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Der grosse Kaiser reitet in den Krieg

Ident. Nr.: NG MB 108/2000

ObjID: obj:961537

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Paul Klee (1879 - 1940),
Künstler*in
Datierung
1920
Weitere Titel
Sammlungstitel: Der grosse Kaiser reitet in den Krieg
Übersetzung: The Great Emperor Rides to War
Übersetzung: The Great Kaiser Rides into Battle
Geografische Bezüge
Provenienz
im Besitz des Künstlers,
1940
Nachlass/Vermächtnis: Lily Klee, Bern,
1940–1946
Klee-Gesellschaft, Bern,
1946–1952
Leihe: Buchholz Gallery - Curt Valentin, New York,
1950 - spätestens 1951
Frederick C. Schang, South Norfolk, Connecticut,
spätestens 1951 - 1953
Curt Valentin Gallery, New York,
1953 - spätestens 1954
Ward Cheney, New York,
396350
Privatbesitz, USA,
396351
Kommission: William Beadleston Inc., New York,
1991
Galerie Rosengart, Luzern,
1991–1994
Kauf: Heinz Berggruen, Berlin/Paris,
1994–2000
Abmessungen
Höhe x Breite: 31 x 23,8 cm
Erwerbung
2000 Ankauf von Heinz Berggruen mit Unterstützung der Bundesregierung und des Landes Berlin

Objektbeschreibung

Der Erste Weltkrieg war längst zu Ende und Kaiser Wilhelm II. im holländischen Exil, da schuf Klee zwei sich ergänzende Blätter mit dem „grossen Kaiser“. Er krönte damit seine Parodien der wilhelminischen Monarchie; sie zeigen den Satiriker Klee auf der Höhe seiner Zeit: Im farbkräftigen Blatt „Der grosse Kaiser, zum Kampf gerüstet“ (1921; Zentrum Paul Klee, Bern) hat er die kaiserliche Majestät in der auftrumpfenden Gebärde des Aggressors vorgeführt. Eine attrappenhafte Herrscherfigur, die Hände zu riesigen Kugelfäusten geballt und von flammendem Rot angefeuert. Im Blatt aus dem Museum Berggruen reitet der „grosse Kaiser“ durch gelbbraunen Schlamm in den Krieg. Die Kugelfäuste des „Unbesiegbaren“ sind zu kleinen Paukenschlägeln verkümmert, deren Bewegung allein den charakteristischen Bart und den Helmpickel in Schwingung hält. Nun reitet er, die spitzen Sporen klirren – doch wo ist das Pferd? Klees Wilhelm II. reitet mit geschlossenen Augen über dem Abgrund heroischer Illusion einher, der letzte Funke von Realpolitik ist ihm abhanden gekommen. Der Künstler gibt die Travestie von Pathos und Lächerlichkeit, Großmannssucht und Hinfälligkeit eines autoritären Feudalsystems, das mit dem Weltkrieg und der Novemberrevolution von 1918 zu Ende war. | Roland März

Letzte Aktualisierung: 24.06.2026

Kontakt

Einrichtung:

Museum Berggruen

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Frauenbildnis

Frauenbildnis

Auf die Frage, warum er den Krieg nicht male, gab Picasso die inzwischen berühmte Antwort: „Ich habe den Krieg nicht gemalt, weil ich nicht die Art Maler bin, der wie ein Fotograf darauf aus ist, etwas abzubilden. Aber ich bin sicher, dass der Krieg Eingang genommen hat in die Bilder, die ich geschaffen habe“ (zit. nach Franz Meyer, Picasso und die Zeitgeschichte, in: Picasso im Zweiten Weltkrieg, 1939 bis 1945, Ausst.-Kat., Köln, 1988, S. 97). Der Krieg zeigt sich unter anderem auch – nach Christian Zervos – in der veränderten Palette, die sich von einer lauten Buntheit zu graugrünen Tönen gewandelt hat, der Farbe der deutschen Uniformen (Brigitte Léal, in: Picasso and Portraiture, Ausst.-Kat., New York, 1996, S. 399). In dem sehr eng gefassten Bildausschnitt sehen wir das im Verhältnis zum Oberkörper übertrieben große Gesicht. Diese Form der Disproportionierung gibt der Dargestellten, vermutlich Dora Maar (1907–1997), den Anschein einer Zwergin, die an Diego Velázquez’ „Las Meninas“ (1656; Prado, Madrid) erinnert. In die gegeneinander verschobenen, aufgeklappten Gesichtshälften mischen sich die Züge von Picassos Hund Kazbek (ebd., S. 396). Der Hund wie auch der Gestus der aufgestützten Hand zählen zu dem klassischen Repertoire der Melancholie. Sie spricht auch aus den großen braunen Augen, die mit unendlicher Traurigkeit ins Leere gewandt sind. Das gespaltene Gesicht verharrt in stummem Leiden, dem jede Aggressivität fehlt. | Angela Schneider

