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Le stryge

Ident. Nr.: SSG 185

ObjID: obj:1065817

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Charles Meryon (1821–1868),
Künstler*in
Datierung
1853
Weitere Titel
Sammlungstitel: Le stryge
Der Vampir
Übersetzung: The Vampire
Geografische Bezüge
Material / Technik
Radierung auf Papier
Abmessungen
Höhe x Breite: 16,9 x 13,3 cm

Objektbeschreibung

Seit seiner Einberufung zur Mitarbeit an der bis in die 1850er Jahre andauernden Restaurierung von Nôtre Dame durch den Architekten Viollet- le-Duc im Jahre 1844 widmete sich Méryon verstärkt der Darstellung des mittelalterlichen Paris. Die Quartiere der Île de la Cité und an den Ufern der Seine boten auch den Schauplatz für Victor Hugos 1831 publizierten Roman „Nôtre Dame de Paris“ (Der Glöckner von Notre-Dame), der Méryons Darstellung von „Le stryge“ (Der Vampir) inspirierte. Für die konkrete bildliche Umsetzung seines steinernen Fabelwesens, einer der nach Entwürfen Viollet-le-Ducs gehauenen grotesken Figuren, die bei den Restaurierungsarbeiten als Ersatz für die stark verwitterten mittelalterlichen Originale an der Balustrade des Nordturms von Nôtre Dame aufgestellt wurden, zog Méryon zudem eine Fotografie von Charles Nègre hinzu, die dieser 1853 aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen hatte. Méryon radierte jedoch keine Kopie dieser Aufnahme, sondern in frei gehandhabter, künstlich gesteigerter Perspektive ein scheinbares Abbild der Wirklichkeit. Die künstlich wirkende Beleuchtung taucht die Szenerie in ein kaltes, unwirkliches Licht, das tiefe Schatten in die Stadtlandschaft zeichnet. Fliegende Raben, mit dem Mythos der dem Tod nahestehenden Galgenvögel behaftet, verstärken die beklemmende Aura der Szenerie. Die Rolle der Chimäre mit ihrer diabolisch-unheimlichen Ausstrahlung – die Stadt bedrohender Dämon oder unheilabwehrendes Schutzwesen – bleibt zunächst diffus. Erst durch die Beifügung eines Textes auf späteren Abzügen definierte Méryon den Charakter von „Le stryge“: „Ein unersättlicher Vampir, die ewige Luxuria, über die große Stadt gebeugt, lechzt sie nach Nahrung.“ | Hanna Strzoda

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

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Figure ambiguë

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„Dada war ein Ausdruck einer Revolte von Lebensfreude und Wut, war das Resultat der Absurdität der großen Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges. Wir jungen Leute kamen wie betäubt aus dem Krieg zurück und unsere Empörung musste sich irgendwie Luft machen.“ (Max Ernst) Aus dieser erschütternden Erfahrung heraus begaben sich die Dadaisten auf die Suche nach einem adäquaten künstlerischen Ausdrucksmittel, welches der von Grund auf veränderten gesamtgesellschaftlichen Situation Rechnung trug. Max Ernst erreichte dies mittels Collagen aus Druckereiabfällen und wissenschaftlichen Büchern, die er wiederholt nach künstlerischen Aufhängern und Impulsgebern durchforstete. In seinem Vorgehen, das bezeichnend für sein weiteres Œuvre ist, löste er seine Fundstücke aus ihrem althergebrachten Zusammenhang und sezierte sie in kleinere Bedeutungs- und Funktionseinheiten. Durch die sich daran anschließende neue und zumeist befremdliche Zusammenstellung der disparaten Objekte wurden völlig neue Konnotationen geschaffen. Insofern kehrte sich Max Ernst mit seinen Collagen von den Papiers collés, wie sie die Kubisten zuvor entwickelt hatten, ab. Vor allem in den Jahren 1919 und 1920 entstanden zahllose Blätter, die zunächst wie biologische Baupläne, Querschnitte durch Zellen oder physikalische Schaltpläne anmuten. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich aber diese als in die Leere laufende Konstruktionen. In dieser Fehlkonstruktion spiegelt sich das Gesellschaftsbild der Dadaisten insofern wieder, als es für sie nach dem Krieg keine funktionierende Gesellschaft, zusammengehalten durch mehr oder weniger allgemeingültige Werte und Normen, mehr gab. Es sind Absagen an ein zunehmend technokratisches Zeitalter. „Rechtzeitig erkannte Angriffspläne“ (SSG 79) spielt mit militärischem Vokabular, gleichzeitig enthüllt die Schalttafel in ihrer Dysfunktion eine nicht existente Bedrohung. Typisch auch für DADA die Neologismen wie „Assimilanzfäden „, die den wissenschaftlichen Anspruch des Dargestellten zunächst verstärken, ja sogar zu legitimieren scheinen, sich aber ebenso wie die Konstruktion als nutzlose (Wort-)Hülse herausstellen. | Katharina Wippermann

