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Die Beweinung Christi

Ident. Nr.: 1059

ObjID: obj:868599

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Puccio di Simone (ca. 1320 - 1360),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1355
Systematik/Art
Weitere Titel
Die Beweinung Christi
Übersetzung: The Lamentation
Geografische Bezüge
Herstellungsort: Italien,
Land
Material / Technik
Pappelholz
Abmessungen
Bildmaß: 19,8 x 37,8 cm
Erwerbung
1821 Ankauf aus der Sammlung des Kaufmanns Edward Solly, Berlin

Objektbeschreibung

Die jüngste Wiederentdeckung von Johannes dem Evangelisten und Johannes dem Täufer erlaubt die Rekonstruktion eines ursprünglich wohl zehnteiligen Altarwerks, von dem sich nun fünf Fragmente (wieder) in der Gemäldegalerie befinden. Gemeinsam mit einer im Museum für Schöne Künste in Gent verwahrten Marienkrönung (Pappelholz, 159,6 × 63 cm, Inv. 1903-A) lassen sie sich in den Inventaren von Sollys Sammlung nachweisen. In der Gründungsphase der Gemäldegalerie trennten sich die Wege der Tafeln räumlich und hinsichtlich ihrer Zuschreibung – ein Umstand, der sich auch im heutigen Erhaltungszustand widerspiegelt. 

1837 wurden Johannes der Evangelist und der Täufer als Werke Spinello Aretinos (um 1350 – vor 1411) dem Westfälischen Kunstverein Münster als Dauerleihgabe überwiesen. Neben Deakzession, im Zuge dessen die Marienkrönung und möglicherweise auch die übrigen Predella-Fragmente die Sammlung verließen, sahen Kultusminister Altenstein und Galeriedirektor Waagen in Dauerleihgaben ein probates Mittel, preußische Kulturpolitik mit den unzureichenden Depotkapazitäten im Museum zu verbinden. Der Galeriekonzeption in der Hauptstadt entsprechend, folgte die Auswahl der für die Provinzmuseen in Königsberg, Breslau oder Münster bestimmten Gemälde didaktischen Prämissen; ausgehend von Giotto und seiner Schule sollte die Stilgeschichte der Malerei entlang von Klassen und Schulen entfaltet werden, wobei aus dem Werkkontext herausgenommene Fragmente pars pro toto als Vertreter einer Stilrichtung genügten. Allein 60 der insgesamt 81 nach Münster verschickten Gemälde waren italienischer Provenienz und stammten größtenteils aus der Sammlung Solly. Bis zu ihrer Rückgabe im Jahr 1912 waren die Bilder im Münsteraner »Alten Stadtkeller« ausgestellt. Im selben Jahr noch wurden Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist auf Veranlassung Wilhelm Bodes in die katholische Pfarrkirche St. Andreas nach Halberstadt überführt – mit einer höchst ungewöhnlichen Bestimmung: Bode befürwortete die Idee des Pfarrers, einen 1883 als Leihgabe der Königlichen Kunstkammer erhaltenen venezianischen Schnitzaltar durch die Tafeln in seiner Breite vergrößern zu lassen. Im Gegenzug wollte der Museumsdirektor drei im frühen 13. Jahrhundert angefertigte eicherne Briefladen aus Pfarreibesitz dem Berliner Kunstgewerbemuseum zuführen. Der Tausch kam nicht zustande, doch die Tafeln flankierten, mit einfachen Scharnieren befestigt – Johannes der Evangelist links, Johannes der Täufer rechts –, das Hochaltarretabel der Bettelordenskirche bis zu ihrer Zerstörung im April 1945. Rechtzeitig geborgen, schmückten sie nach dem Krieg in Unkenntnis ihrer Geschichte und Provenienz die Gemeinderäume des anliegenden Franziskanerklosters. Da der ohne Registrierung erfolgte Vorgang in Vergessenheit geriet, wurden die Tafeln, ohne Abbildungen, in der Dokumentation der Verluste und der Lost-Art-Datenbank publiziert. Die Wiederentdeckung veranlasste das Kloster zu ihrer Rückführung in den Bestand der Gemäldegalerie, die im Herbst 2019 erfolgte.
 