Chinesisches Porzellan

Chinesisches Porzellan

Nichts an diesem seltsamen Bild will sich so recht zusammenbringen lassen. Man sieht pflanzenartig aus dem Boden wachsende Gefäße, darüber zwei Geschöpfe mit breiten Mündern, dazwischen wirre Kreuz- und Kreisformen. Stückweise lassen sich aber Fragmente identifizieren: die Kreuze als christliche Symbole, die Kreise als Hostien, die Gefäße als liturgisches Gerät (Kelch, Ziborium, Monstranz), die Mütze des Mundgeschöpfes als Birett. In der Summe ergibt sich eine scharfzüngige Darstellung des gottesdienstlichen Rituals der Eucharistie, in dem Brot und Wein zu Leib und Blut Christi gewandelt werden. Die aggressiv roten Farbschlieren visualisieren dabei den Ausspruch Jesu beim letzten Abendmahl: „Das ist mein Blut.“ Am Rand des Bildes steht ein Mann, der an einen jungen Priester in zu großer Kutte erinnert. Er wirkt überrumpelt davon, dass die beiden Flugwesen ihn in eine Formation einbinden, die sich als Parodie der dreifaltigen Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist präsentiert. Das Wesen in der Mitte ähnelt einer Heilig-Geist-Taube, der statt Flügeln obszön gespreizte Beine gewachsen sind. Der so zur Vulva mutierte Mund assoziiert sexuelle Fantasien. Die Fleischlichkeit steht im harten Gegensatz zur Spiritualität der Szene, und so scheint auch der Titel „Chinesisches Porzellan“ lediglich einer Profanierung der Szene zu dienen – denn sakrale Gefäße sind meist aus Edelmetallen gefertigt, während Porzellan in die Sphäre des sonntäglichen Hausgebrauchs gehört. | Christina Thomson

Glas und Würfel

Glas und Würfel

Der Kelch des Glases ist über dem Fuß durch einen weißen, in Gouache gezogenen Halbkreis angedeutet. Das Glas erhält seinen Raum durch das aufgeklebte Stück Zeitung, das einzige in einem kubistischen Werk in der Sammlung des Museum Berggruen (alle anderen sind gemalt); es gibt Kurse von Wertpapieren und Edelmetallen wieder, wie sie Picasso häufiger in seine Werke integrierte. In „Flasche auf einem Tisch“ (1912; Musée Picasso, Paris) malte er mit wenigen Strichen direkt auf eine umgedrehte Zeitungsseite mit der gut lesbaren Überschrift „La semaine financière et économique“ (Die Finanz- und Wirtschaftswoche). Monetäre Implikationen hat auch die von Heinz Berggruen erzählte kuriose Geschichte, wie er 1955, ein Jahr nach dem Ankauf des Bildes „Glas und Würfel“ aus der Sammlung der Vicomtesse Marie-Laure de Noailles, einer Mäzenin der Avantgarde, es plötzlich bei dem US-amerikanischen Sammler Klaus Perls wiederfand. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Fälschung durch den Liebhaber der Vicomtesse, den surrealistischen Maler Óscar Domínguez, der das Original ohne das Wissen seiner Geliebten über einen Mittelsmann an Berggruen verkauft hatte und seine Fälschung an die Wand hing, bis de Noailles diese an Perls veräußerte (Heinz Berggruen, Hauptwege und Nebenwege, Frankfurt am Main 1999, S. 224 f.). Ein Vergleich des eingeklebten Zeitungspapiers mit einem Foto des Originals hätte den Fall rechtzeitig aufdecken können, denn Domínguez konnte für seine Fälschung unmöglich den gleichen Zeitungsschnipsel finden. | Gabriel Montua

