucht hält. Im beschädigten mittleren Kreis ist eine nach links blickende Wachtel mit rotem Schnabel, umgeben von grünen Blattzweigen zu sehen. Die Halbkreise an der linken und oberen Seite enthalten kelchförmige Schalen mit roten Früchten (Granatäpfel?). Kleine Reben mit drei- und einlappigen Blättern und roten Trauben, welche von den Windungen des Halbkreises abzweigen, füllen den Hintergrund. Mit ihren wohlproportionierten Figuren, den fein aufeinander abgestimmten Farben, der ausgewogenen Bildkomposition und nicht zuletzt wegen der handwerklich geschickten Ausführung gehört diese Wirkerei zu den besonders qualitätvollen Beispielen spätantiker Webkunst.Quadratische Einsätze mit einem Geflecht aus fünf Kreisen und in symmetrischer Anordnung wiederkehrenden Motiven wie beim vorgestellten Exemplar sind zahlreich erhalten. Sie sind ein typisches Dekorationselement in Kissen oder Leinendecken aus Schlingengewebe, in die sie direkt eingewirkt wurden. Charakteristisch ist die Ausführung des Musters in überwiegend dunkler Farbe auf hellem Grund. Bunte Farbtupfer sind für bestimmte Details als besonderer optischer Reiz eingearbeitet. In der Sammlung des Museums für Byzantinische Kunst befindet sich ein Pendant zu diesem Wirkereifragment, bei dem noch Reste des umgebenden Schlingengewebes erhalten sind (Inv. 9825b). Mehrere Exemplare dieses Typs wurden in Achmim gefunden, weitere verwandte Stücke werden demselben Fundort zumindest zugeschrieben. Man darf annehmen, dass es in Achmim Werkstätten gab, die auf die Herstellung von Decken und Kissen dieser Art spezialisiert waren.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 38-39, Nr. 14(Cäcilia Fluck 2017)

Spielwürfel

Spielwürfel

Die meisten überlieferten Würfel aus der Antike haben wie die heutigen Augenzahlen von eins bis sechs, die so verteilt sind, dass die Summe auf den gegenüberliegenden Seiten immer sieben ergibt. Auf diesem recht sorgfältig geschnittenen Würfel aus Bronze sind jedoch auf fünf Seiten sieben und auf einer Seite fünf Augen in Form von Kreispunktmotiven, die sich hell hervorheben, eingepunzt. Der Fünfer ist wie bei den heutigen Würfeln im „Quincunx“-Schema angeordnet, die Siebener in zwei unregelmäßigen Reihen zu je drei Punkten, zwischen denen mittig ein größeres Kreispunktmotiv liegt. Vermutlich war das Berliner Exemplar für ein ganz spezielles Spiel gedacht, bei dem der Fünfer ein „Trumpf“ gewesen sein könnte.Würfel wurden wie heute u. a. für Brettspiele benötigt. Besonders beliebt waren strategische Würfelspiele, bestehend aus einem in mehrere Felder oder Ebenen gegliederten Spielbrett, in die unterschiedlich viele Löcher gebohrt waren. Eine spätantike Variante des sogenannten „58-Löcher-Spiels“ befindet sich zum Beispiel heute im Louvre (Département des antiquités égyptiennes, Inv. E 11717). In die Löcher waren Spielfiguren in Form von spitzen Stäbchen mit unterschiedlich gestalteten Köpfen (Tier- oder Menschenköpfe in Miniatur, Kugeln, konische oder zylindrische Elemente) für jeden Mitspieler zu stecken. Nach diesem Prinzip wurde bereits in pharaonischer Zeit gespielt. Am weitesten verbreitet war das Senet-Spiel, von dem sich die meisten anderen Spiele ableiten. Das altägyptische Wort snt bedeutet so viel wie „vorbeigehen, passieren“ und erklärt damit den Zweck des Spiels: Spielsteine der beiden Parteien müssen möglichst schnell das Spielfeld durchqueren und verschiedene Hindernisse passieren. Die „Würfel“ für dieses Spiel waren allerdings keine Kuben sondern längliche Stäbchen aus Holz oder Knochen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 56-57, Nr. 24(Cäcilia Fluck 2017)