Merzzeichnung 229

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"Die Bilder Merzmalerei sind abstrakte Kunstwerke. Das Wort Merz bedeutet wesentlich die Zusammenfassung aller erdenklichen Materialien für künstlerische Zwecke und technisch die prinzipiell gleiche Wertung der einzelnen Materialien.“ So charakterisierte Schwitters seine durchnummerierten Merzbilder (dreidimensionale Assemblagen) und Merzzeichnungen (flächige Collagen), die er 1919 aus dem in einer Collage verwendeten Wort Kommerz einer Anzeige der Kommerz- und Privatbank abgeleitet hatte. Schwitters konstruierte seine Merzzeichnungen aus den Relikten und Fundstücken der modernen Großstadt, verwertete Anzeigen aus Tageszeitungen, Rechnungen, Kalenderblätter, Wertmarken, Fahrscheine und Stoffe, die er als Fragmente der am Krieg zerbrochenen Welt, als Symbole des Zusammenbruchs, der Verzweiflung und der Ausweglosigkeit jener Zeit zum Kunstwerk montierte. Merz war für Schwitters, wie er in seiner Autobiografie darlegte, ein „Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz.“ Nicht zufällig bildet sich die Assoziation mit dem Monatsnamen März, dem Synonym für frühlingshaften Aufbruch, und mit der dem Wort verwandten Tätigkeit des Ausmerzens, des Verwerfens von Zurückliegendem. Das Sammeln und Verwerten von Abfall in einem Kunstwerk ähnelt Marcel Duchamps Strategie des Aufwertens von alltäglichen Gebrauchsgegenständen, die er durch seine Signatur auf ironische und kritische Weise in den Rang von Kunstwerken erhob. Schwitters hingegen ‘entformt’ und ‘entformelt’ durch seine Collage-Technik die auf den Papierstücken gedruckten Informationen, deren Wieder-Ergänzung und Vervollständigung zur Aufgabe des Betrachters wird, der sich auf diese Weise in die Bildrealität vertieft. Die Fragmente verlieren mit ihrem gegenständlichen Charakter zugleich ihren Gebrauchswert, gewinnen dafür aber eine neue, künstlerische Qualität. | Hanna Strzoda

Le petit pont

Le petit pont

Charles Méryons dokumentierte alte Pariser Straßen und Winkel, die von der abrisswütigen ‘Haussmannisation’ im 19. Jahrhundert betroffen waren. Alte Quartiere mit ihren kleinen Häusern und Gässchen mussten zwischen 1853 und 1869 den neuen Bebauungsplänen für die französische Hauptstadt, die von Georges-Eugène Baron Haussmann für Napoleon III. entworfen worden waren, weichen. Die Bauvorhaben mehrstöckiger Bauten europäischen Stils und großer Boulevards zerstörten viele der kleinen mittelalterlichen Straßen und Viertel von Paris. Die zwischen 1850 und 1854 entstandene Serie „Eaux-fortes sur Paris“ (Paris-Radierungen) umfasst 22 Blätter und zeigt vorwiegend das mittelalterliche Paris. „Le petit pont“ (Die kleine Brücke) ist als erstes Blatt dieser Reihe entstanden. Radierungen wie diese sind jedoch keine objektiven, rein dokumentarischen Ansichten des Künstlers der Stadt, sondern es sind persönliche Eindrücke, die als Metapher einer versinkenden Welt verstanden werden können. Die dargestellte alte Brücke und das „Hôtel Dieu“ (Armenkrankenhaus) wurden kurz nach Fertigstellung der Grafik abgerissen. Fotografische Aufnahmen der Commission pour la Conservation des Monuments Historiques zeigen allerdings, dass Méryon in der Darstellung „Le petit pont“ einen Straßeneinschnitt zwischen den Gebäuden unterschlagen hat und dennoch die Fassaden der Häuser nicht angeglichen sind, sodass die Häuserfront wie eine Montage wirkt. Durch Veränderungen der tatsächlichen topografischen Situation steigerte Méryon die Raumwirkung der städtischen Landschaft. | Melanie Wilken

Weib u. Tier

Weib u. Tier

Eine weibliche Aktfigur, die wie eine Skulptur aus einem Steinblock herauswächst, lockt ein gazellenartiges Tier mit einer Blume. Das Tier erhebt sich auf den Hinterläufen und macht so ‘Männchen’. Laut Klee symbolisiert es „das Tier im Menschen (im Manne)“. Während in der ersten, im Juli 1903 entstandenen Fassung der Radierung ein geifernder Köter das Geschlecht einer hilflos gestikulierenden Frau beschnüffelt, ist das Verhältnis in der zweiten Fassung, die vom November 1904 datiert, ausgeglichener. Das Tier ist schlanker und mit einem Bockshorn ausgestattet, die Frau steht zwar abgewandt, doch wendet sie Kopf und Arm dem Tier zu. „In Beziehung auf die Psychologie der Handlung steht die Arbeit jetzt insofern höher“, erläuterte Klee seiner Verlobten Lily, „als das Weib sich nicht mehr passiv verhält, das heißt erschrickt, sondern seinen Trieb, zu coquettieren, auch im Moment der brutalen Entscheidung nicht lassen kann.“ Für den satirischen Kommentar auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander verwendete Klee verschiedene Motive aus der Kunstgeschichte. Die Frauenfigur geht auf eine antike Statue des Praxiteles zurück, wobei Klee das Venus-pudica- Motiv des Verhüllens der Scham zu einem „Venus- Koketterie-Motiv“ (Gregor Wedekind) des Enthüllens macht. Die sexuell aufgeladene Beziehung zwischen Frau und Tier ist der Grafik des 19. Jahrhunderts entlehnt und begegnet dort unter anderem bei Max Klinger und Félicien Rops. Der zeichnerische Stil, den Klee 1919 rückblickend als „gotisch-klassisch“ bezeichnete, verweist auf die Grafik des 15. Jahrhunderts, vermittelt durch den Einfluss Ferdinand Hodlers, was insbesondere die monumentale Isolierung der Figuren vor dem schwarzen Aquatinta-Hintergrund betrifft. Klee nutzt die groteske bis hässliche Abweichung von der klassischen Form, um die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Ideal- und Rollenbilder wie etwa der reinen und keuschen Frau oder des Edelmannes zu demonstrieren. Die zweite Fassung der Darstellung nahm Klee als Nummer 1 in seinen elf Radierungen umfassenden Zyklus „Inventionen“ auf, mit dem er sich als Grafiker etablieren wollte. | Dieter Scholz