Frau mit Hut

Frau mit Hut

Dora Maar (1907–1997) und Picasso sind einander wohl im Winter 1935/1936 durch die Vermittlung von Paul Éluard begegnet, der beide von den Treffen der Surrealisten her kannte. Legende ist jene Szene im Café Deux Magots, die Picassos spätere Lebensgefährtin Françoise Gilot schilderte: „Sie trug schwarze Handschuhe mit applizierten rosa Blümchen. Plötzlich streifte sie die Handschuhe ab, nahm ein langes spitzes Messer und begann es zwischen ihren gespreizten Fingern in den Tisch zu bohren. Als das Spiel zu Ende war, troff ihre Hand von Blut. Er war fasziniert“ (Françoise Gilot und Carlton Lake, Leben mit Picasso, München 1965, S. 76). Diese Faszination fand in unzähligen Bildern von Dora Maar Ausdruck. Ihr Gesicht wurde weit mehr als jedes andere Sujet zum Emblem der Kriegsjahre. Leid, Zerstörung, Angst und Hoffnungslosigkeit lassen sich in den vielfach grotesk verzerrten Ansichten dieser ausnehmend schönen Frau wie auf einem Barometer ablesen. Das Bild vom April 1938 ist vergleichsweise ausgewogen, sehr hoheitsvoll und distanziert. Daran ändert auch der kleine karnevaleske Hut, den Picasso ihr gerne verpasste, nichts. In sanftem Schwung sind Gesicht, Hut und Schultern gezeichnet. Die mit Feder und Kohlestift in das Pastell gezogenen Konturen liegen wie ein transparentes Gerüst über dem Körper und den gleichsam atmenden Farbflächen. „Ganz zum Schluss“, so Richard Kendall, „hat Picasso das Gesicht mit feinen Linien überzogen, die wie ein nervöses Spinnennetz über der weißen Haut liegen“ (Léal, in: New York- Paris 1996/1997, S. 387). | Angela Schneider

Erwachende

Erwachende

Figur und Landschaft in der Grenzsituation von Nacht und Tag, Schlaf und Erwachen, Aufstehen und Davoneilen. Ein marionettenhafter Kopf mit magischem Auge, darüber das Zeichen der Nacht. Doch der Morgen bricht an, die Gestirne gehen auf. Am Horizont die Tanne und ein spiraliges Gewächs, die Natur regt sich. Die halb liegende, halb sitzende Gestalt der „Erwachenden“ ist eingewoben in das schwingende Lineament von Erdreich und Himmel. Durchgängige Wellen stoßen auf segmentierte Körperpartien. Der Stachel der Bewegtheit geht vom schwarzen Pfeil aus, der in den Schoß der metamorphotischen Figur führt, Gestalt und Landschaft sind im „Wellenbad“ der Bänder in schaukelnder Balance gehalten. Locker umspielen die Linien und Kreuzschraffuren die kontrapunktisch geführte Figuration, in der sich die Natur zum Menschen und der Mensch zur Natur verwandelt. Mensch, besinne dich auf dich selbst und auf deine Bezüge zu Natur und Kosmos. Bewegt war auch die Wanderschaft dieses bedeutenden frühen Streifenbildes von Klee, über das Heinz Berggruen 1997 im „Berliner Kurier“ berichtete: „Anfang der 60er Jahre lebte ich als Kunsthändler in Paris. Heute kaum vorstellbar – aber den Klee verkaufte ich für umgerechnet 600 Mark nach Kalifornien. Ich spüre immer mal Bildern nach, die von mir in die Welt gingen, und frage gelegentlich an, ob sich etwas zurückkaufen läßt. Die Kalifornier freuten sich, dass ihr Klee jetzt in einem Berliner Museum hängt und so ihren Lebensabend sichert.“ | Roland März

Der Verliebte

Der Verliebte

Der Verliebte – der in seiner Form auf die Zeichnung „Kopfträger“ aus dem Jahr 1922 (Zentrum Paul Klee, Bern) zurückgeht – hebt ab, schwankt wie ein hohler Globus im siebten Himmel, ein aufgeblasenes, kopflastiges Wesen mit verkümmertem Körper. In seinem grauen Gehirn lagert diagonal das korsettierte Mädchen, ihr Kopf mit Locken und Herzmund, unten ganz Marionette mit gespreizten Schenkeln und hochhackigen Schuhen, ein „zweites Gesicht“ sitzt in der Scham. Der eifersüchtige Egomane glotzt verbiestert, die Hampelfrau als Objekt sexueller Begierde. Mit Ironie hat Klee die erotischen Sehnsüchte in der Balance gehalten und sie zugleich zerstört. Die Lithografie „Der Verliebte“ entstand in einer Auflage von 100 Exemplaren für die 1923 in Weimar erschienene „Meistermappe des Staatlichen Bauhauses“ mit acht Blättern von Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Gerhard Marcks, László Moholy-Nagy, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Lothar Schreyer und eben Klee. Dessen Blatt wurde in der gesamten Auflage auf einer roten Tonfläche gedruckt, während das vorliegende Werk aus dem Museum Berggruen – in dieser Form ein Unikat – als erster Zustand der Lithografie in Schwarz-Weiß die spätere Zutat des violinschlüsselartigen Gebildes am Körper des Mannes und die Inschrift „der Verliebte“ noch nicht enthält. Klee hat den ersten Zustand handschriftlich bezeichnet: „1923 91 Der Verliebte Probedruck des schwarzen Steines erster Zustand, handaquarelliert Klee“. | Roland März