Blattförmiger Einsatz

Blattförmiger Einsatz

Das Fragment zeigt einen pfeilblattförmigen Einsatz, dessen Größe und Motiv dem des Fragmentes Inv. 6893 entspricht. Sie stammen dennoch nicht vom selben Textil, denn sie sind in unterschiedliche Grundgewebe eingewirkt worden. Das Gewebe von dem hier vorliegenden Fragment besteht aus ockerfarbener Wolle. Die Spitze des Pfeilblatts weist nach links. Ein dunkles Wellenband auf hellem Grund, der sogenannte „laufende Hund“, formt die Konturen des Blattes. Er umschließt den Blattstiel mit einer dunklen, von Kelchblättern eingefassten Knospe an einem langen Stängel sowie ein rotgrundiges Bildfeld in der Mitte, auf dem ein schwebender Eros als nackter Knabe mit nach hinten überkreuz ausgestreckten Beinen dargestellt ist. Der Körper des Eroten ist durch dunkle Linien umrissen, Binnenzeichnungen sind ebenfalls mit dunkler Wolle ausgeführt. Der Eros bewegt sich nach rechts. Er wendet seinen Oberkörper zurück. Um den Hals hat er ein ockerfarbenes Manteltuch geschlungen, dessen Zipfel unterhalb des rückwärts gebogenen Arms zum Vorschein kommt. Mit den Armen umfasst er ein überproportional großes, gefiedertes ockerfarbenes Blatt. Den Kopf des Eros umgibt ein Nimbus. Beidseitig über den Schultern sind kleine Flügel zu erkennen.Seit dem Hellenismus wird der Liebesgott Eros als nacktes Kleinkind mit Pfeil und Bogen und wie hier meist mit Flügeln wiedergegeben. Eroten, die vervielfältigten Gestalten des Eros, sind insbesondere in der römischen Kaiserzeit bis weit in die Spätantike hinein bei der Ausführung unterschiedlichster Aktivitäten dargestellt worden. In kindlich-verspielter Manier jagen, ernten, angeln und schwimmen sie; sie fahren Boot, tragen Gegenstände und Tiere, sind bei Gastmahlen zugegen oder veranstalten Wettkämpfe.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 36-37, Nr. 13a(Cäcilia Fluck 2017)

Puppentunika

Puppentunika

Die kleine Tunika gehört zu den bemerkenswertesten Objekten der Textilsammlung des Museums für Byzantinische Kunst. Die geringen Ausmaße lassen keinen Zweifel daran, dass sie für eine Puppe gedacht war. In ihrer Form und Verzierung ahmt sie die römische Tunika nach. Sie ist jedoch nicht in Form gewebt, sondern aus Resten von zwei verschiedenen Leinengeweben zusammengefügt worden. Vorder- und Rückenteil mit den Ärmelansätzen wurden kreuzförmig zugeschnitten, gefaltet, zusammengenäht und mit einem horizontalen Halsschlitz versehen, dessen Kante sorgfältig versäubert ist. Danach fügte man die unteren Ärmelhälften an. Sie fallen im Verhältnis zum Vorder- und Rückenteil ungewöhnlich eng aus.Der Dekor der kleinen Tunika besteht aus clavi, einer Saumborte und schmalen Borten, von denen Reste an den Ärmelenden und um den Halsschlitz bewahrt sind. Alle dürften wie auch das Grundgewebe von abgelegten Kleidungsstücken stammen und weiter verwertet worden sein. Die im Verhältnis zu den Gesamtmaßen der Tunika ungewöhnlich breiten clavi sind wie üblich spiegelbildlich auf beiden Seiten angebracht, so dass Vorder- und Rückenteil nicht zu unterscheiden sind. Sie reichen bis an die Seiten und sind dort mit in die Naht eingefasst. Einer der clavi reicht nur ungefähr bis zur Mitte der Tunika. Der untere Teil ist nicht etwa zerstört, sondern dem "Schneider" ist offenbar das Material ausgegangen, denn eine Vorstichreihe an der unteren Schmalkante, die den clavus mit dem Grundgewebe verbindet, spricht dafür, dass er hier endete. Die clavi sind mit einem Muster aus grünen, abwechselnd ganzen und halbierten Ovalen und Rosetten mit bunter Binnenzeichnung auf rotem Grund verziert. Gelbe Rosetten und blaugrundige, mit Sternrosetten gefüllte Kreise schmücken die ebenfalls rotgrundige Saumborte. Die Bortenreste an den Ärmeln und um den Halsschlitz bestehen aus blauer Wolle und zeigen noch Reste eines hellen geometrischen Musters in Lanciertechnik.Miniaturausgaben von Tuniken sind in der Masse ägyptischer Textilien aus spätantiker Zeit nur sehr selten nachzuweisen. Mit ihnen wurden aus Holz, Bein oder Lumpen gefertigte Puppen bekleidet [Holzpuppe mit gewebter Tunika, MBK Inv. 10779, 1936 von Albert Figdor angekauft, angeblich aus Achmim (seit dem Krieg vermisst)]. Die wenigen Objekte mit gesichertem Fundkontext stammen aus Kindergräbern. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass sie als Spielzeug dienten. Dafür sprechen zudem die strapazierfähigen, bruchsicheren und teilweise wiederverwerteten Materialen, aus denen die Püppchen und ihre Garderobe hergestellt wurden. Manche Forscher halten sie zwar für magische Objekte, doch sind konkrete Indizien, die auf eine Verwendung im magischen oder religiösen Zusammenhang deuten, aus Ägypten für die Spätantike nicht bekannt.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 50-51, Nr. 20(Cäcilia Fluck 2017)