Seit der Zerteilung des Polyptychons blieben auch die Heiligen Laurentius und Katharina als Paar zusammen. Von Beginn an in der Berliner Schausammlung vertreten, wurden sie in einem im Stil des Trecento gehaltenen Rahmen vis-à-vis gegenübergestellt und so zu einer Tafel vereint. Als »Giotto in Zeit und Art nahe verwandt[,] womöglich Giovanni da Milano«, wurde das Paar 1884 der Universitätssammlung Göttingen als Dauerleihgabe übergeben; 1976 kehrte es zurück in die Dahlemer Gemäldegalerie

Die vier Tafeln gleichen Formats werden jeweils von einem aus elf Segmenten bestehenden Spitzbogen bekrönt und zeigen einen Heiligen vor einem Goldgrund – den auf Felsen stehenden Täufer ausgenommen – auf blütenverziertem rotem Teppich. Der von dem Dominikaner Jacobus de Voragine verfassten Legenda Aurea zufolge war Katharina von Alexandrien eine gottgeweihte Jungfrau, die mit ihrer Gelehrsamkeit fünfzig Philosophen zur Taufe bewegte. Die edelsteinbesetzte Lilienkrone, der Palmwedel in ihrer Hand, das Buch vor ihrer Brust sowie die mit Nägeln gesäumten Radhälften verweisen allesamt auf ihr Martyrium und ihre Erhebung in den Stand der Heiligen. Sie ist in einem roten Untergewand und einem blauen Mantel gekleidet, der von einer geometrisch gemusterten Bordüre und einer pseudo-kufischen Inschrift gesäumt wird. Dieselbe Kombination, allein in umgekehrter Farbgebung, schmückt Johannes den Evangelisten. Sein roter Mantel hebt sich kontrastreich von dem ehemals grünblauen, heute schwarzen, Innenfutter ab und schmiegt sich von der linken Schulter um seinen Körper. Die kirchliche Tradition identifizierte den Lieblingsjünger Jesu, der hier an der Ehrenseite, heraldisch rechts der Mitteltafel, verortet wird, mit dem Evangelisten. Einen Federkiel haltend schreibt er in ein goldschnittverziertes Buch den Beginn seines Prologs: »INPR / I[mis erat verbum et verbum erat cum] DE[um]« – Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott (Joh 1,1). Johannes der Täufer steht auf einem felsigen, mit einem Bach und zarten Pflanzen belebten Untergrund, dem Betrachter zugewandt. Der Bußprediger, dessen Blick und Zeigegestus in gegensätzliche Richtungen weisen, hält in seiner Linken einen Doppelkreuzstab. Seine lockigen Haare fallen auf sein Hemd aus Kamelhaar, das unter einem rötlichen Übergewand zum Vorschein tritt. Laurentius war römischer Diakon unter Papst Sixtus II. und fand sein Martyrium auf einem Rost, wie es ihm als Attribut beigestellt wird. Seinem liturgischen Amt entsprechend trägt der Heilige, der unter anderem Stadtpatron von Perugia ist, einen blauen Manipel um den linken Unterarm, ein Evangelistar sowie eine prunkvolle Dalmatika, von deren Rot sich kostbare Seidenmuster abheben. 