Kopf eines Fauns

Kopf eines Fauns

„An die Stelle des Minotaurus“, so Jürgen Thimme, „tritt erst zögernd, dann immer entschiedener ein verwandtes Wesen, der bockshörnige Faun oder Satyr, die beide von Picasso ähnlich dargestellt werden. Zunächst ist er vom Minotaurus noch kaum zu unterscheiden. Sein erstes Auftreten lässt sich auf den 7. April 1936 festlegen.“ Bekannter als diese Zeichnung, die einen sanften Faun mit seiner jungen Familie zeigt und vermutlich auf Marie-Thérèse Walter und die 1935 geborene, gemeinsame Tochter Maya anspielt, ist die Aquatinta aus der „Suite Vollard“. Darauf enthüllt der kniende Faun eine schlafende junge Frau, deren verführerischer Körper nun im gleißenden Sonnenlicht erscheint. Die Kreidezeichnung des Museum Berggruen unterscheidet sich von dieser Darstellung vor allem durch die Reduktion auf den Kopf des Fauns, der, seines mythischen Kontextes weitgehend beraubt, so Porträtcharakter erhält. Der aufmerksam blickende Kopf lässt sich mühelos in die Reihe der Porträts von Dora Maar („Tête de femme au chapeau“, NG MB 64/2000) einordnen, die die Jahre nach „Guernica“ (1937; Museo Reina Sofía, Madrid) bestimmen. Die schrillen Pastellfarben, die in der Kombination von giftigem Grün, Violett, Rot, orangefarbenem Gelb und Blau einen bengalischen Klang erhalten, verleihen diesem Kopf neben einer gewissen hysterischen Effeminierung einen Zug des Halluzinierten, des verführerisch Teuflischen, das sich, bei aller Vorsicht, als politischer Kommentar verstehen lässt. Interessanterweise verschwinden Minotaurus und Faun während der Kriegsjahre, um dann 1946 als heitere Gestalten wieder aufzutauchen. War der Minotaurus der Gefährte Marie-Thérèse Walters und Dora Maars, so gehört der Faun in die Zeit Françoise Gilots, die die Nachkriegsjahre mit Picasso verbringt. | Angela Schneider

Sitzende Frau

Sitzende Frau

Die Tuschzeichnung mit dem lapidaren Titel „Sitzende Frau“ ist ein schwer nachvollziehbares Werk des Künstlers. In dem Blatt sind die Bildzeichen überwiegend geometrisierend abstrahiert. Einzig in der unteren Körperpartie der „Sitzenden“ nimmt der Schoß mit den wie Blutwürste abgeschnürten Beinstümpfen eher organische Formen an, als ob die intime Schamgegend der Frau real am ehesten verletzbar sei. Sie wird auch nicht so recht abgeschirmt von der gewölbeartigen Halbschale des Leibes, über der sich die geometrisierende Struktur eines komplizierten und dennoch ausgewogenen Bauwerkes entwickelt. Obschon die Deformationen in Picassos Darstellung des Körperlichen bereits in den 1920er-Jahren eingesetzt hatten, traten sie in dieser extremen Weise erst in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre zutage. Ein Grund dafür könnten politisch-gesellschaftliche Missstände ab Mitte der 1930er-Jahre gewesen sein: eine Militärrevolte gegen die Volksfrontregierung in seinem Geburtsland Spanien, die der Faschist Francisco Franco zu einem Bürgerkrieg ausweitete; die Zerstörung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor am 26. April 1937, auf die Picasso im selben Jahr mit dem wandgroßen, anklagenden Gemälde „Guernica“ (Museo Reina Sofía, Madrid) reagierte. Auch die Aktion „Entartete Kunst“ im Juli 1937 in Deutschland ließ den Maler keineswegs gleichgültig. All dies führte offenbar zu einer Expressivität, die sich in extremer Deformation und Dissoziierung, der willkürlichen Setzung von Körperteilen und Fragmenten äußerte. | Hans Jürgen Papies