Sogenannter Theusebios-Sarkophag

Sogenannter Theusebios-Sarkophag

Aus einem älterem Architekturteil gearbeitet, wurde der Kasten des 4. Jahrhunderts später nochmals verwendet und mit einem ebenfalls umgearbeiteten Architekturteil als Deckel versehen. Dieser trägt ein Christusmonogramm und nennt in der zweispaltigen Inschrift ein dreizehn Monate altes Kind namens Theusebius, dessen Unschuld, Getauftsein und christliche Tugenden die Eltern Rufinus und Severa wortreich preisen in der Gewissheit, dass ihr Sohn „von Christus wiedergeboren“ wurde und den „Sitz des ewigen Lebens“ erlangt hat. Die Bildszenen – Maria mit dem Christuskind, den drei Magiern (einer davon im Hintergrund), der verstorbene Knabe im Habitus des Betens zwischen zwei bärtigen Aposteln (?), Noah in der Arche sowie das Quellwunder des Petrus – weisen auf Taufe, Glaube und Errettung. Kindersarkophage haben sich in großer Zahl erhalten und zeugen von der hohen Kindersterblichkeit der Antike. Überaus selten ist die antike Version der Heimreise der drei Magier: Sie entfernen sich ohne Geschenke von Maria und dem Kind, blicken aber noch einmal zu dem stehen gebliebenen Stern zurück. Bevor sie ihre Rückkehr antraten, wurde ihnen im Traum geboten, auf keinen Fall zu Herodes zurückzukehren (Matthäus 2, 12). Andere Quellen sprechen von der Erscheinung eines „Engels in Gestalt jenes Sterns, der ihnen zuvor Wegführer gewesen“ (Arabisches Kindheitsevangelium 7). In diesem Bild richtet der Stern mit eigener Stimme jenes Gebot an die bereits aufbrechenden Magier. Nur zwei weitere, erheblich spätere Sarkophage (ehemals in Marseille, jetzt verschollen und Mailand, San Celso) wiederholen das in der frühchristlichen Kunst bisher noch nicht identifizierte Bildthema. Seine frühesten Darstellungen glaubte man erst im beginnenden Mittelalter fassen zu können. Diese unterscheiden sich allerdings durch die Darstellung dreier schlafender Magier, denen ein Engel erscheint, der das Traumgebot verkündet.

Rechte Ecke vom Kasten eines einzonigen Fries-Sarkophags

Rechte Ecke vom Kasten eines einzonigen Fries-Sarkophags

Das Fragment stammt von der rechten Ecke eines nur an der Front dekorierten Sarkophags, doch greift das Relief ein wenig auf die Nebenseite über: Ein Jüngling mit lang gelocktem Haar schreitet nach rechts und blickt dabei zur Bildmitte zurück. Er ist mit einer langen, gerafften Ärmeltunika bekleidet, die untergegürtet ist und einen Bausch bildet. Um den Hals trägt er einen gedrehten Metallreif (torques) mit broschenförmiger Schließe. In beiden Händen hält er einen Teller, auf dem Zweige und ein gebratener Vogel liegen. An der Nebenseite wird sein linker Arm mit einem flatternden Handtuch sichtbar. Zwischen seinen Beinen sitzt am Boden ein Vogel (Gans?). Sein rechtes Bein wird vom linken Fuß (mit Stiefel) einer benachbarten Dienerfigur überschnitten. Diese hält in ihrer gesenkten Linken als Teil einer Waschgarnitur eine Griffschale, wie man sie beim Mahl zur Handwaschung gebrauchte. Im Hintergrund, der durch einen Vorhang (parapetasma) abgeschlossen wird, erscheint ein weiterer zurückblickender Diener mit einem Torques. In der Mitte des Sarkophagkastens hat man sich den auf einer Kline zum Mahle gelagerten Grabherrn und seine am Fußende oder auf einem Sessel sitzende Gattin vorzustellen, verbunden mit weiteren Dienerfiguren. Haartracht, Kleidung und vor allem die Torques kennzeichnen die Jünglinge nicht als gewöhnliche Mahldiener, sondern gleichsam als Kultdiener, die dem Entrückten Verstorbenen zum ewigen Freudenmahl aufwarten.