Die bisherige Hypothese, wonach die Heiligen Laurentius und Katharina die Genter Marienkrönung flankierten, kann nun bestätigt und komplimentiert werden: Zum einen ist auf den sammlungsgeschichtlichen Zusammenhang der fünf Bilder zu verweisen, die alle aus der Sammlung Solly stammen und auf einem zu unbekannter Zeit erstellten Etikett »Giotto« zugeschrieben wurden. Zum anderen ist die Marienkrönung rückseitig mit einem preußischen Adlerstempel und dem in Tinte verfassten Zusatz »T. N. Nr. 8« bezeichnet, womit auf die im Winter 1820/21 durch den Berliner Akademieprofessor Ernst Heinrich Toelken vorgenommene Teilinventarisierung der Sammlung Solly verwiesen wird. Wohl vor 1871, dem Todesjahr des Genter Schriftstellers und Vorbesitzers Philipp Bloemmart, gelangte die Tafel auf den Kunstmarkt. Danach ging sie in den Besitz des Universitätsprofessors Hulin de Loo, der sie 1903 wiederum dem Museum mit einer Zuschreibung an die »Schule des Orcagna« überantwortete. Neben den fortlaufenden Inventarnummern auf der Rückseite, den stimmigen Maßangaben und dem stilistischen Befund sind die qualitätsvollen Punzierungen, also die technische Behandlung des Goldgrunds durch Einschlagen oder Eindrücken von Punzenstempeln, hervorzuheben. Entlang des Bildrandes weisen alle Tafeln eine fortlaufende Reihung von Arkaden auf, die im oberen Abschluss zusammentrifft. Die Bogenfelder hingegen sind mit einem dreiteiligen Pflanzenmotiv gefüllt, das aus einem umlaufenden Band emporwächst. Besonders aufwendig sind die Motivpunzen der Heiligenscheine gestaltet. Johannes der Evangelist und Johannes der Täufer zeigen ineinandergreifende Palmettenmotive, die Aureole der Heiligen Katharina ziert ein regelmäßiges Muster von Punkt-, Rauten- und Kreispunzen, während der Heilige Laurentius mit sechsblütigen Rosenzweigen ausgezeichnet wird – eine Motivpunze, die in umgedrehter Laufrichtung auch Maria der Mitteltafel schmückt. Verschiedene Altarbilder aus der Werkstatt Bernardo Daddis (um 1295 – um 1348) und Puccio di Simones weisen am unteren Rand eine Inschrift auf, wie sie unter der Marienkrönung zu lesen ist (AVE.MARIA.GRATIA.PLENA.D[OMI]N[U]S.T[ECUM]). Es bleibt offen, ob auch die Seitentafeln in dieser Form bezeichnet waren und möglicherweise den Namen des jeweiligen Heiligen nannten. 

Das in Berlin verwahrte Fragment der Beweinung Christi wurde 1830 als Werk der »Schule des Taddeo Gaddi« in der Galerie ausgestellt. Die Szene spielt sich vor einem schmalen Balkenkreuz ab, das noch die Maserungen eines Astloches und die Blutspuren erkennen lässt. In einer Felsensenke nehmen die Trauernden um den vom Kreuz Genommenen Platz, wobei sich die in einem schwarzen, goldbemusterten Gewand gekleidete Maria zärtlich über ihren Sohn neigt. Zu beiden Seiten gruppieren sich vier Frauen um den überlangen, auf weißen Linnen ruhenden Körper. Von links treten Josef von Arimathäa und Johannes zu der Gruppe und weisen tröstend auf ihren toten Herrn. Die rhythmische Anordnung der Trauernden, nuanciert aufeinander abgestimmt in Gestik und Farbgebung der Kleider, sowie die psychologische Dichte des Geschehens zeugen von einer engen Vertrautheit mit den künstlerischen Innovationen Giottos. In der Tat gibt es Hinweise, wonach Puccio di Simone mit dessen Werkstatt in Verbindung stand, hier womöglich eine Ausbildung erhielt. Die frühesten bekannten Schriftquellen datieren in die Jahrhundertmitte: Puccio war 1346 und 1348 in der Malerzunft von Florenz, der Arte dei Medici e Speziali eingeschrieben; ein in Pistoia 1348/49 erstelltes Dokument rechnet ihn zu den bedeutendsten Malern von Florenz. Womöglich beteiligte sich Puccio an der von der Giotto-Werkstatt ausgeführten Ausmalung der Kapelle im Palazzo del Podestà und griff bei der Anfertigung des größten in Florenz erhaltenen bemalten Kreuz, der croce dipinta von San Marco, auf Entwürfe des Meisters zurück. Zu überprüfen wäre, ob Vasaris Aussagen über den in Umbrien und in der Toskana tätigen Gehilfen Giottos, Puccio Capanna, auf Verwechslungen mit Puccio di Simone beruhen. Nach dem Tod Giottos kam dem wohl um 1320 geborenen Maler in der Werkstatt Daddis eine zentrale Rolle zu. Zusammen fertigten beide in den 1340er-Jahren mehrere Altarwerke an, deren Händescheidung nicht abschließend geklärt ist. Nach Daddis Tod übernahm Puccio dessen Werkstatt in der Via Larga, einschließlich zahlreicher Punzenstempel. 

Die Verbindung Daddi–Puccio ist für die hypothetische Rekonstruktion und Provenienz des Polyptychons von Bedeutung. Der junge Connaisseur Richard Offner brachte 1925 die Beweinung mit einer Geburt Christi (New York, Metropolitan Museum, Inv. 1975.1.105) und der ungewöhnlichen Darstellung der Ohnmacht Mariens (Kopenhagen, Statens Museum, Inv. 3756) zusammen und legte damit den Grundstein für die Kunstgeschichtsforschung zu Puccio di Simone; Miklos Boskovits verband 1987 erstmals die Predella, die unterdessen um eine Verkündigung (Privatsammlung, England) erweitert worden war, mit der Genter Marienkrönung und den Heiligen Laurentius und Katharina. Einer rückseitigen Inschrift auf dem Kopenhagener Fragment zufolge stammt das Altarwerk aus dem Dominikanerkloster in Perugia. Die Genter Marienkrönung ist eine leicht veränderte Wiederholung des von Bernardo Daddi gemalten Altarbildes für die Hauptkirche desselben Ordens in Florenz, Santa Maria Novella (Florenz, Galleria dell’Accademia, Inv. No. 3449). Die Vermittlung des Auftrags an Puccio in Perugia sowie die Auswahl des Bildthemas könnte demnach leicht durch den bestehenden Kontakt mit den Florentiner Predigern ermöglicht worden sein. Die wohl um 1345 zu datierenden Tafeln fügen sich zu einem ikonografisch und theologisch sinnvollem Ganzen: Die Predella zeigt mit Verkündigung, Geburt und Kreuzigung, die für das verlorene Mittelstück anzunehmen ist, die wesentlichen Ereignisse der Heilsgeschichte, kontempliert durch Maria. Die »freudenreichen Geheimnisse« (Verkündigung und Geburt) werden dabei den »schmerzhaften« (Kreuzigung und Beweinung) ihres Lebens gegenübergestellt, wobei die auf dem Kopenhagener Fragment gezeigte, höchst selten dargestellte Ohnmacht Mariens eine Extremform der Trauer schildert. Die dramatische Unterredung der als Witwe gekleideten Muttergottes mit dem im Grab ruhenden Christus entspricht Frömmigkeitstendenzen, die besonders in der Ordenskultur des 14. Jahrhunderts präsent waren. Sinnvollerweise findet diese Katabasis ihre Bestimmung und Vollendung in dem »glorreichen Geheimnis« der himmlischen Hochzeit und Krönung Mariens durch ihren erhöhten Sohn. 

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Stillleben mit toten Vögeln

Stillleben mit toten Vögeln

Auf einer vom Bildrand angeschnittenen Tischplatte sind mehrere tote Vögel arrangiert: Ein Rebhuhn liegt kopfüber auf einem Holzeimer mit Bügel im Hintergrund, die Krallen nach links ausgestreckt. Bei dem auf einen Zweig gespießten Vogel in der Mitte handelt es sich vermutlich um eine Drosselart. Es war üblich, Drosseln mit leimbestrichenen Zweigen zu fangen. Links vorne liegt ein großer Buntspecht, rechts daneben ein Wiedehopf. Als Autor des kleinen ovalen Gemäldes vermutete man früher den Leidener Maler und Zeichner Philips Angel, den Verfasser des bedeutenden Traktats „Het Lof der Schilderkonst“ („Lob der Malerei“). Tatsächlich stammt das Berliner Bild jedoch von der Hand seines Großcousins, des gleichnamigen Middelburger Stilllebenspezialisten und Radierers.| Britta BodeSIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. unten: P Angel 1650_______________________________________________________________________________________________________________________________________On a table, cut into by the edge of the painting, several dead birds are arranged in different poses. A partridge lies upside-down on a wooden basket with a hanger in the background, claws stretched out to the left. Corresponding with the capturing technique of the time, the thrush is skewered up with a glue covered twig. In the front, left, lies a woodpecker, right next to it a Eurasian hoopoe. This hand-palm sized oval has been formerly attributed as one of the lesser known works of Leidener painter and draughtsman Philips Angel. Angel was the author of the important treatise „Het Lof der Schilderkonst“ („Praise to art”). The Berlin painting, however, has been attributed to his great-cousin, a Middelburg still-life specialist and etcher by the same name.| Britta Bode

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

An einem rasenbedeckten Hang ruht die Heilige Familie. Maria sitzt am Rain eines rechts vorbeiführenden Weges, das Kind in ihrem Schoß. Dahinter steht Joseph, den Hut in der Hand, und stützt sich auf seinen Stab. Drei prächtig gekleidete Engel in der Mitte singen und flöten. Einer der fünf nackten Engelputten hört ihnen zu, ein anderer schläft, den Kopf auf einem bemoosten Klotz hinten bei der Quelle. Dort schöpft ein anderer Wasser in eine seitlich geöffnete Pilgerflasche. Ein Engel bringt dem Christkind blühende und fruchttragende Erdbeerstauden, ein anderer einen flatternden Vogel, einen Papagei. Vielerlei Pflanzen, darunter Himmelsschlüssel, Distel, Akelei und Erdrauch, geben dem Ort den Anschein eines blühenden Gartens. Die Szene wird nach hinten abgeschlossen durch den aufsteigenden Hang links, auf dem um die frische Fichte herum grüne und dürre Bäume stehen, durch die altersgraue Tanne in der Mitte und durch die Birke rechts im Bild. Im Hintergrund erblickt man Berge und Gebirgszüge. Die Darstellung des Geschehens ist ungewöhnlich und mit zahlreichen legendären und symbolischen Anspielungen durchflochten. Der blühende Garten im Vordergrund, von der Bergwelt hinten abgeschlossen, ist als ein Platz der Freude und des Geborgenseins zu verstehen. Mehrere Pflanzen findet man da, die auf Maria und Christus oder auf mit ihnen verbundene Ereignisse anspielen. Die Erdbeere gilt als eine Frucht des Paradieses. Die Akelei wie auch der Himmelsschlüssel sind Pflanzen, die sinnbildhaft auf Maria und Christus und auf die Passion hindeuten. Auch die Distel, als eine dornentragende Pflanze, erinnert an die Dornenkrone und das Leiden Christi. So mischt sich in das Bild der Freude auch der Hinweis auf die kommende Leidenszeit. Die Quelle, die aus dem Hang sprudelt, entsprang nach der Legende auf ein Wort des Christuskindes, um die ermüdeten Reisenden zu erquicken. Sie verwandelte zugleich den wüsten Platz in einen Garten. Auch die musizierenden und spielenden Engel gehören in diesen Zusammenhang. Durch die symbolische Ausdeutung der Umgebung und die Erscheinung der Engel wächst dem Ort die Qualität eines Paradiesgartens zu. Der Ort der Ruhe auf der Flucht ist zugleich ein Ort himmlischer Freuden. Graphische Vorlagen Dürers wie die Heilige Familie mit den Hasen von 1496/97 haben anscheinend die Bildgestalt Cranachs mit bestimmt. Einige Motive der Darstellung sind dort vorgebildet. Cranach hat später, 1509, die Komposition in Holzschnitten noch einmal verarbeitet. Eine ziemlich getreue Kopie des Gemäldes wird in Wien verwahrt. Ihre Existenz deutet darauf hin, daß unser Gemälde von Cranach noch vor seiner Abreise aus Wien gemalt wurde. Das Gemälde ist das erste von Cranach signierte und datierte Werk. Die Rekonstruktion und Sicherung der Malerei Cranachs vor seiner Wittenberger Zeit wäre ohne die Kenntnis dieses Bildes kaum möglich gewesen. Lange Zeit war es nur durch Beschreibungen, aber kaum durch Anschauung bekannt. 1892 wurde es auf einer Ausstellung in München erstmals gezeigt. Dieses Ereignis bestimmte die Forschung über Cranachs Frühzeit wesentlich mit. Das Gemälde ist eines der frischesten und künstlerisch bedeutendsten Werke Cranachs überhaupt. Wilhelm H. Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: am unteren Rand: Monogramm LC (auf einem Zettel) und Datum 1504___________________________________________________________________________________________The Holy Family is resting on a grassy slope. Mary sits on the edge of a path on the right, the child in her lap. Joseph stands behind her holding his hat in his hand and leaning on his staff. Three sumptuously dressed angels stand in the middle singing and playing flutes. One of the five naked angel cherubs is listening to them, another is asleep resting its head on the mossy hill behind, near the spring. There, a third cherub is drawing water into a pilgrim’s flask with an opening at the side. An angel brings the Christ child strawberry plants in flower and in fruit; another brings a bird flapping its wings, a parrot. The many varieties of plants, among them cowslips, thistles, columbine and fumitory, give the place the appearance of a flowering garden. The scene is enclosed from behind by the hillside rising on the left on which both green and dead trees stand around the young spruce, by the aging grey fir tree in the middle and by the birch on the right. Mountains can be seen in the background.The depiction of the scene is unusual because of the numerous legendary and symbolic allusions that are woven in. The flowering garden in the foreground, enclosed by the mountains in the background, can be interpreted as a place of joy and as a sanctuary. Several of the plants are allusions to Mary and Christ or to events connected with them. The strawberry is considered to be a fruit of paradise, while the columbine and the cowslip stand for Mary and Christ and refer to the Passion. The thistle, too, as a thorny plant recalls the crown of thorns and the suffering of Christ. Thus, the joyous scene is marred by allusions to the suffering to come. According to legend, the spring began bubbling out of the hillside at the Christ child’s bidding in order to quench the thirst of weary travellers. At the same time, it transformed the barren place into a garden to which the playing and music-making angels also belong. The symbolic interpretation of the surroundings and the appearance of the angels lends the place the quality of a garden of paradise. The resting place during the flight is simultaneously a scene of heavenly joy.Dürer’s graphic models for the painting, such as the Holy Family with the Rabbits from 1496/97, apparently also had an influence on Cranach’s composition. Some of the motifs are already present there. Later, in 1509, Cranach reworked the composition in woodcuts. A copy of the painting that is highly faithful to the original is preserved in Vienna. Its existence suggests that the Cranach in question here was painted before the artist left Vienna.This is the first work to be signed and dated by Cranach. Without knowledge of this painting, it would have been well-nigh impossible to reconstruct and reliably attribute Cranach’s pre-Wittenberg oeuvre. For a long time, it was known only through descriptions but without actually having been seen. It was shown for the first time at an exhibition in Munich in 1892. This event played a major role in subsequent research into Cranach’s early period. The painting is one of the freshest and artistically most significant works that Cranach ever produced. Wilhelm H. Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Friedrich der Große vor der Schlacht bei Torgau

Friedrich der Große vor der Schlacht bei Torgau

Im Jahre 1741 trat Rode in die Werkstatt des preußischen Hofmalers Pesne ein. Hier konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten optimal erschließen. Sicher auch auf dessen Anregung hin begab sich Rode um 1749 auf eine mehrjährige Studienreise nach Paris. Anfang der fünfziger Jahre weilte er gemeinsam mit dem Maler Adolf Friedrich Harper in Rom und Venedig. Hier hatten es ihm die glühenden Farben der Bilder von Tizian und Tintoretto angetan. Seit etwa 1753 lebte Rode wieder in Berlin. Die Erfahrungen der Studienreisen prägten sein künstlerisches Selbstverständnis. Mit nur unwesentlichen Modifikationen behielt er seinen Stil bis zum Lebensende bei. Seit 1770 wurde Rode in den Unterlagen der Berliner Kunstakademie als »Historien-Mahler« geführt. Mehrfach hatte er bereits erfolgreich für Friedrich den Großen gearbeitet. Dieser muss Rodes Stücke sehr geschätzt haben. So überrascht es nicht, dass er den Maler 1783 umgehend auf die vakante Akademiepräsidentenstelle berief. Mit der Reorganisation der Akademie unter ihrem Präsidenten Rode und dessen Stellvertreter Daniel Nikolaus Chodowiecki im Jahre 1786 ist auch dem neuen allgemeinen Interesse an vaterländischer Geschichte und ihrer Bewahrung in Artefakten entsprochen worden. Fortan unterstützte die Akademie zeitgemäße Kunst durch die Formulierung geeigneter Prämierungsgrundsätze. Sie sollte gewissermaßen »aus der uns allen sehr interessanten Brandenburgischen Geschichte« schöpfen, wie Chodowiecki im Mai 1786 in einem Vortrag äußerte. Einen Höhepunkt bedeuteten die von Christoph Friedrich Nicolai zwischen 1788 und 1792 veröffentlichten sechs Hefte: Anekdoten von König Friedrich II. von Preußen und von einigen Personen, die um ihn waren. Es handelt sich hierbei um eine geprüfte frühe Quellenliteratur. Diese Veröffentlichungen haben auch Rodes Ereignisbilder zur vaterländischen Geschichte maßgeblich bestimmt. Er war der erste Maler in Brandenburg-Preußen, der sich bemühte, Historiographie frei von barockem Pathos in weltliche Ereignisbilder umzusetzen. Damit hatte der Künstler sich weitgehend vom klassischen Historienbild gelöst, wo die Taten exponierter Personen in mythologische oder religiöse Handlungen eingebettet wurden.Ein Zeugnis dieser neuen Reflexionsweise ist unser Gemälde, für dessen thematische Rahmenhandlung ein Hauptgefecht des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) gewählt wurde. Nachdenklich lehnt der König an einer Eiche, die als Kompositionsachse dient. Er behütet den Schlaf seines treuen Dieners, des Husarengenerals Hans Joachim von Zieten. Eine Soldatenfrau, glücklich über das in der Nähe befindliche Feuer, stellt einen Topf mit Kartoffeln in den provisorischen Herd, ohne die Herrschaften zu bemerken. Eifrig facht sie die Glut an, so dass Asche in des Königs Gesicht geblasen wird. Dieser aber lässt sie gnädig gewähren, während er sich mit seinem Mantel schützt. Die Figuren sind in ein gedachtes ungleichschenkliges Dreieck gespannt, wodurch eine geradezu klassische Statuarik entsteht. Eine schöne Landschaft umschließt die Gruppe. Sie ist das Resultat von Rodes vielfältigen Naturstudien im Harz, im märkischen Oderland sowie in Schlesien. Das Licht des Lagerfeuers hebt die Akteure der Haupthandlung hervor. Damit hatte sich Rode die Möglichkeit eröffnet, die Glut eines gedämpften Kolorits zu verwenden, wie er es während seiner venezianischen Studienzeit kennen- und schätzengelernt haben dürfte. Eine flüchtige Zeichnung zur Vorbereitung der Komposition von Rodes Hand wird im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrt. Das Gemälde wurde auf der Berliner Akademieausstellung des Jahres 1793 gezeigt. Es gehört zu einer locker gefügten Fridericiana, die zwischen 1786, respektive 1791, und 1795 entstand. Von den ursprünglich strenggenommen – acht Bildern sind nur vier erhalten. Erstaunlicherweise ist zu Lebzeiten des Malers keines von ihnen verkauft worden. Offenbar entsprachen die hier geschilderten Charaktereigenschaften des verblichenen Königs – Bescheidenheit, Furchtlosigkeit und Witz – sowie die Verwendung zeitgenössischer Kostüme nicht den Vorstellungen des Publikums, dem das zeitlos Erhabene vorzuschweben schien.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Stein: B. Rode / 1791._____________________________________________________________An anecdote relates that the king leant thoughtfully against an oak. He is watching over the sleep of his faithful servant, the Hussar General Zieten. A soldier’s wife is placing a pot of potatoes on the provisional hearth, without noticing the gentlemen. She is fanning the ashes so enthusiastically that ash is being blown in the king’s face. However, he graciously allows her to continue, while he protects himself with his cloak. The glow of the campfire highlights the protagonists. The painting was shown at the 1793 Berlin Academy exhibition (picture no. 2). It belongs to the so-called Fridericiana, a loose set of paintings by Rode created between 1786 and 1795, that were subsequently declared to be a series and depict important events of the biography of Frederick the Great (1712–1786). The Fridericiana ideologically follows the Brandenburgiana, a series of paintings by Rode created between 1757 and 1763 depicting events from Brandenburg-Prussian history.